KommentarDer KI-Wandel steht und fällt mit dem Menschen. Firmen müssen nun nicht nur in die Technologie, sondern vor allem auch in ihre Mitarbeitenden investierenFührungskräfte sollten genau durchdenken, wie sie KI und ihre Belegschaft aufeinander loslassen. Die Maschine arbeitet zwar immer besser, doch am Ende urteilt der Mensch.02.06.2026, 05.31 Uhr6 LeseminutenIm April hat die New Yorker Anwaltskanzlei Sullivan & Cromwell einen Antrag für einen Gerichtsprozess eingereicht. Darin wollte sie die Auflösung einer kambodschanischen Firmengruppe regeln. Sullivan & Cromwell beschäftigt über 900 Anwältinnen und Anwälte, sie vertritt derzeit Donald Trump in mehreren Verfahren. Die Kanzlei gilt als eine der besten der USA. Doch der Antrag war voller Fehler. Fehler, die auf falsche Zitate aus Gerichtsprozessen zurückzuführen sind – eine generative künstliche Intelligenz (KI) hatte die Textstellen erfunden.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Danach entschuldigte sich der Partner Andrew Dietderich in einem Brief an den Richter und betonte die Wichtigkeit von Richtlinien für KI-Tools. Die Anwälte von Sullivan & Cromwell seien angewiesen, «nichts zu glauben und alles zu überprüfen». Die Kanzlei evaluiere nun ihre internen Schulungs- und Prüfungsprozesse.Der Fall zeigt die Schwierigkeit, in der sich Firmen im KI-Wandel befinden: Sie wollen mit KI schneller werden, mehr mit weniger Leuten schaffen. Gleichzeitig müssen sie die Technologie sinnvoll verwenden. Entscheidend sind hierbei nicht die Tools, die rechnen, sondern die Menschen, die diese einsetzen.Effizienz allein reicht nicht, es braucht auch EffektivitätGenerative KI wird immer besser, kann immer mehr, die Resultate klingen so glaubwürdig wie noch nie. Umso wichtiger ist es, dass Mitarbeitende skeptisch bleiben.Schliesslich geht es nicht nur darum, wie häufig und in welchem Umfang, sondern auch darum, wie und mit welchem Ziel KI eingesetzt wird.Für viele CEO ist die Verlockung jedoch gross, KI primär für den Effizienzgewinn einzusetzen. Sie fordern von ihren Mitarbeitenden, ihre Arbeit dank KI schneller zu erledigen, sind daran, Prozesse zu ändern, Abteilungen umzustrukturieren. Sie machen vorwärts, weil keiner von ihnen es sich leisten kann, den KI-Wandel zu verschlafen.Ob KI den erhofften Produktivitätsschub bringt, steht zwar noch aus. Doch ihn zu versäumen, während die Konkurrenz Kosten senkt, wäre unklug. Riskant sogar wäre, die Umwälzung ganzer Geschäftsmodelle zu verpassen – wenn Abrechnungen auf Stundenbasis bei Beratungsmandaten etwa nicht mehr rentieren oder sich die teuren Softwarelizenzpakete nicht mehr verkaufen lassen.Manche Geschäftsleitungen gehen laut einer neuen Studie der UBS davon aus, in Zukunft Stellen abzubauen, etwa im Finanzsektor oder in der Pharmaindustrie – oder sie zumindest von einer Abteilung in eine andere zu verschieben, wie etwa der SBB-Chef Vincent Ducrot im Podcast «NZZ Weekend».Ja, es werden neue Stellen entstehen, wie schon bei der Einführung des PC. Aber ob diejenigen, die ihren Job verlieren, auch diejenigen sind, die die neu geschaffenen Jobs bekommen, ist unklar. Für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bedeuten die Meldungen aus den Chefetagen deshalb vor allem eines: Unsicherheit.Soziale Fähigkeiten sind gefragtDie Schweizer Wirtschaft lebt von Dienstleistungen, wir