Philippe Halsman / MagnumIhr Leben und ihr Image sind untrennbar verschmolzen. Wie kein zweiter Hollywoodstar ist Marilyn Monroe zu einer unendlichen Projektionsfläche geworden. Für Glamour ebenso wie für den Absturz.01.06.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenAn niemandem lassen sich die Zuschreibungen, Missverständnisse und Ungerechtigkeiten von Geschlechterrollen so deutlich ablesen wie an Marilyn Monroe. Die wohl berühmteste Ikone Hollywoods verkörperte zumeist Frauen auf der Leinwand, die Männer ihr auf den Leib geschrieben hatten – und in ihr vollendet sehen wollten. Abseits der Kamera litt sie oft darunter, diese Projektionen zugleich ertragen und bedienen zu müssen. Dennoch trug gerade die spielerische Erfüllung solcher Wunschbilder wesentlich zu ihrem Ruhm bei.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Das Licht der Welt erblickte Norma Jeane am 1. Juni 1926 in Los Angeles. Dem Zauber des Lichtspiels im Kino verfiel sie als Kind. Ins Rampenlicht schliesslich trat sie behutsam im Herbst 1944, als sich auch die amerikanische Zivilbevölkerung ganz in den Kriegsdienst gestellt hatte. Ein Fotograf der Armee besuchte eine Rüstungsfabrik, um Bilder der am Fliessband arbeitenden Frauen zu schiessen.Im Herbst 1944 arbeitete Norma Jeane Dougherty in der Rüstungsfabrik der Radioplane Company in Burbank. Dort entdeckte sie der Armeefotograf David Conover.David Conover / United States ArmyEine dieser Arbeiterinnen war Norma Jeane Dougherty, bereits früh verheiratet, damals noch mit braungelocktem Haar. Der Fotograf nannte sie später «halb Kind, halb Frau». Kurz darauf wurde sie an eine Modelagentur vermittelt, erste Aufnahmen für Magazine folgten, patriotische Motivation für die Soldaten an der Front. Der Weg zum Film war bereitet.Projektionsfläche für PhantasienNachdem sich ihr Kindheitstraum, Schauspielerin zu werden, erfüllt hatte, sie ihren Geburtsnamen abgelegt hatte und zu Marilyn Monroe geworden war, verwandelte sich ihr Leben in einen Hürdenlauf der Erwartungen; der eigenen ebenso wie jener, die von aussen aufgebaut wurden. Ehe Lady Diana auf die Weltbühne trat, wurde wohl niemand öfter fotografiert, porträtiert, kritisiert und glorifiziert als Marilyn.6. Oktober 1954: Marilyn Monroe verlässt das Haus, das sie mit Joe DiMaggio bewohnt hatte, in einem Auto, das von ihrem Anwalt Jerry Giesler gefahren wird. Monroe hatte gerade ihre Absicht bekanntgegeben, sich von DiMaggio wegen «seelischer Grausamkeit» scheiden zu lassen.Bettmann/GettyDas berühmte «Happy Birthday, Mr. President», 1962 im Madison Square Garden gehaucht für John F. Kennedy, gehört zur amerikanischen Folklore. Ob Monroe tatsächlich eine Affäre mit dem notorischen Schürzenjäger (oder sogar gleichzeitig mit seinem Bruder Bobby) hatte, ist letztlich irrelevant. Entscheidend ist, dass Marilyn Monroe bis heute als unendliche Projektionsfläche für kollektive, ambivalente Phantasien fungiert. Über Macht und Sexualität, Glamour und Ausbeutung, Aufstieg und Selbstzerstörung.Hollywood formte sie zu einer Idealvorstellung von Weiblichkeit, in einer Zeit, in der das Studiosystem auf eine tiefe Krise zusteuerte: Das Fernsehen bedrohte die Kinos, die grossen Erzählungen der goldenen Zeit hatten nach dem Krieg sowohl ihre Wucht als auch ihre Unschuld verloren.Umso verzweifelter klammerte sich die Traumfabrik an archetypische Figuren: den starken Mann (John Wayne), das brave Mädchen (Debbie Reynolds) oder eben das blonde Showgirl auf der Suche nach dem Millionär. Marilyn Monroe wurde zum Material für Pygmalion-Phantasien, zum perfekten Pin-up einer Epoche, die ihre eigenen Risse hinter Hochglanz versteckte.Wenn in «The Seven Year Itch» (1955) von Billy Wilder ihr weisses Kleid vom Luftstoss des U-Bahn-Schachts hochgewirbelt wird, verdichten sich die Schlagworte des amerikanischen Jahrhunderts in einem einzelnen Bild: Konsum, Sex, Werbung, Sehnsucht, Freiheit, Oberflächlichkeit.An der Ecke Lexington Avenue und der 52nd Street in Manhattan entstand eine der am meisten kopierten, zitierten und persiflierten Aufnahmen des Jahrhunderts. Tausende Menschen sahen zu, Marilyns damaliger Ehemann, der Baseballspieler