PfadnavigationHomePanoramaMordfall Henry Nowak (18)„Ich wurde niedergestochen“, sagt der Sterbende – „Ich glaube nicht“, antwortet der PolizistStand: 13:35 UhrLesedauer: 7 MinutenDas Opfer verblutete in Handschellen – eine Polizeiaufnahme zeigt die letzten Lebensminuten von Henry NowakQuelle: AFP/-Ein 18-jähriger Student wird niedergestochen und stirbt in Handschellen, nach Luft ringend. Die Polizei hilft ihm nicht, schätzt die Situation anders ein. Der Fall Henry Nowak löst in Großbritannien Entsetzen aus.Ich bekomme keine Luft – „I can’t breathe“: Das waren die letzten, verzweifelten Worte, die der Afroamerikaner George Floyd sagte, als er am 25. Mai 2020 an den Folgen eines Polizeigriffs des US-Beamten Derek Chauvin starb. Nun macht dieser Satz erneut Schlagzeilen, dieses Mal in Großbritannien – und wieder geht es um Rassismus und eine letztlich tödliche Fehlentscheidung von Polizeibeamten.Es ist der Tod des 18 Jahre alten Henry Nowak, der im Vereinigten Königreich seit Wochen für Aufsehen sorgt. Der Student starb im Dezember 2025 in Southampton nach einem Messerangriff, auf dem Boden liegend und in Handschellen – weil die alarmierten Polizisten den Sterbenden fälschlicherweise für den Täter und einen Rassisten hielten. Der eigentliche Angreifer, der 23 Jahre alte Vickrum Digwa, der der Glaubensgemeinschaft der Sikh angehört, wurde Ende Mai verurteilt. Auch das Strafmaß wurde bereits bekannt gegeben: lebenslang, mindestens 21 Jahre Haft.Digwa stach, so rekonstruierte das Gericht in Southampton den Vorfall, sechsmal auf den ihm zuvor unbekannten Studenten ein. Dazu nutzte er ein rund 20 Zentimeter langes Zeremonialmesser, Kirpan genannt, dessen Tragen Mitgliedern dieser Glaubensgemeinschaft in Großbritannien grundsätzlich erlaubt ist. Seine Mutter hatte die Waffe später diskret vom Tatort entfernt, auch dies kam im Prozess zur Sprache. Die Polizei gerufen hatte damals Digwas Bruder Gurpreet, mit den Worten: „Wir wurden gerade von einer weißen Person rassistisch angegriffen. Ich habe gerade mein Auto abgestellt, um nach Hause zu gehen, und er hat meinen Bruder angegriffen. Wir sind Sikhs, wir tragen Turbane – und er hat meinen Bruder angegriffen.“ So zitiert der britische „Telegraph“ aus den vorliegenden Gerichtsakten und Protokollen. Der wahre Verlauf der Tat kursierte auf XSchon wenige Tage nach der Tat vom Dezember kursierte in den sozialen Medien und insbesondere auf X die Erzählung von einer Fehleinschätzung der britischen Polizeibeamten, aufgrund von falschen rassistischen Vorwürfen. Polizei-Videos, die mittlerweile unter anderem vom rechtsradikalen Influencer Tommy Robinson, aber auch von US-Milliardär Elon Musk geteilt wurden, zeigen in der Tat, wie Digwa den Beamten erzählt: Der 18-Jährige habe ihn rassistisch beleidigt, ihn geschlagen und ihm den traditionellen Turban vom Kopf gerissen. Ein Ablauf, der im Prozess nicht bestätigt wurde. Die Bodycam-Aufnahmen zeigen aber auch, dass der junge, bereits tödlich verletzte Student mehrfach um Hilfe bittet („I have been stabbed“; zu Deutsch: „Auf mich wurde eingestochen“) – woraufhin ein Polizist erwidert: „Ich glaube nicht, dass du das wurdest, Kumpel.