Die junge Generation bricht mit AmerikaDie Alten erinnern sich an Kaugummis, die Jungen denken an Trump. Die Bindung zu den USA erodiert in Deutschland und Europa. Das hat Konsequenzen für die Zukunft der transatlantischen Beziehungen.03.06.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenPalm Beach am 5. November 2024. Wenig später wird Donald Trump hier seine Wahl zum Präsidenten feiern.Carlos Barria / ReutersDonald Trump schadet dem Ansehen Amerikas. Mittlerweile vertrauen nur noch 42 Prozent der Europäer den USA als Partner. Das ergab eine Umfrage der Bertelsmann-Stiftung vom März. Nur 31 Prozent sehen die USA als wichtigsten Verbündeten an, im September 2024 waren es noch 51 Prozent.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Zwischen September 2024 und März 2026 liegen eineinhalb Jahre. Trump wurde zum zweiten Mal Präsident, er begann einen Handelskrieg mit der Welt und einen richtigen Krieg in Nahost. Er wollte Grönland annektieren, brüskierte seine Verbündeten und legte sich mit dem Papst an.In den Köpfen der Europäer verfestigt sich nun eine Gewissheit, die sie lange erahnt hatten: Amerika ist irgendwie verrückt geworden. Ganz besonders fest scheint diese Überzeugung bei jüngeren Menschen zu sein. Um zu verstehen, warum, braucht es einen Rückblick auf 2017. Jenes Jahr, als Donald Trump das erste Mal Präsident wurde.Verunsicherung prägt das Bild von AmerikaZwei Wochen nach Trumps Inauguration zeigte ihn im Februar 2017 das deutsche Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» als Henker der Freiheitsstatue. Das Blut tropfte, Trump hielt das Messer schreiend in der Hand. Die deutsche Öffentlichkeit fürchtete sich vor Trumps rabiatem Stil und suchte einen Ausweg in der Verhöhnung des Präsidenten.Die Politik ging nüchterner vor. Drei Monate nach dem «Spiegel»-Artikel sagte Angela Merkel in einem Münchner Bierzelt: «Die Zeiten, in denen wir uns auf andere völlig verlassen konnten, die sind ein Stück vorbei.» Die damalige Bundeskanzlerin war kurz zuvor vom G-7-Gipfel in Italien zurückgekehrt, auch ein Treffen mit der Nato war enttäuschend verlaufen.Merkel erkannte, dass sich die transatlantischen Beziehungen verändern würden. Sie sagte im Bierzelt: «Wir Europäer müssen unser Schicksal wirklich in unsere eigene Hand nehmen.» Die Tragweite ihrer Worte verstanden aber weder sie noch der Rest der deutschen Gesellschaft. Aus der Analyse der Gegenwart scheuten sie die Konsequenzen für die Zukunft.Über Jahre versuchte die deutsche Regierung, den Wandel in Washington einfach auszusitzen, die Medien echauffierten sich weiter über Trump, in den sozialen Netzwerken machte man ihn zur Witzfigur. Als Biden vier Jahre später an die Macht kam, erklärte man Trump zum Spuk der Geschichte. Die amerikanische Demokratie schien gerettet, die Welt von einem Populisten befreit zu sein.Doch der Ruf des Landes war ramponiert. Und so recht wunderte sich kaum noch jemand, als Trump als Präsident zurückkehrte. Und hier liegt das Problem für die USA.Die USA wurden zum Fragezeichen für den WestenAus dem weltweiten Garanten von Demokratie und Ordnung ist ein Fragezeichen für den Westen geworden. Wie sicher ist die Demokratie in Washington? Wie verlässlich sind die USA als Partner noch? Welche Alternativen zu ihnen gibt es? Solche Fragen prägen heute den Diskurs über die USA in Deutschland – und Europa.Die Auswirkungen auf die Soft Power des Landes sind enorm. Jene weiche Seite der Macht, die einem Staat erst richtig Kraft verleiht. Kraft, weil die Menschen ihm aus Überzeugung folgen. Nicht aus Zwang. Die USA beherrschten das Spiel mit ihr wie kaum ein anderes Land.Die Amerikaner kamen als Soldaten nach Europa, kämpften gegen die Nazis, besetzten Teile Westdeutschlands. Doch sie wurden nicht zu gefürchteten Besetzern. Sie agierten mit Milde, riefen den Marshall-Plan aus und förderten den Wiederaufbau des Landes. Den Kindern schenkten die Soldaten Kaugummis und Schokolade, die Rosinenbomber versorgten Westberlin ein Jahr lang aus der Luft. Wer es erlebt hat, erzählt heute noch davon. Im Osten sehnten sich viele nach der Freiheit, die Amerika versprach. Auch sie erzählen davon.Die Kaugummis und die Schokolade haben Generationen von Deutschen geprägt. Die Amerikaner erschienen im Grunde gut, daran änderte auch die 68er-Bewegung wenig. Die linke Jugendbewegung kritisierte die USA für ihre internationale Politik, den Krieg in Vietnam, für ihre Zusammenarbeit mit alten Nazi-Grössen. Sie skandierte «Ami, go home». Doch da waren auch Bob Dylan, Woodstock, Martin Luther King. Dem Freiheitsversprechen Amerikas konnten sich selbst die jungen Linken nicht entziehen.Die Jüngeren