Joe DiMaggio, war darüber hinterher in Rage.United Archives / GettyAndy Warhol verstand die Ikonografie sofort: Seine Marilyn-Serien zeigen keinen Menschen, sondern die industrielle Wiederholung eines Gesichts, das erst Kopie wird, dann unsterbliche Marke.Luis Victor Carballo del Palacio / Imago / © ProLitterisMarilyn war nicht einfach berühmt; sie wurde zu einem Symbol des amerikanischen Traums. Doch dessen Kehrseite ist bekanntlich besetzt von Schatten. Wie bei Marilyn, deren Mutter psychisch krank war. So wurde die uneheliche Tochter zu Pflegefamilien und in Waisenhäuser geschickt. Dort wurde sie als Kind nach eigener Aussage mehrfach sexuell missbraucht.Das naive Geschöpf, das in Komödien wie «Gentlemen Prefer Blondes» (1953) oder, im gleichen Jahr, «How to Marry a Millionaire» fröhlich sang, zwitscherte und kokettierte, war sie mitnichten. Marilyn las Dostojewski und Joyce, beschäftigte sich mit der Psychoanalyse von Freud und C. G. Jung, markierte Passagen in Rilkes Briefen.GettyGettyZwei ihrer grössten Filmerfolge aus dem Jahr 1953: links zusammen mit Jane Russell am Set von «Gentlemen Prefer Blondes» und rechts für eine Werbeaufnahmen von «How to Marry a Millionaire».Marilyn Monroe war eine begeisterte Leserin: Gedichte von Walt Whitman ebenso wie die Dramen von Anton Tschechow oder die Romane europäischer Grössen wie Flaubert oder Dostojewski.Elliott Erwitt / MagnumSie war schlagfertig, gewitzt und empathisch. Als sie einmal gefragt wurde, ob sie bei einem Foto-Shoot tatsächlich nichts angehabt habe, antwortete sie: «Doch, das Radio.» Ihre Freundin Ella Fitzgerald unterstützte sie, indem sie dem skeptischen Besitzer des Nobelklubs Mocambo versicherte, wenn er die schwarze Sängerin buche, werde sie persönlich mit Entourage jeden Abend in der ersten Reihe sitzen.Die Jazzsängerin Ella Fitzgerald war eine gute Freundin von Marilyn Monroe.Bettmann / GettyDie Widersprüchlichkeit des StarkultsFür den Dramatiker Arthur Miller, ihren dritten Ehemann, konvertierte sie zum Judentum. In kürzlich aufgetauchten Tonbändern spricht er über ihre komplizierte Ehe zwischen 1956 und 1961, die nicht nur ihn überforderte: «Sie wollte einen Vater, Liebhaber, Freund, Agenten – vor allem aber jemand, der sie niemals für irgendetwas kritisiert, weil sie sonst das Vertrauen in sich selbst verlieren würde.»Eine kluge und humorvolle Frau war sie laut dem Träger des Pulitzer-Preises. Aber voller Unsicherheit, verstärkt durch den beruflichen Druck und mehrere Fehlgeburten. Der Tod war nie fern. Und der Suizid durch eine Überdosis Schlaftabletten am 4. August 1962 sei unvermeidlich gewesen, bei dieser Intensität des Lebens und dem jahrelangen Drogenkonsum.Marilyns Ehemann Arthur Miller schrieb das Drehbuch für den Western «The Misfits» (1960). Die Geschichte um eine Gruppe von Aussenseitern wurde ihr letzter fertiggestellter Film.Eve Arnold / MagnumTruman Capote, der grösste Stilist und das gemeinste Lästermaul der amerikanischen Literatur, hat seine Freundin in einem zärtlichen Porträt verewigt: «Ein wunderschönes Kind». Selbst er ist nicht frei von dem Impetus, der Männer (aber ebenso Frauen) beim Nachdenken oder Sprechen über die Ikone begleitet: die sofortige Etikettierung. Marilyn darf nie einfach sein, sie steht immer für mehr, als sie selbst ist.Tatsächlich liegt in Marilyn Monroes öffentlicher Erscheinung eine faszinierende, kaum auflösbare Ambivalenz. Sie wirkte verletzlich und kalkuliert, kindlich und erotisch, fröhlich und traurig. Niemand verkörpert die Widersprüchlichkeit des Starkults deutlicher. Ihr Image brachte ihr Erfolg – und Unglück. Dieselben Männer, die sie begehrten und ihr Rollen auf den Leib schrieben, nahmen sie oft nicht ernst.Mit der Show «Anything Goes» tourte Marilyn 1954 im eisigen koreanischen Winter im Cocktaildress vor Tausenden amerikanischer Soldaten.Michael Ochs Archives / GettyTony Curtis sagte einmal, genervt von ihrer Unpünktlichkeit am Set, den berüchtigten Satz, Marilyn zu küssen sei gewesen «wie Hitler zu küssen». Billy Wilder spottete über ihr Gehirn, das «wie Schweizer Käse» sei. Bosheiten eines männlichen Milieus, das sich von weiblicher Selbstbehauptung