Viel zu sehen ist am 12305 Fifth Helena Drive nicht. Zwei betongraue Holztore an einer hell verputzten Mauer lassen gerade noch Dachziegel neben Zitronenbäumen, Bananenstauden und Bougainvillea erahnen. Der Bungalow im spanischen Kolonialstil bleibt ebenso unsichtbar wie das nierenförmige Schwimmbecken, das seit dem Tod seiner prominentesten Eigentümerin begrünt wurde. Wie das Anwesen des im Dezember ermordeten Filmemachers Rob Reiner einige Straßenzüge entfernt, zieht das eher schlichte Haus jeden Tag Dutzende Fans nach Brentwood, einem Nobelviertel im Westen von Los Angeles.Vor den Holztoren sammeln sich Sträuße aus Strelitzien und Rosen, als sei Marilyn Monroe dort erst vor einigen Wochen, nicht aber vor mehr als 60 Jahren verstorben. „Wir haben Grund zu feiern. Marilyns geliebtes Zuhause kann bleiben“, sagt die Studentin Olivia, die an diesem Maitag vom Campus der Universität von Südkalifornien in der Innenstadt nach Brentwood gekommen ist. Wie ihre Freundin Samantha, die sie immer wieder vor den Holztoren fotografiert, ist die Zwanzigjährige Mitglied eines kalifornischen Fanclubs. „Wir haben dem City Council gefühlte 1000 Mal geschrieben, um den Abriss des Hauses zu stoppen. Man hat uns gehört!“Hier wollte sie zur Ruhe kommen: In dieser Villa in Brentwood in Los Angeles wurde Marilyn Monroe im August 1962 tot aufgefunden.dpaLeicht war der Einsatz für „Marilyn’s house“ nicht. Nach dem Medikamententod der Schauspielerin im Schlafzimmer des Bungalows im Sommer 1962 lag es jahrzehntelang in einem Dornröschenschlaf. Immer wieder wechselte das etwa 250 Quadratmeter große Haus die Eigentümer, wurde umgebaut und renoviert. Nur selten fanden sich Anhänger der Schauspielerin vor den Holztoren ein.Die Bagger zum Abriss der Villa waren schon bestelltDann kamen Brinah Milstein und ihr Ehemann Roy Bank. Vor drei Jahren kauften die Immobilieninvestorin und der Fernsehproduzent das Haus aus dem Baujahr 1929, um es abzureißen. Milstein und Bank bewohnen eine Villa auf dem Nachbargrundstück. Der Kaufpreis von mehr als acht Millionen Dollar, so das Paar, sei angemessen, um den eigenen Garten zu vergrößern. Es beantragte eine Abrissgenehmigung und bestellte die Bagger.Als die Pläne der neuen Eigentümer bekannt wurden, regte sich Widerstand. Die für originelle Auftritte bekannte Stadträtin Traci Park legte Perlenkette und kleines Schwarzes an, toupierte sich die blond gelockten Haare à la Monroe und lud zur Pressekonferenz. „Wie Hunderte Menschen aus allen Teilen der Welt, die mich in den vergangenen 48 Stunden kontaktiert haben, bin auch ich mehr als besorgt“, sagte Park. Marilyn Monroe sei mehr als ein Filmstar. Ihre Kindheit in Waisenhäusern habe sie zu einer Kämpferin gemacht, die in Hollywood eine Bresche für Frauen geschlagen habe.„Sie hat versucht, ebenso hohe Gagen zu verhandeln wie männliche Stars. Das ist etwas, das bis heute nachwirkt“, lobte Park. Marilyn Monroes Haus beschrieb die Stadträtin der Demokraten als Spiegel der Persönlichkeit der Schauspielerin. „Dieses Haus ist mehr als ein Gebäude aus Ziegeln und Mörtel. Es ist ein Symbol für Marilyn Monroes Lebensweg, die Geschichte Hollywoods und unsere Identität als Angelenos“, sagte die Juristin und forderte, den Bungalow unter Denkmalschutz zu stellen und vor dem Abriss zu bewahren. Parks Auftritt hatte Erfolg. Im Juni 2024 erklärte Los Angeles das Anwesen zu einem „historisch kulturellen Denkmal“ und verbot den Abriss.So wurde sie berühmt: Marilyn Monroe 1953 im Film „Blondinen bevorzugt“Allstar/20th Century FoxPark erwähnte auch, dass Marilyn Monroe nur die letzten sechs Monate ihres Lebens am 12305 Fifth Helena Drive verbracht hatte. Ihr Psychiater Ralph Greenson empfahl ihr damals, „Wurzeln zu schlagen“, um zur Ruhe zu kommen. Ihre dritte Scheidung, dieses Mal von dem Dramatiker Arthur Miller, lag einige Monate zurück. Nach Eingriffen zur Behandlung von Endometriose und der Gallenblase sowie Streitereien mit dem Studio 20th Century Fox, für das Marilyn Monroe „Niagara“, „Blondinen bevorzugt“ und „Das verflixte 7. Jahr“ gedreht hatte, hatte sie zudem einige Wochen des Jahres 1961 wegen Depressionen und Angststörungen in Nervenkliniken verbracht.Sie fuhr nach Mexiko, um Fliesen für Bad und Küche zu kaufenAnfang 1962 kaufte die längst zum Sexsymbol avancierte Kalifornierin das Haus an der ruhigen Sackgasse des Fifth Helena Drive, fuhr nach Mexiko, um bunte, handbemalte Fliesen für Bad und Küche zu kaufen, und legte einen Kräutergarten an. Am frühen Morgen des 5. August 1962 alarmierte Marilyn Monroes Haushälterin Eunice Murray den Psychiater. Die