zeigen sich von Trump kaum noch schockiertWer heute jung ist, erlebt etwas völlig anderes. Seit neun Jahren werden die USA zunehmend infrage gestellt, der Präsident zum Schlächter der Weltordnung erklärt, die amerikanische Gesellschaft problematisiert. Nicht nur von den extremistischen Rändern, sondern von der Breite der Gesellschaft. Die jungen Menschen wachsen mit einem Amerika-Bild auf, das vor allem negativ geprägt ist. Das hat Konsequenzen. Und die zeigen sich in der Studie der Bertelsmann-Stiftung.Es ist nicht so, dass die jungen Leute besonders starke Antipathien gegen Amerika hätten. Sie blicken heute sogar etwas weniger kritisch auf das Land als die Älteren. Bemerkenswert ist, wie konsistent ihre Ablehnung ist. Das unterscheidet sie von den älteren Generationen, deren Abneigung in den vergangenen eineinhalb Jahren gestiegen ist.81 Prozent der befragten Deutschen ab 56 Jahren stimmten im März der Aussage zu, dass Europa nun seinen Weg ohne die USA gehen solle. Das sind 23 Prozentpunkte mehr als vor Trumps zweiter Amtszeit. Bei den jungen Deutschen ist die Ablehnung um nur 1 Prozentpunkt gestiegen. Trotz Trumps politischen Eskapaden.Die Jüngeren zeigen sich von Trumps zweiter Präsidentschaft weniger schockiert als die Älteren. Das lässt nun zwei Interpretationen zu. Erstens: Den jungen Europäern sind sowohl Trump als auch die Politik egal. Das ist unwahrscheinlich. Zweitens: Das Amerika-Bild der Jüngeren ist schon so negativ geprägt, dass es Trump nicht weiter erschüttern kann. Das ist schon plausibler. Eine in der Jugend gelernte Gewissheit ist besonders fest. Trumps zweite Amtszeit erscheint aus dieser Perspektive bloss wie eine Konsequenz in einem Land, das in Unordnung geraten ist.Die Prägungen der Jugend mögen auch den starken Ausschlag bei den älteren Deutschen erklären. Wer eine früh gelernte Gewissheit revidieren muss, hat es besonders schwer und reagiert mitunter heftig. Trump droht nun vollends das Amerika-Bild vieler Deutscher zu zerbrechen, sie zeigen sich entsprechend brüskiert. In ihrer Reaktion steckt Enttäuschung.Doch Enttäuschung öffnet einen Raum zur Wiedergutmachung. Gut möglich, dass der Blick der Älteren auf Amerika wieder positiver wird, sollte Trumps Politik einmal zu Ende gehen. Trump könnte noch immer zum Sonderfall der Geschichte erklärt werden, die Freundschaft zu Amerika gerettet werden. Bei den Jüngeren ist ein schneller Meinungsumschwung hingegen kaum zu erwarten. Die trumpeske Unordnung der Welt mit all ihren Kriegen ist für sie der Normalzustand, eine andere Welt müssten sie erst kennenlernen.Für die transatlantischen Beziehungen verspricht das wenig Gutes. Wenn nur noch eine Minderheit an die USA als Wertepartner glaubt, werden sich die transatlantischen Beziehungen grundsätzlich verändern.Die Zukunft der transatlantischen Beziehungen beginnt heuteGeht die transatlantische Verbundenheit zugrunde, wird das Europa und die USA vor enorme Herausforderungen stellen. Es ist eine der ersten Erkenntnisse aus der noch jungen multipolaren Weltordnung: Alleingänge glücken selten, ohne Partner hat man es schwer. Die USA und Europa verbindet viel, und sie haben über Jahrzehnte gut zusammengearbeitet. Getrennt werden beide deutlich schwächer sein.Noch glaubt eine Mehrheit der Deutschen an die Notwendigkeit einer Partnerschaft mit den USA, auch das zeigt die Bertelsmann-Studie. Über 60 Prozent der befragten Deutschen sind davon überzeugt, dass die Mitgliedschaft in der Nato den Frieden sichert – über alle Altersgruppen hinweg. Doch nur noch die wenigsten vertrauen den USA wirklich. In anderen europäischen Ländern sieht es ähnlich aus.Ein Verteidigungsbündnis funktioniert nur, wenn sich seine Partner vertrauen. Doch das Verhältnis zwischen Europa und den USA ist gegenseitig erschüttert. Wollen beide ernsthaft an den transatlantischen Beziehungen festhalten, sollten sie daran denken, dass Vertrauen bei einem wertschätzenden Umgang miteinander beginnt. Auf beiden Seiten des Atlantiks. Erst dann lässt sich die Beziehung gestalten.2017 wurde Donald Trump zum ersten Mal Präsident. Es könnte als das Jahr in die Geschichte eingehen, in dem Amerika seine Macht auf unauffindbare Weise in der Welt verloren hat. Oder als Beginn einer transatlantischen Krise, aus der Amerika und Europa gestärkt hervorgegangen sind. Noch ist die Zukunft offen.Passend zum Artikel
Europa verliert Vertrauen in Amerika. Das hat Konsequenzen für die transatlantischen Beziehungen
Die Alten erinnern sich an Kaugummis, die Jungen denken an Trump. Die Bindung zu den USA erodiert in Deutschland und Europa. Das hat Konsequenzen für die Zukunft der transatlantischen Beziehungen.