sind eine Wissensgesellschaft. Hier wird KI die Arbeitswelt grundlegend verändern.Wenn KI Routinetätigkeiten automatisiert, bleiben dem Menschen komplexe, strategische Aufgaben. Er trägt die Verantwortung für den Output der Tools und überprüft ihn. Er leistet Kreatives, erfindet, arbeitet mit anderen Menschen zusammen. Er vermittelt und kommuniziert.Die Fähigkeit, zu reflektieren und mitzufühlen, hebt den Menschen von der Maschine ab. Soziale Fähigkeiten sind in Zeiten von KI daher so gefragt wie nie.Gleichzeitig befinden sich Mitarbeitende in einem Dilemma. Sie sollen möglichst viel KI einsetzen, um ihre technologische Anpassungsfähigkeit zu zeigen – aber haben auch Hemmungen, es zu tun. Ein bisschen aus Stolz, vor allem aber aus Angst vor Ersetzbarkeit. Jahrelang haben sie die Dokumente strukturiert, der Präsentation einen roten Faden verliehen – und nun soll das eine Maschine gleich gut oder gar besser können als sie? Was soll die Chefin denken, wenn nun das KI-Tool die Statistik zusammenfasst, die E-Mails formuliert?Es zeichnet sich ab: Firmen erhoffen sich den grossen Gewinn von KI – ihre Mitarbeitenden fragen sich längst, ob dieser auch bei ihnen ankommt.Der Verschleiss wird zum IdealSchweizer Führungsetagen gehen die Umstellung auf unterschiedliche Weise an. Die einen lassen ihre Mitarbeitenden mit mehreren KI-Modellen experimentieren, andere geben ein bestimmtes Modell vor. Eine Schweizer Medizinaltechnik-Firma verlangt von ihren Teams, bei jeder Aufgabe zuerst zu versuchen, sie mit KI zu erledigen.In den USA gehen die CEO bereits weiter: Dort etabliert sich in der Industrie etwas, das sich «tokenmaxxing» nennt: das Bestreben, möglichst viele KI-Ressourcen zu verbrauchen. Gemessen wird der Verbrauch an der Zahl der Tokens, das sind Fragmente von Wörtern, in die sich der Output von KI-Modellen aufspalten lässt.Einzelne amerikanische Firmen treiben es ins Extrem: Sie führen Ranglisten, auf denen sie firmenintern sichtbar auflisten, wer wie viele Tokens verbraucht. Jensen Huang, CEO des Chipherstellers Nvidia, sagte im März in einem Podcast: Wenn ein Softwareingenieur mit einem 500 000-Dollar-Gehalt nicht für mindestens 250 000 Dollar Tokens verbrauche, wäre er «zutiefst alarmiert».Wenn man wie Huang KI-Rechenleistung verkauft, ist eine solche Haltung nachvollziehbar. Für alle anderen Unternehmen schafft dieser Fokus auf den Verbrauch die falschen Anreize: Er setzt Mitarbeitende unter Druck und verleitet sie dazu, KI nur pro forma einzusetzen.Es braucht Freiräume und SicherheitMitarbeiterinnen und Mitarbeiter reagieren auf drei Weisen auf KI: mit Experimentierfreude, mit Skepsis oder mit Vermeidung. Die Beratungsfirma Boston Consulting Group begleitet Firmen bei ihrer KI-Umstellung. In einer Umfrage fand sie 2025 heraus, dass rund ein Drittel der Befragten KI als zusätzliche Arbeit empfindet.Diese Gruppe beschränkt die Interaktion mit der Technologie auf ein Minimum und hofft darauf, die Veränderung wie einen Trend, der wieder verschwindet, aussitzen zu können. 