“Dem jungen Mann, der laut „Telegraph“ insgesamt neunmal sagte, dass er keine Luft bekomme, wurden Handschellen angelegt, Hilfe bekam er nicht. Die Obduktion ergab, dass Nowak noch vor Ort und auf dem Boden an seinem eigenen Blut erstickte.Bewegende Worte des VatersEin sinnloser Tod, dazu eine unwürdige, geradezu menschenfeindliche Behandlung – so empfanden es nicht nur die Nutzer in den sozialen Medien, sondern auch der Vater des jungen Mannes. Mark Nowak hielt nach der Verkündung des Strafmaßes eine viel beachtete Rede vor dem Southampton Crown Court.„Henry hätte nicht in Polizeigewahrsam auf den Straßen von Southampton sterben dürfen. Die Art und Weise, wie er behandelt wurde, war unmenschlich und entwürdigend“, sagte der Vater des jungen Akademikers, der bei seiner Erklärung von Henrys Mutter und seinen Töchtern flankiert wurde. Und: „Henry wurde dann über den Kies gezogen, seine Hände wurden auf den Rücken gezwungen und ihm wurden Handschellen angelegt. Anstatt wie ein sterbendes Opfer behandelt zu werden, verhaftete die Polizei Henry offiziell wegen Körperverletzung und las ihm seine Rechte vor. Das war das Letzte, was er hörte.“Ganz anders erging es dem Täter an jenem verhängnisvollen Abend, klagte der Vater weiter. „Seinem Mörder wurde jedoch Anstand entgegengebracht. Man glaubte ihm. Bei seiner Festnahme waren ihm keine Handschellen angelegt. Auch als er zur Polizeistation transportiert wurde, waren ihm keine Handschellen angelegt (...). Und wie Vickrum Digwa selbst dem Gericht sagte, brachte ihn die Polizei während seiner Verhaftung sogar in die Küche, damit er sich sein Essen aussuchen konnte. Der Kontrast ist unerträglich“, so der trauernde Vater.Sein Sohn, der an dem Abend von einer Feier mit Freunden auf dem Nachhauseweg war und nur wenig getrunken hatte, wurde von ihm als „freundlicher, intelligenter und talentierter“ 18-Jähriger beschrieben, dem die Zukunft genommen worden sei. Richter William Mousley KC hatte zuvor laut BBC in seinem Schlusswort erklärt, er sei sich sicher, dass Henry Nowak nichts Rassistisches zu dem Mann gesagt habe, der ihn dann tötete. Und bevor der Richter das Strafmaß verkündete, machte er den Angeklagten auch noch darauf aufmerksam, dass seine Tat die „rassistischen Spannungen in Southampton und im ganzen Land geschürt“ habe, sodass nun „viele Sikhs um ihre Sicherheit besorgt“ seien. Und auch Vickrum Digwas Familie hat sich zu Wort gemeldet. Man empfinde, so zitiert die Zeitung „Independent“ aus der Erklärung, „tiefes Bedauern über den Schmerz und das Leid“, das die Angehörigen von Henry Nowak durchmachen müssten. Gleichzeitig baten sie darum, dass der Tod des Studenten nicht missbraucht werden dürfe, um „Spaltungen zu schüren“.Die Rechte macht sich den Fall Nowak zu eigenInsbesondere die Politiker der britischen Rechten, Nigel Farage (Reform UK) und Rupert Lowe (Restore Britain), machen den Fall Henry Nowak schon seit Wochen unermüdlich zum Thema. Farage etwa bezeichnete den Mord als Beleg für die – seiner Meinung nach – herrschende „Zwei-Klassen-Justiz“ in Großbritannien. In einer von zahlreichen Stellungnahmen zu dem Thema sagte der Vorsitzende von Reform UK sinngemäß, dass die Entscheidung der Polizei (dem Studenten Handschellen anzulegen, nachdem dieser niedergestochen worden war) belege, „dass die Rechte weißer Menschen weniger zählten als die ethnischer Minderheiten“.Farage zog zudem eine klare Parallele zum Fall von George Floyd und der Bewegung „Black Lives Matter“ – ein Vergleich, der von Beobachtern als unzutreffend und spalterisch empfunden wird. Farage erklärte: „Erinnern Sie sich an die Reaktion (...) und die Art und Weise, wie sich die Polizei verhielt? Binnen weniger Tage ging Keir Starmer auf die Knie; ‚Black Lives Matter‘ – die Bewegung breitete sich explosionsartig im ganzen Land aus; die Churchill-Statue wurde geschändet (...).