Das Ehegattensplitting ist das Reizthema der Steuerpolitik – den einen ist es heilig, die anderen sehen es als Bremse für Frauen auf dem Arbeitsmarkt. Umso bemerkenswerter ist die breite Allianz von Fachleuten aus verschiedenen Lagern, die sich jetzt geschlossen für eine Reform des Splittings starkmachen. In einem offenen Brief an Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) unterstützen sie einen Übergang zu einem Realsplitting, das verschiedene bisherige Bedenken ausräumen soll.Mit Ifo-Präsident Clemens Fuest, dem DIW-Chef Marcel Fratzscher, dem Kieler Institutspräsidenten Moritz Schularick und dem linken Sachverständigenratsmitglied Achim Truger gehören Ökonomen zu den Unterstützern des Reformvorschlags, die sonst selten auf einen Nenner kommen. Auch zwei frühere Verfassungsrichterinnen unterstützen den Vorstoß.Kindergeld auf 316 Euro erhöhenInitiiert wurde der Brief, der der F.A.Z. vorliegt, von der Sachverständigenratsvorsitzenden Monika Schnitzer, der Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung, Nicola Fuchs-Schündeln sowie der DIW-Ökonomin Katharina Wrohlich.Konkret fordern die Forscher, das heutige Ehegattensplitting, das besonders stark Ehepaare mit hohen Einkommensunterschieden begünstige, durch ein begrenztes Realsplitting für Ehepartner zu ersetzen. Künftig solle also nicht mehr das gesamte Einkommen beider Ehepartner zusammengerechnet, halbiert und nach dem Splittingtarif besteuert werden. Stattdessen soll die Person mit dem höheren Einkommen bis zu 13.805 Euro vom eigenen Einkommen abziehen dürfen. Die geringer verdienende Person muss diesen Betrag dann als sonstige Einkünfte versteuern.Das Modell orientiere sich an den bestehenden Regeln für Unterhaltszahlungen zwischen getrennt lebenden oder geschiedenen Ehepartnern. Auf diese Weise soll gewährleistet sein, dass Ehepaare steuerlich nicht schlechter gestellt werden als geschiedene Paare, was verfassungsrechtlich problematisch wäre.Für viele Familien würde allein diese Änderung eine Mehrbelastung bedeuten. Darum fordert die Forscher-Allianz, die Mehreinnahmen des Bundes vollständig in die Förderung von Familien und Kindern zu leiten und den Kinderfreibetrag sowie das Kindergeld zu erhöhen – das Kindergeld von 259 Euro auf 316 Euro, den Kinderfreibetrag von 9756 Euro auf 11.902 Euro. „Der Reformvorschlag hebt beide Leistungen um rund 22 Prozent an“, schreiben die Ökonomen, die ihren Vorschlag von einer Forschergruppe des Ifo-Instituts haben durchrechnen lassen.In dieser Umleitung des Geldes sehen die Verfasser des Briefes den zentralen Vorteil ihrer Idee: „Die Reform nimmt nicht Familien etwas weg, sondern verschiebt die Förderung dorthin, wo die tatsächliche Verantwortung für Kinder entsteht — unabhängig davon, ob Eltern verheiratet sind, unverheiratet zusammenleben oder ein Kind allein erziehen.“Allerdings hätte die Reform nicht nur Gewinner. Paare mit Kindern hätten mehr Geld in der Tasche – durchschnittlich 585 Euro pro Jahr. Paare ohne Kinder hätten netto 316 Euro weniger, besonders betroffen wären Paare, bei denen es einen Hauptverdiener gibt. Insgesamt halten die Forscher das Reformmodell für „sozial ausgewogener als das heutige System“. Haushalte mit niedrigeren und mittleren Einkommen würden im Durchschnitt entlastet. Stärker belastet würden den Berechnungen zufolge die oberen beiden Einkommensdezile.Das Modell zielt darauf, es insbesondere für Frauen finanziell attraktiver zu machen, mehr Stunden im Beruf zu arbeiten. Deutschland hat in Europa eine der höchsten Teilzeitquoten, vor allem Frauen arbeiten oft nicht in Vollzeit. Das Modell sei „auch eine Frage wirtschaftlicher Notwendigkeit“, heißt es in dem Brief. Deutschland stehe angesichts des demographischen Wandels vor einem wachsenden Arbeits- und Fachkräftemangel. „Wir können es uns nicht leisten, Erwerbspotenziale ungenutzt zu lassen.“Klingbeil: Steuersystem aus letztem JahrhundertIn einer Simulationsrechnung ermittelten die Ökonomen, dass sich das Arbeitsangebot mittelfristig um rund 49.000 Vollzeitäquivalente erhöhe. Für bestehende Ehen schlagen die Forscher Übergangsregeln vor, bis die positiven Effekte der Reform voll greifen, könne es zunächst zu Mehrausgaben des Staates von etwa 1,3 Milliarden Euro pro Jahr kommen.Ob der geballte Aufschlag der Fachleute im Kanzleramt Wirkung entfaltet, bleibt abzuwarten. Die Verfasser des Briefes werben damit, dass der Vorschlag die steuerliche Anerkennung der Ehe, eine gezieltere Förderung von Familien mit Kindern und bessere Erwerbsanreize für Zweitverdienende miteinander verbinde.Finanzminister Klingbeil befürwortet eine Reform, in seiner „Bertelsmann-Rede“ im März hatte er mit Blick auf das Ehegattensplitting von einem „Steuersystem aus dem letzten Jahrhundert“ gesprochen. Nun hält er ein konkretes Reformmodell in den Händen, mit dem er den Kanzler konfrontieren dürfte. Der will am bisherigen Modell festhalten.
Von Fuest bis Schularick: Ökonomen fordern Reform von Ehegattensplitting
Eine Allianz aus Ökonomen und früheren Verfassungsrichterinnen fordert die Regierung zur Reform des Ehegattensplittings auf. Ehepaare ohne Kinder würden im neuen Modell 300 Euro im Jahr draufzahlen – und Familien profitieren.