provoziert fühlte. Denn Marilyn verhielt sich keineswegs passiv: Sie wusste genau, dass sie sich in einer Industrie bewegte, die Frauen weitgehend als kassenträchtige Dekoration betrachtete. Und sie begann, sich dagegen zu wehren.Ende 1954 gründete sie ihre eigene Produktionsfirma, ein damals radikaler Schritt. Schauspielerinnen waren im Studiosystem verschiebbare Objekte. Verträge bestimmten über Frisuren, Gewicht, Rollenwahl und öffentliche Auftritte. Monroe stellte diese Ordnung infrage. Sie nahm Schauspielunterricht, verweigerte sich schlechten Drehbüchern, verlangte bessere Gagen, wollte ernsthafte Rollen spielen, etwa die der Gruschenka in «The Brothers Karamazov» (1958) – die dann allerdings Maria Schell bekam. Dafür wurde Monroe als schwierig, unzuverlässig und hysterisch abgestempelt.Clark Gable, Marilyn Monroe und Montgomery Clift auf dem Set für den Film «The Misfits» (1960).Eve Arnold / MagnumOb sie das alleine bereits zur feministischen Galionsfigur macht, ist diskutabel. Unbestreitbar war sie eine Wegbereiterin für das Aufbrechen traditioneller Geschlechtervorstellungen; alleine dadurch, dass irgendwann jeder ihrer Schritte, jede Geste von der Öffentlichkeit diskutiert wurde. Ironischerweise transportierten ihre Filme oft bereits damals veraltete Frauenbilder.Während der Film noir in den vierziger Jahren mit der Figur der «Femme fatale» traditionelle Geschlechterordnungen zumindest teilweise unterwanderte, verkörperte Monroe häufig das harmlose Blondchen. Das durfte Männer verführen, ohne sie wirklich zu bedrohen. Darin konnte auch subversive Kraft liegen: Marilyn machte die Mechanismen männlicher Projektion sichtbar, indem sie sie bis zur Überdeutlichkeit spielte. Ihre Figuren waren Karikaturen männlicher Phantasien und bargen dementsprechend Potenzial für Verwechslungen mit der Realität.Harmloses Blondchen? Marilyn Monroe machte die Mechanismen männlicher Projektion sichtbar, indem sie diese bis zur Überdeutlichkeit spielte.Baron / Hulton Archive / GettyEin ewiges SpekulationsobjektDoch wer weiss, wohin ihr unbestrittenes Talent, ihre Präsenz und ihr Ehrgeiz sie als Schauspielerin noch geführt hätten? Marilyn Monroe wurde nur 36 Jahre alt, wirkte in rund dreissig Filmen mit. Einen Oscar erhielt sie nie, aber einen Golden Globe für «Some Like It Hot» 1960. Dennoch kennt nahezu jeder Mensch ihr Gesicht – was sich kaum über die Filme sagen lässt.So kleidsam können Bademäntel sein: Marilyn Monroe und Jack Lemmon auf dem Set von «Some like It Hot» von Billy Wilder (1959).Sunset Boulevard / Corbis / GettyTippt man heute beim populärsten Streamingdienst Netflix den Namen «Marilyn Monroe» ein, erscheint neben einer Doku über ihren Tod nur das Biopic «Blonde» (2022). Ein missglückter und voyeuristischer Versuch, ihr Leben als einzige Abfolge von Missbrauch und Gewalt zu erzählen.Mehr als sechzig Jahre nach ihrem Tod bleibt sie ewiges Spekulationsobjekt. Jede weitere Biografie verspricht erhellende Erkenntnisse, zum Jubiläumsjahr öffneten Ausstellungen von Zürich bis zur National Portrait Gallery in London.Unnahbar, auch in privaten Posen: Marilyn Monroe in Belmont, Illinois, im Jahr 1955Eve Arnold / MagnumKleinste Details werden zu Spekulationen breitgewalzt, jüngst etwa von Hektor Haarkötter, der darüber sinnierte, wie 1956 die Therapiesitzungen mit der Psychoanalytikerin Anna Freud ausgesehen haben mögen. Der britische Autor Andrew Wilson wühlte sich für seine neue Biografie durch Berge an Material, nur um zu dem Schluss zu kommen, dass sie an Vaterkomplexen litt. Auch in der Banalität begegnet man Marilyn.Stars werden nicht alleine deshalb als solche bezeichnet, weil sie alles um sich überstrahlen. Ihre Leuchtkraft entsteht gerade aus der Distanz. Sie sind fern genug, um Sehnsucht beim Publikum entstehen zu lassen, und scheinen doch so nah, um Intimität vorzutäuschen. Marilyn Monroe vereinte dieses Paradox vollkommen, als Produzentin und Produkt ihres eigenen Mythos.New York City, 1959: Marilyn Monroe winkt der Menge zu, während sie in einem Cabrio durch das Ebbets Field fährt, das Baseball-Stadion der Brooklyn Dodgers.Bob Henriques / MagnumPassend zum Artikel