Ob München nun wirklich eine Weltstadt ist oder nicht, darüber lässt sich streiten. Aus kulinarischer Sicht ist Bayerns Landeshauptstadt aber auf jeden Fall international gut aufgestellt. Das freut auch die vielen Menschen aus der ganzen Welt, die es an die Isar verschlagen hat, aus welchen Gründen auch immer. Viele sind wegen des Jobs hier, viele, weil sie aus ihrer Heimat flüchten mussten.Letzteres Schicksal teilen viele Uiguren, weshalb man auch in einer Restaurantkritik über ein Münchner Lokal ein wenig ausholen sollte, bevor es ums Essen geht: Die Uiguren sind ein turksprachiges Volk, das hauptsächlich in der autonomen chinesischen Region Xingjiang beheimatet ist. Kultur und Sprache sind mit dem Türkischen verwandt, die vorherrschende Religion ist der Islam. Doch die etwa zehn Millionen in China lebenden Uiguren werden dort vom Staat systematisch unterdrückt und in Umerziehungslager eingesperrt. Viele von ihnen leben deshalb im Exil, in Deutschland sind das etwa 1500 Uiguren, gut die Hälfte davon lebt in München.Dort hat auch der „Weltkongress der Uiguren“ seinen Hauptsitz, eine Organisation, die sich für die Menschenrechte der Uiguren einsetzt. Die Geflüchteten brachten nicht nur ihre Sprache und Kultur mit, sondern auch ihre Kulinarik: Vor etwa 20 Jahren eröffneten uigurische Familien erste Imbisse, später Restaurants. Kaum jemand kannte damals die uigurische Küche, die zentralasiatische, nomadische und chinesische Traditionen miteinander vereint. Und übermäßig bekannt ist uigurisches Essen in München bis heute nicht.Den Status des Seltenen will nun auch Mehmet Ali nutzen. Ali ist Türke, im Januar hat er an der Ecke Oberländer- und Implerstraße das Restaurant Karwan eröffnet, ein schlicht eingerichtetes Lokal mit freundlichem Service. Am selben Ort betrieb Ali vorher für kurze Zeit das Lokal Sofra mit türkischer Küche. Davor hatte er unter dem gleichen Namen an der Implerstraße einen türkischen Imbiss.Uigurische Tradition: Chefkoch Umut zieht seine Nudeln von Hand. Stephan RumpfUigurisch, sagt Ali, sei „in“, es gebe wenig Konkurrenz, und deshalb habe er beschlossen, das Konzept seines Restaurants zu ändern. Dafür hat er seinen Chefkoch Umut, einen Uiguren, der laut Ali vorher in Hamburg gearbeitet hat, rekrutiert. Auf Instagram kann man Umut dabei zuschauen, wie er lange Nudeln von Hand zieht, das kann er richtig gut, wie sich später auf den Tellern herausstellen sollte. Die Nudeln hatten stets einen sehr guten Biss.Das traditionelle uigurische Nudelgericht, das es in verschiedenen Varianten gibt, nennt sich Laghman, das auf der Speisekarte im Karwan als Läghmen aufgelistet ist. Wir probierten Karwan Läghmen (17,90 Euro) mit Rindfleisch und verschiedenem Gemüse und Tohu Läghmen (13,90) mit Huhn. Beide Gerichte hatten die gleiche Soßenbasis mit Knoblauch, einem Hauch Ingwer und Sojasauce, beide Male war das Fleisch zart, das Gemüse knackig – eine pikante, aber bestenfalls gefällige Würze, wie man sie auch aus asiatischen Imbissen verschiedener Provenienz schon kennt.Das Qorulghan Läghmen (15,90) mit gebratenen Nudeln war unter anderem wegen des asiatischen Bärlauchs schon etwas interessanter. Beim Aciq Tohu Qormisi (34,90) brauchen die Esser allerdings einen widerstandsfähigen Gaumen. Die breiten Bandnudeln mit Hühnerfleisch waren mit