Schauspielerin, sagte sie Greenson, habe sich in ihrem Schlafzimmer eingeschlossen. Greenson fuhr nach Brentwood. In der Villa fand er Marilyn Monroes nackten Leichnam bäuchlings auf dem Bett. Mit einer Hand umklammerte sie den Telefonhörer.Mit ihrem Mann Arthur Miller 1956 in New York: Nach der Scheidung von dem Dramatiker kaufte sich Marilyn Monroe Anfang 1962 das Haus an der ruhigen Sackgasse.dpaDie „Los Angeles Times“ meldete am nächsten Tag eine angebliche Überdosis Schlaftabletten als Todesursache. Marilyn Monroe sei eine komplizierte Schönheit gewesen, der es nicht gelungen sei, als „Hollywoods hellster Stern“ glücklich zu werden.In den nächsten Wochen kamen Tausende Anhänger nach Brentwood, um vor den grauen Holztoren gemeinsam zu trauern. In Marilyn Monroes Körper fand die Gerichtsmedizin später einen Cocktail von Barbituraten, Medikamenten mit sedierender, narkotischer Wirkung. „Wahrscheinlicher Suizid“ schrieben die Pathologen in den Obduktionsbericht.Nach angeblichen Affären mit dem amerikanischen Justizminister Robert F. Kennedy und seinem Bruder, Präsident John F. Kennedy, für den sie einige Wochen vor ihrem Tod in Madison Square Garden das berühmte Geburtstagsständchen „Happy Birthday, Mr. President“ gesungen hatte, wurden Verschwörungstheorien zu einem vermeintlichen Mord durch den Auslandsgeheimdienst (CIA) oder die Mafia laut. Zu den angeblichen Liebhabern der „blond bombshell“ hatte neben den Kennedys, Regisseur Elia Kazan und Oscarpreisträger Marlon Brando auch Frank Sinatra gehört, dem enge Verbindungen zu Gangstern wie Lucky Luciano und Carlo Gambino nachgesagt wurden.Die neuen Eigentümer beeindruckt der Denkmalschutz nichtDie neuen Eigentümer Milstein und Bank beeindrucken die Geschichte des 12305 Fifth Helena Drive ebenso wenig wie der plötzliche Denkmalschutz. In einer Klage warfen sie der Stadt Los Angeles und ihrer Bürgermeisterin Karen Bass im Jahr 2024 „Hinterzimmergeschäfte“ und eine Überbewertung von Marilyn Monroes Spuren in Brentwood vor. „In dem Haus gibt es nicht ein einziges Möbelstück, einen Teppich oder auch nur ein Stück Farbe, die daran erinnern, dass sie jemals auch nur einen Tag in dem Haus verbracht hat“, trugen die Eheleute vor.In den vergangenen Jahrzehnten habe Los Angeles mindestens ein Dutzend Genehmigungen für Umbauten am 12305 Fifth Helena Drive erteilt. Marilyn Monroes Erbe sei dabei unter den Tisch gefallen. Milstein und Bank verwiesen auch auf Fans, Touristen und Sightseeing-Busse, welche die bislang ruhigen Wohnstraßen des Viertels seit der Erklärung des Bungalows zum Denkmal heimsuchten. Das Gericht wies die Klage auf Abriss dennoch ab. Den Vorschlag der Eigentümer, das Haus auf ihre Kosten auf ein anderes Grundstück zu setzen, schlug Los Angeles aus.In einer Hand den Telefonhörer, in der anderen eine leere Flasche Schlaftabletten: In ihrem Schlafzimmer in Los Angeles wurde Marilyn Monroe am frühen Morgen des 4. August 1962 tot aufgefunden.dpaAnfang des Jahres wagten Milstein und Bank einen zweiten Versuch. Mit Unterstützung der Pacific Legal Foundation, einer Organisation zum Schutz von Eigentumsrechten, reichten sie vor einem Bundesgericht in Kalifornien abermals Klage ein. Los Angeles und Bürgermeisterin Bass hätten die Eheleute nicht nur verfassungswidrig enteignet und keinen Schadenersatz angeboten. Der Denkmalschutz sei zudem hinfällig, da die Öffentlichkeit Marilyn Monroes Haus hinter der hohen Mauer ohnehin nicht sehen könne.„Wenn die Stadt ein Museum möchte, muss sie dafür zahlen. Private Eigentümer sollten dagegen nicht gezwungen werden, die Rechnung zu übernehmen“, heißt es in der Klage. Das Gericht sah es jetzt anders. Milstein und Bank hätten vor dem Kauf des Anwesens von der berühmten früheren Bewohnerin gewusst. Der Denkmalstatus sei weder unvorhersehbar gewesen, noch stelle er eine Enteignung dar. Touristen und Busse müssten in Kauf genommen werden. Der Vorsitzende Richter Percy Anderson gab Milstein und Bank jedoch die Gelegenheit, abermals vor Gericht zu ziehen. In den kommenden Tagen läuft die Frist für einen Berufungsantrag ab.Olivia, Samantha und ihre Mitstreiter des Marilyn-Monroe-Fanclubs planen derweil den nächsten Ausflug an den 12305 Fifth Helena Drive. „Am 1. Juni feiern wir hier Marilyns 100. Geburtstag. Mit Torte, Blumen und allem, was dazugehört“, sagt Olivia. Dass Milstein und Bank auf dem Nachbargrundstück unter Umständen schon an der nächsten Klage arbeiten, stört die Feierlaune nicht. „Los Angeles hat endlich erkannt, welche Bedeutung der Bungalow für die Stadt und seine Bewohner hat. Marilyns Haus wird bleiben!“