Ungarns neuer Ministerpräsident Magyar trifft Bundeskanzler Merz in Berlin. Wie steht es um die künftige Zusammenarbeit?Peter Magyar löste Viktor Orban nach 16 Jahren als Regierungschef ab. In Berlin wachsen die Hoffnungen auf mehr Unterstützung aus Budapest für die Ukraine – doch ob sie sich erfüllen, ist offen.Eric Matt, Berlin02.06.2026, 14.08 Uhr4 LeseminutenSeite an Seite für Europa: Dieses Bild wollten Ungarns Ministerpräsident Peter Magyar (links) und Deutschlands Bundeskanzler Friedrich Merz am Dienstag vermitteln.Annegret Hilse / REUTERSAm Dienstag hat Ungarns neuer Ministerpräsident Peter Magyar seinen Antrittsbesuch in Berlin absolviert. Der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz empfing ihn vor dem Kanzleramt mit militärischen Ehren. In ihrem Gespräch ging es nach eigenen Angaben neben bilateralen und europapolitischen Themen auch um die weitere Unterstützung der Ukraine sowie um die euroatlantische Sicherheit.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Bei der anschliessenden Pressekonferenz sprach Merz von einem «grossartigen Wahlsieg», der eine Inspiration für ganz Europa sei. Für viele Ungarn sei Magyar der «grosse Hoffnungsträger dieser Zeit». Er hoffe, dass Magyar Ungarn zurück in die Mitte Europas führe, in Berlin stünden dafür die «Türen offen, Sie können auf mich zählen».Ungarn soll Blockadepolitik aufgebenAuch Magyar betonte die Hoffnung auf eine enge deutsch-ungarische Zusammenarbeit. Seine Rede begann er auf Deutsch, bevor er ins Ungarische wechselte. Er habe Merz zugesichert, «dass Ungarn ein konstruktiver Partner sein wird». Dies ist für Magyar schon allein deshalb wichtig, weil Deutschland Ungarns wichtigster Handelspartner ist. Magyar sagte jedoch auch: «Ich konnte nicht versprechen, dass wir immer einer Meinung sein werden.»Damit dürfte er vor allem die Ukraine-Hilfen gemeint haben. Die Bundesregierung hofft, dass Ungarn die von Russland angegriffene Ukraine stärker unterstützt. Denn Viktor Orban, der 16 Jahre als Ministerpräsident amtete, war für seinen russlandfreundlichen Kurs und seine Nähe zu Präsident Wladimir Putin bekannt. Immer wieder hatte Orban innerhalb der Europäischen Union sein Veto eingelegt und so etwa schärfere Sanktionen gegen Russland oder milliardenschwere Darlehen für die Ukraine verhindert. Durch Orbans Politik war die EU mitunter handlungsunfähig, da in der Aussen- und Sicherheitspolitik meist Einstimmigkeit erforderlich ist.Beim Antrittsbesuch in Brüssel war die Stimmung ausgesprochen gut zwischen Magyar und Kommissionspräsidentin von der Leyen.Virginia Mayo / APDamit soll unter Magyar Schluss sein. Er sagte anlässlich der Pressekonferenz, er wolle ein «neues Kapitel eröffnen in den ukrainisch-ungarischen Beziehungen». Magyar hatte mit seiner Tisza-Partei bei der Parlamentswahl am 12. April einen Erdrutschsieg gegen Orbans Fidesz-Partei erzielt und gar eine Zweidrittelmehrheit im Parlament erreicht. Seit Anfang Mai ist er nun Regierungschef. Magyar, 45 Jahre alt, war selbst bis vor gut zwei Jahren Mitglied von Fidesz, bevor er die Partei verliess und die Korruption in Ungarn anprangerte.Einige Staats- und Regierungschefs hoffen, dass Magyar Ungarn zu mehr Demokratie und Rechtsstaatlichkeit zurückführt. Ungarn wiederum hofft, durch Reformen endlich europäische EU-Gelder in Milliardenhöhe zu erhalten, die wegen Vertragsverletzungen und rechtsstaatlicher Defizite zurückgehalten wurden.Vergangene Woche reiste Magyar dafür nach Brüssel. Die Stadt kennt er gut: Er arbeitete dort einst als Diplomat unter Orban und sass seit 2024 für knapp zwei Jahre im Europäischen Parlament. Bei seinem Besuch traf er Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, die