In Großbritannien soll die Polizei ihre Verhaltensregeln im Umgang mit ethnischen Minderheiten ändern, nachdem Beamte nach einem Messerangriff Täter und Opfer verwechselt haben. Im Dezember vergangenen Jahres wurde der verblutende weiße Student Henry Nowak in Southampton in Handschellen gelegt, während die Polizisten dem Täter, einem indischstämmigen Sikh, zunächst glaubten, er sei rassistisch beleidigt und angegriffen worden. Der Fall ist jetzt nach dem Urteilsspruch gegen Vickrum Digwa bekannt geworden, der zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt wurde.Erst vor rund einem Jahr hatte die Aufsichtsinstanz der britischen Polizeibehörden eine „Anti-Rassismus-Verpflichtung“ veröffentlicht, die Polizeibeamte anweist, sie sollten Straftäter und Verdächtige gemäß deren ethnischer Zugehörigkeit behandeln. Die Sicherheitskräfte sollen bei dem Kontakt mit „Individuen und Minderheitsgemeinschaften auf deren spezielle Bedürfnisse, Umstände und Erfahrungen achten“. Weiter heißt es, die Polizei solle sich bewusst sein, dass ihre Handlungen von den Minderheiten auf deren Rasse bezogen würden und sich deswegen bemühen, „Schaden zu vermindern“. Es sei darauf zu achten, dass Festnahmen und Anklagen unter den verschiedenen Ethnien „ausgewogen“ gehandhabt würden, auch wenn die Kriminalitätsraten Unterschiede aufwiesen.Das Gebot der Anweisung, die vom „Nationalen Rat der Polizeipräsidenten“ herausgegeben wurde, lautete allgemein, die Polizei dürfe nicht „farbenblind“ sein und den ethnischen Hintergrund von Verdächtigen ignorieren, sie solle vielmehr in ihrem Handeln „Gleichheit“ durch „Fairness“ ersetzen.Anti-Rassismus-Richtlinie wird überprüftDie für Southampton zuständige Polizeibehörde von Hampshire und der Isle of Wight hatte zuvor nach Angaben der britischen Zeitung „The Times“ schon eigene Handlungsanweisungen veröffentlicht. Diese forderten ihre Polizisten auf, in Bezug auf ethnische Minderheiten „Wirkung, Traumata und Geschichte“ von deren Umgang mit Sicherheitsbehörden im Kopf zu behalten. Diese Anweisung war damals eine Reaktion auf die Tötung des schwarzen Amerikaners George Floyd durch Polizeikräfte im Jahr 2020, die auch von der Polizei in Hampshire als eine „Wegscheide für die Polizeiarbeit im Vereinigten Königreich“ begriffen wurde, welche „die Notwendigkeit eines wirksamen Wandels“ angestoßen habe.Die für Polizei zuständige Parlamentarische Staatssekretärin im Innenministerium, Sarah Jones, sagte am Mittwoch, es sei richtig, dass der Rat der Polizeipräsidenten die Anti-Rassismus-Richtlinie nun überprüfen wolle. „Dieses Dokument fühlt sich nicht richtig an.“Die britische Oppositionsführerin Kemi Badenoch verlangte in einer ersten Reaktion, nun müsse „die ganze unsinnige angebliche Anti-Rassismus-Arbeit überprüft und hinweggewischt werden, die im Jahr 2020 anfing“. Jeder müsse als Individuum beurteilt werden, nicht nach der Farbe seiner Haut, sagte die Parteichefin der Konservativen, die selbst nigerianische Wurzeln hat.Farage empfiehlt „pure, kalte Wut“Ihr „Schatten“-Innenminister Chris Philp gab an, die irrtümliche Annahme, das Opfer Nowak sei der Täter gewesen, sei nur das jüngste in einer Kette von Beispielen, in denen die Behörden Entscheidungen aufgrund von ethnischen Zugehörigkeiten fällten. Er nannte als Beispiel den Messerattentäter von Southport, Axel Rudakubana, dessen Eltern aus Ruanda nach Großbritannien geflohen waren, der drei Mädchen in einem Tanzkurs erstach und den die Schulbehörden früher als auffällig hätten melden können. Und den gleichfalls aus Afrika stammenden Valdo Calocane, dessen schwere schizophrene Störung nur zögernd von den Behörden behandelt wurde und der in Nottingham drei Passanten tötete.Der Chef der rechtspopulistischen Reform-Partei, Nigel Farage, sagte mit Blick auf den Fall Nowak, die Öffentlichkeit werde mit „purer, kalter Wut“ reagieren. Währenddessen kündigte sein innenpolitischer Sprecher Zia Yusuf an, Reform UK werde im Falle einer Regierungsübernahme ein „Gleichbehandlungsgesetz“ beschließen, das die Polizei „aus der Gefangenschaft der Progressiven“ löse. Rechtsextremistische Gruppierungen bemühen sich unterdessen, den aktuellen Fall zur Mobilisierung ihrer eigenen Anhänger zu nutzen.Ein Demonstrationsaufruf des Rechtsextremisten Tommy Robinson, dessen richtiger Name Stephen Yaxley-Lennon ist, brachte in Southampton rund 2000 Demonstranten auf die Straße. Sie wiederholten rufend den Satz, den das sterbende Messeropfer Nowak mehrfach gerufen hatte, was damals von Polizeikameras eingefangen wurde: „Ich kann nicht atmen.“ Die Demonstranten versuchten später, in die Nähe des Wohnhauses des verurteilten Täters Digwa zu gelangen; es kam zu Zusammenstößen mit der Polizei und zu zwei Festnahmen.Premierminister Keir Starmer sagte, wie groß der Schmerz über das erstochene Gewaltopfer Nowak auch sei, es böte keine Rechtfertigung für neue Gewalt auf den Straßen britischer Städte. Im Blick auf die Äußerung Farages fügte er hinzu, jetzt sei ein Augenblick für „ernsthafte Arbeit, nicht für Wut“.