Ohne Lippenstift, aber mit Stimme: wie Italiens Frauen Geschichte schriebenDie italienische Frau war immer eine Projektionsfläche für romantische Sehnsüchte, Männerphantasien und traditionelle Rollenbilder. Achtzig Jahre nach der Einführung des Frauenstimmrechts zeigt sich nun ein anderes Bild.02.06.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenAufbruch in die neue Zeit: Am 2. Juni 1946 übten Italiens Frauen erstmals ihr Stimmrecht auf nationaler Ebene aus. Zu entscheiden war Wichtiges: Sollte Italien eine Monarchie bleiben? Oder eine Republik werden? Das Bild mit der jungen Frau und der grossen Schlagzeile aus dem «Corriere della Sera» wurde zur Ikone jener historischen Tage.Federico PatellaniEine Frau – Giorgia Meloni – als Ministerpräsidentin, eine Frau – Elly Schlein – als Oppositionsführerin, eine Frau – Genuas Stadtpräsidentin Silvia Salis – als Hoffnungsträgerin des politischen Zentrums, Frauen an der Spitze von grossen Unternehmen, Universitäten, wichtigen Verbänden, eine Frau – die frühere Kampfpilotin Samantha Cristoforetti –, die als erste Europäerin die Internationale Raumstation (ISS) kommandiert hat: Italiens Frauen haben es geschafft.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Sie befinden sich mittlerweile an allen möglichen Schalthebeln in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur. Die gläserne Decke scheint im Belpaese durchbrochen. Anlass also für eine grosse Feier? Für einen selbstbewussten Rückblick am 2. Juni 2026, dem Tag der Republik, an dem Italien achtzig Jahre Frauenstimmrecht begeht? Die Sache ist etwas komplizierter.Eine weitere Frau mit nationalen Ambitionen: Silvia Salis, Bürgermeisterin von Genua und Hoffnungsträgerin des politischen Zentrums.Isabella De Maddalena / Opale / ImagoEs besteht DiskussionsbedarfWer dieser Tage die Auslagen der Buchhandlungen studiert, sieht sich mit einem Berg von Neuerscheinungen und Debattenbeiträgen zum Thema konfrontiert: Frauen in der Resistenza, die unvollendete Revolution der Frauen, der lange Weg vom Wahlrecht bis in den Palazzo Chigi, die Rolle der Verfassungsmütter – so und anders lauten die Titel. Dazu Kinderbücher wie «Nina e i diritti delle donne», die den ganz Kleinen die Frauenrechte nahebringen sollen, sowie zahllose Veranstaltungen und Ausstellungen.Der Boom zeigt: Es bleibt viel aufzuarbeiten. Offensichtlich besteht Diskussionsbedarf. Denn trotz sichtbaren Erfolgen zählen Frauen noch nicht zum Normalbestand des politischen Betriebs. Noch unvergessen sind die Zeiten, als Silvio Berlusconi die Frauen in seinen zahlreichen Regierungen vor allem als Teil der Kulisse betrachtete.«Sono una donna, sono una madre» – Giorgia Meloni musste vor vier Jahren einen ihrer Wahlkampfslogans noch laut herausbrüllen, um überhaupt gehört zu werden. Und als Elly Schlein nach einem epischen Showdown um die Parteispitze 2023 plötzlich als Chefin des sozialdemokratischen Partito Democratico dastand, stellte sie schnippisch fest: «Non ci hanno visto arrivare» – sie haben uns nicht kommen sehen. Gemeint waren vor allem die Männer des Parteiestablishments, die den Schwung und die Energie der jungen Politikerin unterschätzt hatten.Steht seit 2023 an der Spitze der Opposition: Elly Schlein, Chefin des sozialdemokratischen Partito Democratico.Alessandra Tarantino / APDas Thema