15 Prozent der Befragten lehnen KI gar komplett ab.Es gibt Erklärungen für diese Abwehrhaltung. Laut Studien kann die Arbeit durch KI zwar schneller, aber auch monotoner werden. Wissenschaftliche Versuche zeigen, dass sich Mitarbeitende bei der Arbeit mit KI kurzfristig produktiver fühlen, langfristig aber ihre Motivation verlieren.Die Arbeitsbelastung durch KI nimmt laut einer Studie in der «Harvard Business Review» zudem nicht ab, sondern zu. Die Konzentrationsphasen von Mitarbeitenden verkürzten sich: Sie hatten mehrere Arbeitsabläufe parallel laufen lassen und wurden ständig durch Chats mit KI-Agenten unterbrochen.Vor diesem Hintergrund übersehen Managerinnen und Manager, die KI-Lösungen unter Druck ausrollen, einen entscheidenden Punkt: Wichtig ist nicht nur die Effizienz der Maschine, sondern dass der Mensch sie effektiv nutzt.Wer den KI-Wandel erzwingen will, riskiert, dass ein Graben aufbricht zwischen jenen, die die Technologie sinnvoll einsetzen, und jenen, die sie aus Frust oder Angst risikoreich – oder gar nicht – verwenden.Um auf lange Frist von starken Teams zu profitieren, die gut zusammenarbeiten können (auch mit der KI), braucht es statt «tokenmaxxing»-Anreizen also einen Rahmen, der Vertrauen und Autonomie schafft.Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter müssen darauf zählen können, dass KI nicht ihre Stelle ersetzt, sondern ihre Arbeitslast reduziert. Sie benötigen Freiräume, um mit den Tools zu experimentieren und ihre menschlichen Fähigkeiten zu nutzen. Nicht nur im Austausch mit den KI-Agenten, sondern auch mit ihren Kolleginnen und Kollegen. Sie brauchen Zeit dafür, auszuprobieren, und Zeit dafür, die Resultate kritisch einzuordnen.Freiräume gewinnen in Zeiten von KI an Bedeutung. Denn nur wer KI als Werkzeug für die eigenen, anspruchsvollen Ideen nutzen kann, wird sich wirklich damit auseinandersetzen, was die Tools alles können.In der Praxis geben viele Firmen Schulungen, einige ernennen KI-Experten in ihren Teams, die Tools testen und mit anderen ihre Erkenntnisse teilen. Das funktioniert auch firmenübergreifend.Unter Schweizer KMU haben sich Formate gebildet, in denen sich Unternehmensvertreter austauschen und die Erkenntnisse zurück in die Firma tragen. Der Verband Swiss AI organisiert wöchentliche Calls, in denen Moderatoren KI-Neuheiten vorstellen. Im Switzerland Innovation Park Ost in St. Gallen treffen sich einmal im Monat rund sechzig IT-Fachleute, Verwaltungsmitarbeiter, Anwältinnen, Marketingmanager. Einige stellen sich vorne auf die Bühne und sprechen über konkrete Anwendungsbeispiele von KI, die ihnen wirklich etwas gebracht haben.Eine Teilnehmerin erzählte etwa, dass sie sich vom KI-Modell Claude Aufgaben nach Wichtigkeit ordnen und To-do-Listen schreiben lässt. Manches könne die KI bereits direkt erledigen, zum Beispiel Quittungen abzulegen.Firmen sind der Mikrokosmos für die Spaltung rund um KIDie Menschheit hat es in der Hand, KI in vielen Bereichen nicht nur effizient, sondern auch effektiv für Fortschritt zu nutzen: Man denke an Krebstherapie, an Proteinfaltung, an Kernfusion. Und ja, KI hat auch das Potenzial, Unternehmen produktiver zu machen, Gewinne zu steigern und das Wohlstandsniveau anzuheben.Doch auf dem Weg dahin braucht es eine Strategie, die ein grosses gesellschaftliches Abhängen verhindert. Dieses Abhängen wird sich als Erstes in Firmen zeigen. Ihnen kommt als Mikrokosmos eine gesellschaftliche Bedeutung im KI-Wandel zu.Firmen sollten überlegen, wie sie ihre Mitarbeitenden dazu befähigen können, das Beste aus ihren menschlichen Fähigkeiten hervorzuholen – nicht in Konkurrenz zur Maschine, sondern mit deren Unterstützung.Passend zum Artikel