zusicherte, Gelder in Höhe von 16,4 Milliarden Euro möglichst bald auszuzahlen. «Das ist eine ziemliche Summe. Aber die ungarische Bevölkerung verdient sie», sagte von der Leyen. Im Gegenzug soll Ungarn bis Ende August Reformen durchsetzen. Zum Beispiel soll das Land der Europäischen Staatsanwaltschaft beitreten und stärker gegen Korruption vorgehen.Auch unter Magyar wird nicht «eitel Sonnenschein» herrschenOb Ungarn unter Magyar jedoch tatsächlich in den europäischen Mainstream zurückkehren wird, ist fraglich. Kai-Olaf Lang ist Osteuropa-Experte der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin. Er vermutet, mit Magyar werde der «ungarische Fundamentalwiderstand gegen den verfolgten Solidaritätskurs mit der Ukraine» enden. So grenze sich Magyar von Orban in seiner politischen Grundhaltung gegenüber der EU ab, wolle konstruktiver erscheinen und nicht als der Politiker gelten, der vor allem verhindere.Kai-Olaf Lang forscht zur europäischen Integration.Marc DarchingerAuch unter Magyar werde jedoch nicht «eitel Sonnenschein» herrschen, da auch er ungarische Interessen sehr entschlossen durchsetzen wolle. Dazu gehöre etwa, dass Magyar auch künftig russische Energieträger nutzen wolle oder europäische Quoten zur Verteilung von Flüchtlingen ablehne. «Zudem wird auch Magyar in puncto ukrainischer EU-Beitrittsambitionen eher zum Team Vorsicht gehören», sagte Lang der NZZ. Auch in Fragen der Ukraine-Solidarität zeichne sich keine komplette Kehrtwende ab. Magyar bekräftigte in Berlin erneut, dass «Ungarn weder Soldaten noch Waffen in die Ukraine senden wird, auch nicht unter der neuen Regierung».Diskussionen zwischen Berlin, Brüssel und Budapest könnte auch der innenpolitische Kurs Magyars bringen. Denn im Zuge der De-Orbanisierung zeigt sich Ungarns Ministerpräsident nicht nur äusserst reformwillig, sondern ist mitunter auch zu einem rigorosen Kurs bereit. So möchte er etwa den amtierenden Staatspräsidenten Tamas Sulyok wegen seiner Nähe zu Orban durch eine Verfassungsänderung aus dem Amt entfernen, wie er Anfang der Woche verkündete. Lang fragt sich: «Wird alles regelkonform zugehen, wenn Magyar den Staatspräsidenten oder andere Spitzen von Verfassungsorganen aus dem Amt drängt? Wird er verantwortungsvoll mit seiner Supermehrheit umgehen?»Parteien von Merz und Magyar sind beide in der EVP-FraktionAuf ein engeres Verhältnis zu Ungarn hoffen auch Deutschlands Parlamentarier. Der Bundestagsabgeordnete und Christlichsoziale Hans Koller ist stellvertretender Vorsitzender der Parlamentariergruppe Slowakei - Ungarn. Er sagte der NZZ, Magyars Regierung biete die Chance auf einen «Neustart in den Beziehungen». Er begrüsse jede Entwicklung, die zu einem engeren politischen und wirtschaftlichen Austausch beiträgt.Koller verwies darauf, dass Magyar und seine Partei in der EVP-Fraktion des Europäischen Parlaments sitzen. Dies ist die grösste Fraktion, zu der CDU und CSU ebenfalls gehören. Auch die Fidesz-Partei von Viktor Orban war über Jahrzehnte Teil der EVP-Fraktion, bis Orban 2021 einem Rauswurf zuvorkam und die Fraktion verliess. «Die Zugehörigkeit zur selben Fraktion bietet die Chance auf kürzere Wege, einen intensiveren Austausch und eine noch engere Zusammenarbeit», sagte Koller.Ob sich diese Hoffnung erfüllt, bleibt abzuwarten. Ein ähnlicher Optimismus herrschte 2023 in Polen, als Donald Tusk die Parlamentswahl gewann und Ministerpräsident wurde. Da auch seine Partei der EVP angehört, wurden besonders enge deutsch-polnische Beziehungen erwartet. Dies hat sich bislang jedoch nur teilweise bewahrheitet.Passend zum Artikel
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