FMH-Präsidentin Gilli: «Wenn sich die Stimmung weiter in Richtung nationaler Abschottung bewegt, wird es für uns brandgefährlich»Die Schweiz habe die Ausbildung in der Medizin über Jahrzehnte vernachlässigt, sagt Yvonne Gilli, die Präsidentin des Schweizer Ärzteverbands. Sie warnt vor einem Systemkollaps – unabhängig davon, wie die Abstimmung zur 10-Millionen-Initiative ausgeht.02.06.2026, 05.30 Uhr8 Leseminuten«Von vier Ärzten, die in der Schweiz eine Stelle antreten, kommen heute drei aus dem Ausland»: Yvonne Gilli, Präsidentin der Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte.Andrea Zahler / CH MediaOptimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Frau Gilli, die FMH warnt vor der Abstimmung vom 14. Juni eindringlich vor einem Kollaps der medizinischen Versorgung, sollten weniger ausländische Ärztinnen und Ärzte in die Schweiz kommen. Ist diese Abhängigkeit nicht das Eingeständnis eines Systemversagens?Diese Abstimmung ist keine existenzielle Bedrohung, aber eine zusätzliche Belastung für das System. Gleichzeitig gibt sie uns die Gelegenheit, unserer Position Gehör zu verschaffen. Seit über zwanzig Jahren weisen wir auf unsere massive Auslandabhängigkeit hin. Die Annahme, wir könnten den Bedarf allein durch inländische Ausbildung decken, beruht schlicht auf falschen Berechnungen.Wo liegt der Fehler?Als der Bund 2011 die Zahl der Masterabschlüsse in Medizin erhöhen wollte, hat er die damals schon immense Zahl fertig ausgebildeter Fachkräfte aus dem Ausland komplett ignoriert. Von vier Ärzten, die eine Stelle antreten, kommen heute drei aus dem Ausland. Das ist ein alarmierendes Verhältnis.Rechtfertigt diese Abhängigkeit, die Personenfreizügigkeit als lebensnotwendig zu verteidigen?In den Grenzregionen wie Genf, Basel oder der Ostschweiz ist die Personenfreizügigkeit ein entscheidender Faktor. Ein plötzlicher Wegfall dieser Flexibilität würde die dortigen Spitäler vor unlösbare Probleme stellen. Aber die Personenfreizügigkeit ist nicht unser primärer Trigger. Es ist die strukturelle Vernachlässigung der eigenen Ausbildungskapazitäten.Geht es Ihnen also gar nicht primär um die Initiative der SVP, sondern darum, Druck für mehr Ausbildungsplätze aufzubauen?Es geht uns ganz pragmatisch um die Versorgungsaspekte und unsere direkte Betroffenheit als Branche. Was bedeutet diese Initiative konkret für die medizinische Betreuung der Bevölkerung? Wenn man die Debatte nur auf eine abstrakte Bevölkerungszahl reduziert, bewegen wir uns zwischen Skylla und Charybdis, ohne das reale Problem zu lösen.Was meinen Sie damit?Sehen Sie sich Japan an: Dort lässt man keine Ausländer ins Land, was zu einem chronischen Versorgungsmangel führt. Das andere Extrem ist Taiwan – geografisch nicht grösser als die Schweiz, aber mit über 20 Millionen Einwohnern enorm dicht besiedelt. Auch dort gibt es Versorgungsprobleme, weil eine alternde Gesellschaft ganz andere Ansprüche stellt.Die Befürworter der Initiative argumentieren, ein gebremstes Bevölkerungswachstum würde das Gesundheitssystem automatisch entlasten. Ist das falsch?Wir haben eine Kumulation von Risiken. Wir müssen mit einer Auslandsabhängigkeit umgehen, die international zu den höchsten gehört. Und wir sind mit einer massiven Überalterung der Bevölkerung konfrontiert. Die Ärzteschaft ist ein Spiegelbild der Bevölkerung, deshalb gilt das auch für uns. In den nächsten zwanzig Jahren geht eine riesige Welle an Ärztinnen und Ärzten in den Ruhestand. Dahinter klafft eine gähnende Leere.Warum hat die Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte (FMH) angesichts dieser Ausgangslage eigentlich auf eine offizielle Abstimmungsparole verzichtet? Ein klares Nein wäre doch im Sinne Ihrer Warnung gewesen.Weil diese Vorlage uns als Ärzteschaft in einer sehr spezifischen Weise im Kontext der Versorgung betrifft. Unsere Gremien wollten sich nicht parteipolitisch vereinnahmen lassen oder einem Abstimmungskomitee beitreten. Wir wollen die Fakten nüchtern darlegen.Eigentlich hätten wir die Zulassungssteuerung in der Hand. Der Numerus clausus gilt seit Jahrzehnten als die grösste Einstiegshürde. Warum schaffen wir ihn nicht einfach ab?Der Numerus clausus ist nicht das eigentliche Nadelöhr, er regelt nur die Eingangsauswahl für das Bachelorstudium. Jedes Studium kennt