Chili, Ingwer und Szechuan-Pfeffer sehr feurig gewürzt, der Hinweis auf der Karte ist durchaus ernst zu nehmen. Das Fleisch war mitsamt Knochen sehr klein gehackt, was aus dem Genuss eine rechte Fieselei machte. Der hohe Preis erklärte sich übrigens durch die üppige Portion, die auch für drei Gäste gereicht hätte.Links zu sehen: Petir Manta, die gedämpften Teigtaschen, im Vordergrund werden Samsa, Blätterteigtaschen, präsentiert, und im Hintergrund liegen gegrille Lammfleischspieße. Stephan RumpfVon den Reisgerichten kosteten wir Gösh mux Korimisi mit Rindfleisch (22,90) und Tohu Meghiz Korimisi mit Huhn (16,90), beides Wok-Gerichte mit der gleichen Geschmacksbasis wie die Nudelteller, nur dass beim Geflügelgericht noch Erdnüsse für ein wenig Crunch und Abwechslung sorgten.Wer gerne Teigtaschen mag, dem sind sowohl die sechs großen und mit Rindfleisch und Zwiebeln gefüllten „Petir Manta“ (16,50) zu empfehlen, als auch die zwölf kleineren „Tügre“ (13,90) mit Rind, Chinakohl, Spinat und Zwiebeln im Inneren: Mit Chili-Dip jeweils nette asiatische Happen, ohne Gefahr, die Erinnerung daran allzu lange zu belasten. Auch die gefüllten Blätterteigtaschen (4,50 pro Stück) waren okay. Auffällig gut schmeckte uns allerdings der scharfe Gurkensalat mit Chili-Öl, (7,90), den wir gerne mit ins heimische Rezeptheft aufnehmen.Die Einrichtung des Karwan ist relativ schlicht: Ein paar Bilder an der Wand, ein paar Lampen, das reicht schon für ein bisschen orientalisches Flair. Stephan RumpfAlle Gerichte sind nach Angaben des Wirts „halal“, also nach den Regeln des Korans erlaubt. Alkohol gibt es im Karwan trotzdem, die Halbe Löwenbräu-Helles gibt es für 4,60 Euro, den Aperol Spritz für 7,90. Wein schenken sie im Karwan nicht aus.Insgesamt waren wir mit unseren Besuchen im Karwan zufrieden. Ob die einfache und unspektakuläre Küche über Untersendlings Grenzen hinaus Fans findet, wird sich aber zeigen müssen. Der Standort mag zwar direkt am U-Bahn-Eingang der U3/U6 liegen. Er ist aber – wie mehrere Pächterwechsel in den vergangenen Jahren zeigten – nicht unbedingt einfach.Karwan München, Implerstraße 47, Telefon: 089/54805145, www.karwan-muenchen.de, Öffnungszeiten: täglich 11.30 bis 21.30 UhrDie Restaurantkritik „Kostprobe“ der Süddeutschen Zeitung hat eine lange Tradition: Seit 1975 erscheint sie wöchentlich im Lokalteil, seit einigen Jahren auch online. Etwa ein Dutzend kulinarisch bewanderter Redakteurinnen und Redakteure aus sämtlichen Ressorts – von München, Wissen bis zur Politik – schreiben im Wechsel über die Gastronomie in der Stadt. Die Auswahl ist unendlich, die bayerische Wirtschaft kommt genauso dran wie das griechische Fischlokal, die amerikanische Fast-Food-Kette, der besondere Bratwurststand oder das mit Sternen dekorierte Gourmetlokal. Das Besondere an der SZ-Kostprobe: Die Autorinnen und Autoren schreiben unter Pseudonym, oft ist dies kulinarisch angehaucht. Sie gehen unerkannt etwa zwei- bis dreimal in das zu testende Lokal, je nachdem, wie lange das von der Redaktion vorgegebene Budget reicht. Eiserne Grundregeln: hundert Tage Schonfrist, bis sich die Küche eines neuen Lokals eingearbeitet hat. Und: sich nie bei der Arbeit als Restaurantkritiker erwischen lassen – um unbefangen Speis und Trank, Service und Atmosphäre beschreiben zu können.