“Ganz anders sei dies beim Fall Henry Nowak, behauptete Farage. Die „Eliten“ und „große Teile der Medien“ hätten auf den Tod des 18-Jährigen nur mit „Schweigen“ reagiert. „Ein Beweis – falls es je eines bedurfte –, dass wir in diesem Land in einer Zwei-Klassen-Kultur leben, in der die Rechte und Privilegien weißer Menschen weniger zählen als jene ethnischer Minderheiten“, so seine These.Und sein ehemaliger Parteigenosse Rupert Lowe – der die noch radikalere Bewegung Restore Britain gegründet und gerade erst vor dem britischen Parlament erneut den massenhaften Missbrauch junger Mädchen durch migrantische Gangs angeprangert hatte – schrieb bei X: „Wie viele weitere junge britische Männer und Frauen werden noch sterben? Auf der Straße verblutend, allein und voller Todesangst. In Handschellen, in einer Lache ihres eigenen Blutes liegend. Um Hilfe flehend. (…) Wie viele noch? Dies wird wieder und wieder und wieder geschehen. Es geschieht genau jetzt – in jeder Stadt im ganzen Land. Vergewaltigung. Sexuelle Folter. Und Schlimmeres. Ein massenhafter, systematisch betriebener Missbrauch britischer Kinder.“Kritik an Premier StarmerZahlreiche Nutzer bei X verbreiten zudem noch einmal ein altes Posting von Premier Keir Starmer: ein Foto aus dem Jahr 2024, auf dem der Premier und seine Frau in Gedenken für George Floyd niederknieten – eine damals auch von Sportlern und anderen Prominenten gern bemühte Geste der Demut für den getöteten US-Amerikaner.Das von Farage beklagte Schweigen ist mittlerweile allerdings Geschichte, der Fall Henry Nowak wird und wurde von allen großen britischen Medien aufgegriffen. Und auch der Premierminister hat sich mittlerweile zu dem Fall geäußert. Die aufgeheizte Stimmung dürfte der unbeliebte Labour-Politiker damit aber kaum beruhigen.„Das ist ein schrecklicher, schockierender Fall“, schrieb Keir Starmer in seiner Stellungnahme, die auch auf X verbreitet wurde. „Henrys Angehörige haben das Trauma eines langen Prozesses durchgemacht und ertragen, wie Henrys Mörder entsetzliche Behauptungen über ihren Sohn aufstellte, der rücksichtsvoll, freundlich und zutiefst geliebt war.“ Es sei richtig, dass die Reaktion der diensthabenden Beamten nun untersucht werde – mittlerweile wurden interne Ermittlungen eingeleitet – und auch die Politik müsse reagieren, so der britische Premierminister weiter: „Wir müssen den Teufelskreis der Tragödien durchbrechen, indem wir das Grauen der Messerkriminalität bekämpfen.“
Mordfall Henry Nowak (18): „Ich wurde niedergestochen“, sagt der Sterbende – „Ich glaube nicht“, antwortet der Polizist - WELT
Ein 18-jähriger Student wird niedergestochen und stirbt in Handschellen, nach Luft ringend. Die Polizei hilft ihm nicht, schätzt die Situation anders ein. Der Fall Henry Nowak löst in Großbritannien Entsetzen aus.










