Die Idee einer „keuschen Sexbombe“ ist genau die Sorte Widerspruch, mit der eine Bilderweltmacht wie Hollywood beweisen kann, wie weit ihr Arm reicht, um Träume durchzusetzen. Nach dem Zweiten Weltkrieg war dieser Weltmacht in Gestalt des Fernsehens ein ernsthafter Gegner erschienen; die Filmstudios hofften, mit Sexappeal – der im Familienmedium TV noch tabu war – die Leute weiterhin vor die Kinoleinwand zu locken.Eine Blondine mit üppigen Rundungen also: Als Ben Lyon, Studiomanager bei 20th Century Fox, die zwanzigjährige Norma Jeane unter Vertrag nahm, hoffte er, die „neue Jean Harlow“ gefunden zu haben, die im Kino der Dreißigerjahre die Männer dressiert hatte.Körperliche Umbauten zum KarrierestartGanz so selbstbewusst sollte die Neue aber nicht auftreten, anschmiegsamer sollte sie sein. Dass die am 1. Juni 1926 in Los Angeles geborene Norma Jeane Baker die Scheidung ihrer ersten Ehe gerade eingereicht hatte, war der Anstellung sogar zuträglich, denn – so die Studiologik – hier ließ sich ein Star aufbauen, der nicht sofort wegen Schwangerschaften ausfiel. Als später Nacktaufnahmen auftauchten, die sie für einen Kalender zugelassen hatte, wollten die sittenstrengen Auftraggeber sie schon fallen lassen, aber ihr entwaffnendes Eingeständnis „Ich hatte Hunger“ imponierte dem Publikum.Jetzt konnte die Kunstfigur loslegen: Auf Anraten von Lyon änderte sie ihren Namen 1946 in Marilyn Monroe; innerhalb der nächsten zwei Jahre ließ man ihre Zähne begradigen, einen Höcker an der Nase entfernen und ihr Haar glätten sowie wasserstoffbleichen. Man meinte, sie wie frischen Ton formen zu können. Als uneheliches, von der Mutter verstoßenes Kind, das in Pflegefamilien und Armut aufgewachsen war, versprach Hollywood ihr ein Entkommen aus der Schicksalsfalle, aber nicht die Branche, sondern ihr Charisma schuf den Weltstar.Blondes Haar in sanften Wellen und glänzende Lippen: Marilyn MonroedpaDessen Attribute – blondes Haar in sanfte Wellen gelegt, feucht glänzende, karminrote Lippen – scheinen fast zu schlüsselreizmechanisch ausgedacht, aber das perfekte Lächeln mit symmetrischen Zahnreihen gehörte nur zu den vom Studio abgesteckten äußeren Parametern, während die säuselnde Stimme eines schüchternen Kindes, die im Widerspruch zu den aufreizenden Kostümen stand, sowie ein Sinn für Humor, der den manchmal schon ans Klischee grenzenden Rollen als leicht dümmliche Blondine mit einem kleinen Zwinkern im Augenwinkel begegnete, dem Kopf und dem Herzen der Künstlerin entsprangen. Wenn sie etwa in Billy Wilders „Das verflixte siebte Jahr“ (in dem sie über dem U-Bahn-Schacht ihren Rock wirbeln lässt) Sätze sagt wie „War das klassische Musik? Das hab ich erkannt, denn sie hatte keinen Text“, dann gibt sie diesem Blondinenwitz einen doppelten Augenaufschlag bei, der vermittelt: Ich nehm es mit Humor, dass ihr euch Frauen so erträumt.Charme der GlaubwürdigkeitDass der Mensch hinter der Kunstfigur zum Pin-up-Girl nicht taugte, erkannte als einer der Ersten der Schriftsteller Truman Capote: „Doch sosehr sie äußerlich dem Typ entspricht, so wenig gehört sie dazu, denn sie ist bemerkenswert untough und viel zu weich. Darüber hinaus ist sie in der Lage, sich auf Gefühle zu konzentrieren, eine Eigenschaft, ohne die kein Talent funktionieren kann. Die von ihr verkörperten Charaktere, heimatlose Geschöpfe mit frechem Pathos, besitzen allesamt den Charme der Glaubwürdigkeit.