mottet in den Tiefen der italienischen Seele und treibt Frauen (und manche Männer) um. Nur so ist es auch zu erklären, dass unlängst ein Spielfilm, der den Kampf der Frauen um Anerkennung und Gleichberechtigung nach dem Zweiten Weltkrieg thematisierte, zu einem Kassenschlager wurde. An den Kinokassen stellte er sogar «Barbie» und «Oppenheimer» in den Schatten.Paola Cortellesis Film «C’è ancora domani» – deutscher Titel: «Morgen ist auch noch ein Tag» – erzählt die Geschichte der jungen Mutter Delia, die sich 1946 gegen einen gewalttätigen Ehemann wehren und ihre Familie durchbringen muss – und gleichzeitig zur ersten Generation von Frauen gehört, die das Wahlrecht in Anspruch nehmen dürfen. Sowohl Subjekt als auch Objekt zu sein, sich hin -und hergeworfen zu fühlen zwischen Fremd -und Selbstbestimmung: In Italien zeigte und zeigt sich das klassische Dilemma mit besonderer Schärfe.«Senza rossetto»Der 2. Juni 1946 war im Übrigen nicht «nur» das Datum der Einführung des Frauenstimmrechts auf nationaler Ebene. Vielmehr war es der Tag, an dem Italien an den Urnen darüber entschied, ob es künftig eine Republik oder eine Monarchie sein wollte. Zugleich wählten die Italiener die verfassunggebende Versammlung, die dem vom Krieg gezeichneten Land ein neues Grundgesetz geben sollte.«Dieser Tag vor achtzig Jahren war vieles zugleich: ein Datum, ein Fest, ein Neuanfang, die Entdeckung von Rechten und Möglichkeiten, Grundstein für Dialog, Austausch und Mitbestimmung», so der Historiker Umberto Gentiloni. Das Bild der jungen Frau, welche ihren Kopf strahlend durch die Frontseite des «Corriere della Sera» mit der historischen Schlagzeile von der Gründung der Republik streckte, wurde zum Symbolbild jener Tage. Es ziert jetzt eine Sonderbriefmarke der Post.Und da war die Sache mit dem Lippenstift. Damit die Wahlzettel gültig waren, mussten Bürgerinnen und Bürger sie in einen Umschlag legen und diesen mit Speichel zukleben. Ausserdem durften die Couverts keinerlei Erkennungsmerkmale aufweisen, die Rückschlüsse auf die Wählenden möglich gemacht hätten. Den Frauen wurde deshalb geraten, ohne Lippenstift zur Wahl zu gehen. «Senza rossetto», ohne Lippenstift, wurde zur Chiffre jenes besonderen Tages.Rauchpause ohne männliche Kontrolle: Szene aus dem Film «C’è ancora domani» von Paola Cortellesi.Morandini FilmAuch im Film von Paola Cortellesi wird diese Geschichte in Szene gesetzt. Delia und die anderen Frauen wischen sich vor dem Betreten der Wahllokale demonstrativ das Rot von den Lippen. Aber man weiss nicht so recht, ob man darin wirklich einen Akt der Selbstermächtigung sehen will, wie ihn die Regisseurin in ihrem schönen Film darstellt, oder eher den Verzicht, das Sich-Zurücknehmen, eine typisch feminine Geste der Konzessionsbereitschaft. Jedenfalls illustriert die Episode ganz gut die fragile Situation der italienischen Frauen jener Zeit.Denn selbst wenn die Frauen nunmehr in Sachen politischer Mitsprache formell gleichberechtigt waren, blieben die gesellschaftlichen und familiären Strukturen weitgehend unverändert. Die Männer demonstrierten ihre Virilität draussen in der Welt, die Frauen hatten sich unterzuordnen und für das Funktionieren des Haushalts zu sorgen.Frauen, die flirteten oder sich nach allgemeiner Einschätzung zu offensiv verhielten, galten als «rovina