Selektionshürden, ob durch Prüfungen oder die Matura. Wenn wir den Numerus clausus einfach aufheben, verschiebt sich die harte Selektion nur um drei Jahre nach hinten in die Bachelorprüfungen. Damit gewinnen wir keinen einzigen zusätzlichen Arzt.Wo liegt also das Problem?Uns fehlen die Masterstudienplätze. Ohne finanzielle Hilfe des Bundes werden wir diese Plätze nicht bekommen. Die Bildungshoheit liegt aber bei den Kantonen, sie müssen bereit sein, in diesen teuren Studiengang zu investieren. Und die Universitäten müssen ihre Programme anpassen, um diese Plätze anzubieten. Es fehlt an der Koordination zwischen Bund und Kantonen. Daran arbeiten wir.Aber es wird Jahrzehnte dauern.Ja. Wir brauchen diese Ausbildungsplätze aber unbedingt, egal, wie diese Abstimmung ausgeht. Wenn sich die politische Stimmung in Europa weiter in Richtung nationaler Abschottung anstelle von internationaler Kooperation bewegt, wird es für uns brandgefährlich. Die Pandemie hat gezeigt, wie verletzlich wir sind. Wenn die Grenzen in der nächsten Krise schliessen, haben wir ein existenzielles Problem.Viele fertig ausgebildete Mediziner steigen schon nach wenigen Jahren im Spital wieder aus dem Beruf aus. Verlieren wir den Nachwuchs, den wir mühsam ausbilden?Das Phänomen der Frühaussteiger ist real und sehr besorgniserregend. Die Ausbildung ist extrem teuer. Wenn die Jungen nach dem Staatsexamen im Spitalalltag auf Bedingungen treffen, die sie frustrieren, nutzen sie ihre enorme Mobilität und wechseln die Branche. Wir müssen den Sprung ins kalte Wasser der Praxis besser begleiten, sonst verpuffen unsere Ausbildungsmassnahmen.Sie fordern auch einen Strukturwandel in der Weiterbildung – weg von der stationären Versorgung, hin zur Ambulantisierung.Eingriffe, die früher tagelange Spitalaufenthalte erforderten – von der Krebstherapie bis zu Hüftprothesen –, werden heute ambulant durchgeführt. Die Weiterbildung findet aber traditionell fast nur im stationären Bereich statt. Wir brauchen dringend bezahlte Weiterbildungsplätze im ambulanten Sektor, sonst können wir die Jungen gar nicht mehr adäquat schulen.Woran scheitert diese Finanzierung?Ein ambulantes Operationszentrum arbeitet unter enormem betriebswirtschaftlichem Effizienzdruck. Wer dort Assistenzärzte ausbildet, verliert Zeit und Geld. Das funktioniert nicht ohne öffentliche Mitfinanzierung. Doch heute fliesst fast die gesamte Finanzierung in die Spitäler, und der Bund hat im jüngsten Entlastungspaket zusätzlich die projektbezogenen Gelder zur Erhöhung der Studienplätze gestrichen.Ein weiteres Phänomen ist der Wunsch nach Teilzeitmodellen. Führt dieser Trend nicht zwangsläufig zu noch mehr Mangel?Junge Assistenzärzte arbeiten heute in Spitälern bestenfalls in einer 46-Stunden-Woche, in Arztpraxen und Ambulatorien reden wir von 55 Stunden. Wenn eine junge Ärztin auf ein 80-Prozent-Pensum reduziert, arbeitet sie immer noch mehr als der Durchschnitt der Schweizer Bevölkerung.Aber reicht dieses hohe Pensum der Jungen aus, um die grosse Pensionierungswelle aufzufangen?Nein, denn zwischen dem Pensum der jungen Ärztin und dem, was ihr Vorgänger aus der Babyboomer-Generation geleistet hat, klafft eine Lücke. Wir brauchen heute fast zwei junge Ärztinnen, um eine einzige Vollzeitstelle der abtretenden Babyboomer-Generation zu ersetzen. Das ist aber kein reines Wohlstandsphänomen, sondern ein globaler Kulturwandel. Die junge Generation wählt eine andere Work-Life-Balance.Neben dem Nachwuchsmangel klagen Ärzte vor allem über die ausufernde Bürokratie. Warum gelingt der Befreiungsschlag nicht?Weil die Politik uns ständig neue, dysfunktionale Regulierungsvorschriften aufbürdet. Wir ersticken in nicht wertschöpfenden administrativen Tätigkeiten. Das beste Beispiel ist das elektronische Patientendossier, das EPD. Seit zwanzig Jahren reden wir davon, dass wir im Hintertreffen sind, und was passiert? Der Bund streicht im Entlastungspaket Millionen, die für die Digitalisierung im Gesundheitswesen vorgesehen waren und uns nationale technische Standards ermöglicht hätten.Welche Konsequenzen hat dieses Sparen bei der Digitalisierung konkret für die Praxis?Es ist absurd. Das Gesetz verpflichtet uns zu elektronischen Rezepten und Medikationsplänen, aber weil die einheitlichen Standards fehlen, können die