“Marilyn Monroe mit Ehemann Arthur Miller 1957Getty ImagesDer Blick des Freundes erkennt die Tragik dieses Lebens: Hier traf eine sensible und talentierte Künstlerin auf ein System, das sie nicht aus der vorgestanzten Form entkommen lassen wollte.Wie wenig der Mensch hinter der Kunstfigur dem Klischee entsprach, zeigt sich beispielsweise auf Bildern, die die Schauspielerin in Drehpausen einfangen. Ihre Augen folgen dem Text eines Buches, der Mund entspannt, die Beine angezogen – eine lesend Träumende. In der Hand hält sie mal Heinrich Heine, mal James Joyce, mal Arthur Miller, der später ihr dritter Ehemann wurde.Das Lernen gab sie nie aufDiese Buchauswahl war eklektisch, folgte keinem Kanon, zu dem ihr ja kein Zugang offenstand. Also ging sie gern in Buchläden und nahm mit, was sie ansprach. Ihre Schulbildung hatte sie nach der zehnten Klasse beendet, das Lernen aber nie aufgegeben. An der Universität schrieb sie sich für Abendkurse in Kunstgeschichte ein. Wie gefährlich Bücher für eine junge Künstlerin damals sein konnten, teilte ihr der Regisseur Joseph L. Mankiewicz mit, als er sie während der Dreharbeiten zu „All about Eve“ (1950) mit der Autobiographie von Lincoln Steffens antraf: Mankiewicz warnte sie, mit solchen Büchern könnte man sie für eine Kommunistin halten. In ihrer Autobiographie empfiehlt Monroe das Buch später trotzdem.Der politischen Verfolgung linker Intellektueller stellt sie sich aus schlichtem Anstand; den Gatten Arthur Miller begleitet sie 1957 zum Verhör vor McCarthys berüchtigten Untersuchungsausschuss – entgegen den Warnungen von Freunden und Studiobossen, die ihr von diesem öffentlichen Auftritt in Washington abrieten. Bereits drei Jahre zuvor hatte sie sich gegen rassistische Gesetze positioniert und dafür gesorgt, dass Ella Fitzgerald in einem Club auftreten durfte, der das schwarzen Musikern zuvor verwehrte.Emanzipation von HollywoodDie Emanzipation von Hollywood fiel ihr schwerer als solche Stellungnahmen. Weihnachten 1954 verließ Monroe Los Angeles. Die Reise kam einer Flucht gleich. Mit dunkler Perücke und großer Sonnenbrille tauchte sie unter dem Namen Zelda Zonk in New York unter. An der Ostküste nahm sie Schauspielunterricht beim Method-Acting-Begründer Lee Strasberg – er wird sie in seiner Trauerrede am 9. August 1962, fünf Tage nach ihrem Tod, als „warmherzigen Menschen, impulsiv und scheu, sensibel und voller Versagensangst, doch immer lebensbejahend und auf der Suche nach Erfüllung“ beschreiben.Mit anderen Künstlern, darunter Marlon Brando, wollte sie eine eigene Produktionsfirma gründen, die ihr Gelegenheit geben sollte, anspruchsvollere Rollen zu spielen. Eine Idee, die einige Jahrzehnte später Schauspielerinnen wie Reese Witherspoon, Margot Robbie oder Charlize Theron zum Vorbild diente – sie alle haben mittlerweile erfolgreiche Unternehmen gegründet, um Filme nach eigenem Geschmack und Ansprüchen schaffen zu können.Zu Monroes Lebzeiten wurde eine solche Frau schnell als überspannt und anstrengend abgetan, statt dass man sie als Künstlerin ernst nahm. Wenn dieser Druck zu groß wurde, flüchtete Monroe in Alkohol und Beruhigungsmittel. Am hellsten leuchtet sie, wo sie nicht fliehen muss, nämlich in Filmen, bei deren Dreharbeiten sie sich von den Regisseuren verstanden und respektiert fühlte: als Ukulele-Spielerin Sugar in „Manche mögen’s heiß“ von Billy Wilder etwa – sie war nach mehreren Fehlgeburten gerade schwanger und höchst unsicher, trotzdem hält sie das feine Gewebe dieser Travestiekomödie mit Tony Curtis und Jack Lemmon wie eine strahlende Brosche zusammen.Einen Vorgeschmack auf das, was noch hätte kommen können, gibt John Hustons „Misfits“ (1961) nach dem Drehbuch von Arthur Miller. Als geschiedene Tänzerin Roslyn darf Monroe endlich eine Figur zum komplexen Charakter ausarbeiten. Verträumt tanzt sie im Mondlicht durch einen wilden Garten, ringt um Liebe und Anerkennung und wirft sich zwischen Cowboys und Wildpferde, weil ihr die Welt zu schön ist, als dass sie hätte ertragen können, wie schnöder Profit alles ausbeutet, was dem Zugriff der Profiteure preisgegeben ist. Sie greifen nach allem, aber das Beste entkommt ihnen doch, manchmal sogar ins Menschheitsgedächtnis, wie diese Künstlerin, die heute hundert Jahre alt geworden wäre.
Marilyn Monroe zum 100. Geburtstag
Blonde Haare und rote Lippen machen noch keine Ikone: Wie Marilyn Monroe, die vor 100 Jahren geboren wurde, den Blondinen-Klischees Hollywoods entkam und unsterblich wurde.