famiglie», treulose Wesen, die der Leidenschaft wegen ihre Familien auseinanderrissen. Schläge und Gewalt gegenüber Ehefrauen wurden noch lange als legitimes Disziplinierungsmittel akzeptiert. «Die Frau ist wie das Ei», sagt ein altes Sprichwort, «je mehr es geschlagen wird, umso besser wird es.»Das italienische Krypto-MatriarchatGleichzeitig übten sie auf ihre Weise Macht aus, im Stillen, an den familiären Schaltstellen der Moral und der menschlichen Beziehungen. «Die Männer regieren das Land, aber die Frauen regieren die Männer», schrieb Luigi Barzini. Der italo-amerikanische Autor publizierte in den sechziger Jahren ein monumentales Buch über die italienische Gesellschaft jener Jahre. Darin hielt er fest: «Italien ist in Tat und Wahrheit ein Krypto-Matriarchat.»Ohne Frauen, so Barzini, würde die «ganze Struktur in wenigen Stunden wie ein Kartenhaus zusammenfallen». Die italienische «mamma» ist eine mythische Figur – bis zum heutigen Tag. «Wahre Bestien» nennt der italienische Schriftsteller Roberto Saviano die italienischen Mütter, «sie verteidigen ihre Kinder mit Zähnen und Klauen, im Guten wie im Schlechten».Es dauerte noch Jahre, bis Italiens Politik weitere Schritte Richtung Gleichberechtigung unternahm. Die siebziger und frühen achtziger Jahre wurden so etwas wie ein langer Frühling der Frauenrechte. 1970 wurde das Scheidungsrecht eingeführt, 1975 wurden Frau und Mann familienrechtlich gleichgestellt, 1978 folgte das Recht auf Abtreibung. Und 1981 schliesslich wurde der sogenannte Ehrenmord aus dem Strafgesetzbuch gestrichen. Wer seine Ehefrau, Schwester oder Tochter tötete, um vermeintlich die Ehre der Familie wiederherzustellen, kam bis zu diesem Zeitpunkt mit reduzierten Haftstrafen davon.Viele grosse Brocken sind mittlerweile aus dem Weg geräumt, Italien hat in Sachen Frauenrechte und Gleichberechtigung aufgeholt. Defizite bestehen gleichwohl. Die Erwerbstätigkeit von Frauen ist mit knapp 54 Prozent eine der niedrigsten in Europa; eine von fünf Frauen gibt nach der Geburt ihres ersten Kindes ihren Arbeitsplatz auf; fast 70 Prozent der unbezahlten Familienarbeit lasten auf den Schultern der Frauen; und immer wieder erinnern Meldungen über grauenhafte Frauenmorde an frühere Zeiten, die man für längst vergangen hielt.Der Schwung der Siebziger ist vorbei, trotz den zahlreichen Frauen, die mittlerweile wichtige Ämter bekleiden. Ein gemeinsamer Versuch von Giorgia Meloni und Elly Schlein, im italienischen Strafrecht einen neuen Passus gegen sexualisierte Gewalt in Beziehungen zu verankern, scheiterte – aus Rücksichtnahme auf Melonis rechte Koalitionspartner.Gewisse Dinge brauchen in Italien länger. Giorgia Meloni, erste Frau an der Spitze einer italienischen Regierung, nennt sich «il presidente del consiglio». Das hat sie die Öffentlichkeit gleich zu Beginn ihrer Regierungstätigkeit vor vier Jahren wissen lassen. Obwohl die weibliche Form «la presidente» eigentlich durchaus geläufig wäre. Doch offenbar hält sie das männliche «il» für unabdingbar für ihre Glaubwürdigkeit.Hält sich seit vier Jahren an der Spitze von Italiens Regierung: Giorgia Meloni, hier anlässlich des G-7-Gipfels vom Juni 2025 in Kanada. Neben ihr Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und Japans damaliger Regierungschef Shigeru Ishiba.Mark Schiefelbein / APPassend zum Artikel