Computersysteme der verschiedenen Leistungserbringer nicht miteinander kommunizieren. Am Ende bin ich als Hausärztin gezwungen, Stunden mit dem Ausfüllen digitaler Formulare zu verbringen, die im System verpuffen, anstatt diese Zeit für meine Patienten einzusetzen. Das treibt erfahrene Ärzte in den vorzeitigen Ruhestand. In der ganzen Branche ist das Entsetzen gross, dass der Bund jetzt gerade bei den Grundlagen für die Digitalisierung spart, nachdem er jahrelang gejammert hat, wir seien bei der Digitalisierung im Hintertreffen.In der Öffentlichkeit wird die Debatte fast ausschliesslich über die explodierenden Gesundheitskosten und die Krankenkassenprämien geführt.Wir führen eine völlig einseitige Diskussion. Wir reden nur von den Kosten, aber nie vom enormen Nutzen, den eine exzellente Gesundheitsversorgung für die Volkswirtschaft generiert. Studien zeigen deutlich: Jeder investierte Franken in die Gesundheit bringt fast zwei Franken an Wertschöpfung und stabilisiert den Arbeitsmarkt. Ein kollabierendes System kommt uns unter dem Strich um ein Vielfaches teurer zu stehen.Dennoch spüren die Bürger die Belastung direkt im eigenen Portemonnaie. Die Prämien steigen unaufhaltsam.Das stimmt, aber auch hier müssen wir differenzieren. Die Hälfte der Bevölkerung ist der Ansicht, dass die Prämienbelastung nicht zu hoch ist. Wir haben aber einen prononcierten Röstigraben. In der Westschweiz und im Tessin liegt die Prämienbelastung für manche Haushalte bei über 15 Prozent des Einkommens. Das ist eindeutig zu hoch. In der Deutschschweiz ist die Belastung spürbar geringer. Die Frage ist deshalb auch, wer für diese hohen Prämien in einzelnen Kantonen verantwortlich ist. Diese sind nicht einfach naturgegeben, es gibt politische Gründe für diese Unterschiede.Die Ärzteschaft geniesst den Ruf, von der künstlichen Verknappung des Angebots durch hohe Einkommen und Privilegien selbst zu profitieren. Können Sie nachvollziehen, dass der Verdacht überhaupt besteht?Ich glaube, das ist Ausdruck eines gesellschaftlichen Wandels. Vor einem halben Jahrhundert gab es das Bild vom Pfarrer, vom Lehrer und vom Arzt als den drei Privilegierten, die die Gesellschaft führen. Alle, die damals in der gesellschaftlichen Wahrnehmung so überhöht wurden – und dazu gehörte auch die Ärzteschaft –, werden heute vom Sockel gerissen. Sie müssen sich in ein zeitgemässes Gesellschaftsbild einfügen.Aber die Spitzengehälter mancher Chefärzte übersteigen die Saläre von Bundesräten bei weitem. Ist das vermittelbar?Vergessen Sie nicht, dass die meisten Spitäler öffentlichrechtliche Anstalten sind, deren Lohnskalen von den Kantonsräten und Spitalräten bewilligt werden. Die FMH hat variable Lohnanteile, die auf einer reinen Mengenausweitung basieren, immer bekämpft. Mehr Behandlungen zu generieren, nur um den eigenen Bonus zu steigern, ist ein falscher Anreiz und medizinisch unsinnig.Unabhängig von der neutralen Haltung der FMH – wie stimmt die Hausärztin und Bürgerin Yvonne Gilli am 14. Juni ab?Ich habe hier eine Doppelrolle als Präsidentin und als Bürgerin sowie Hausärztin. Ich lebe in einem Grenzkanton und weiss, dass die Regionen extrem auslandabhängig sind und Flexibilität für die Versorgung brauchen. Wir sind froh um jeden Arzt, der zuwandert und seine Weiterbildung in der Schweiz macht, um sich hier zu integrieren. Zu suggerieren, die Initiative sei eine einfache Lösung für ein komplexes Problem, hinterlässt nur Enttäuschung. Daher ist meine persönliche Haltung ein klares Nein.Oberste Ärztin der Schweizart. Yvonne Gilli ist seit 2021 Präsidentin der Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte (FMH). Die FMH ist der Dachverband von über 90 Ärzteorganisationen und vertritt rund 46 000 Mitglieder. Die 69-jährige Gilli ist Fachärztin für Allgemeine Innere Medizin und führt in Wil (SG) eine Gemeinschaftspraxis für Komplementärmedizin. Von 2007 bis 2015 sass sie für die Grünen im Nationalrat.NZZ Live-Veranstaltung: Die Abstimmung zur 10-Millionen-Schweiz - was steht auf dem Spiel?In einer Live-Diskussion beleuchten NZZ Experten die Kernpunkte der Abstimmung und ordnen mögliche Auswirkungen auf die Zukunft der Schweiz ein.Montag, 8. Juni 2026, 19:30 Uhr, Bernhard Theater, ZürichTickets und weitere Informationen finden Sie hierPassend zum Artikel