Interview«Ohne Zuwanderung kann die AHV sowieso nicht überleben» – Ökonom Reto Föllmi sagt, weshalb Migration dem Sozialwerk auch langfristig nütztMigration erleichtere die Finanzierung der AHV und der IV dauerhaft, sagt der St. Galler Professor Reto Föllmi. Zugleich wirke sie wie ein «süsses Gift». Und Föllmi bezweifelt, dass die SVP-Initiative zu tieferen Mieten führt – im Gegenteil.01.06.2026, 05.30 Uhr8 LeseminutenDie Schweiz profitiere von der Zuwanderung, tue sich aber schwer mit dem Ausbau der Infrastruktur, sagt der Volkswirtschaftsprofessor Reto Föllmi.Annick Ramp / NZZHerr Föllmi, im Abstimmungskampf um die 10-Millionen-Schweiz ist die AHV ein grosses Thema. Wie würde sich die Initiative auf das Sozialwerk auswirken?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Wenn die Zuwanderung abnimmt, geht auch die erwerbstätige Bevölkerung zurück. Somit haben wir automatisch weniger Personen, die in die AHV einzahlen. Gleichzeitig steigt die Zahl der Pensionierten stark. Also wird sich die Finanzierungslücke der AHV vergrössern. Dasselbe gilt für die IV. Man vergisst gern, dass Migration die Bevölkerung massiv verjüngt. Die meisten Einwanderer sind 20 bis 50 Jahre alt, und sie arbeiten ähnlich viel wie die Schweizer. Heute bezahlen Zugewanderte gut 40 Prozent der Beiträge an AHV und IV, erhalten jedoch weniger als 30 Prozent der Leistungen.Doch was sind die langfristigen Auswirkungen? Irgendwann beziehen die heutigen Zuwanderer selbst eine Rente.Die positiven Effekte bleiben auch langfristig bestehen. Wir haben das in einer Studie mit Zeithorizont 2070 untersucht: Bis dahin werden die Zuwanderer mehr einzahlen, als sie beziehen. Die Migration bewirkt eine Überbrückung, um die Pensionierung der grossen Babyboomer-Jahrgänge leichter zu überstehen. Die Anzahl Rentner pro Erwerbstätigen nimmt zwar zu, aber nicht so stark wie ohne Zuwanderung. Ohne Einwanderer hätten wir schon einige schmerzhafte AHV-Reformen umsetzen müssen.Reto FöllmiAnthony Anex / KeystoneProfessor für VolkswirtschaftslehreNach dem Studium in Zürich und Stationen an Hochschulen in der Schweiz, Japan und den USA hat Reto Föllmi 2011 eine ordentliche Professur an der Universität St. Gallen erhalten. Er ist Mitautor einer grossen Studie im Auftrag des Bundes zu Migration und Sozialversicherungen von 2023. Seine früheren und heutigen Engagements sind zahlreich: Hauptmann im Militär, Mitglied der Rechnungsprüfungskommission in seiner Wohngemeinde Feusisberg (SZ), Kirchenverwalter in der Kirchgemeinde, Präsident der Programmkommission der Denkfabrik Avenir Suisse. Der 50-Jährige ist verheiratet und hat drei Kinder.Wie kann es sein, dass die Einwanderer mehr einzahlen, als sie beziehen?Diese Aussage gilt für die Zuwanderer in ihrer Gesamtheit. Als Gruppe sind sie auch langfristig deutlich jünger als die ansässige Bevölkerung. Deshalb gehören sie in der AHV zu den Nettozahlern. Eine rückläufige Zuwanderung würde diesen Effekt reduzieren, aber er bliebe positiv. Besonders gross sind die Vorteile, wenn die Zuwanderer – wie dies bei einem Teil der EU-Bürger der Fall ist – höhere Einkommen erzielen. Bei den Schweizern sieht die Bilanz anders aus: In ihrer Gesamtheit beziehen sie mehr aus der AHV, als sie einzahlen.Zuwanderung führt zu noch mehr Zuwanderung: Kritiker sprechen von einem Schneeballsystem.Das kann man so sehen, nur: Die AHV als Ganzes ist ein Schneeballsystem, das eigentlich aber funktioniert. Sie basiert auf der Idee, dass ich die Renten der heutigen Pensionierten finanziere – im Vertrauen darauf, dass die nachfolgenden Generationen meine Rente bezahlen. Wenn die Generation, die Renten bezieht, schneller wächst als jene, die sie bezahlen muss, wird es hingegen unangenehm. Genau diese Situation haben wir heute. Mit der Zuwanderung können wir sie lindern.Wird die heutige Zuwanderung nicht in Zukunft den Reformdruck erhöhen?Nein. Wegen der Zuwanderung konnten wir überfällige Reformen hinausschieben. So wirkt sie wie ein «süsses Gift» und führt dazu, dass wir die Demografie ignorieren konnten. Irgendwann aber müssen wir mehr einzahlen, länger arbeiten oder die Renten kürzen. Je grösser die Zuwanderung ausfällt, desto länger können wir diese Massnahmen hinausschieben. Zuwanderung macht die Reformen aber nicht schmerzhafter.Das bedeutet: Wir haben immer noch das gleiche Problem, aber es betrifft mehr Leute?Ja, aber wir sollten realistisch sein: Ohne Zuwanderung kann die AHV sowieso nicht überleben. Es werden viel zu wenig Kinder geboren, zumal gleichzeitig die Lebenserwartung steigt. Und ein neuer Babyboom ist nicht in Sicht. Persönlich glaube ich zwar, dass die Geburtenzahlen wieder zunehmen könnten. Immer mehr Menschen werden erkennen, dass die Sozialisierung der Altersvorsorge bei einer schrumpfenden Bevölkerung an ihre Grenzen stösst. Aber noch sind wir nicht so weit.Sie sagten, in ihrer Gesamtheit seien die Zuwanderer für die AHV finanziell attraktiver als die Schweizer. Wie sieht es bei einem individuellen Vergleich aus?Es gibt keine signifikanten Unterschiede zwischen den beiden Gruppen. Zuwanderer zahlen in der Regel zwar weniger lang Beiträge ein, erhalten später aber auch keine volle Rente. Das gleicht sich aus. Sowohl Schweizer als auch Ausländer beziehen im Durchschnitt mehr Leistungen aus der AHV, als sie zu deren Finanzierung beitragen. Das Verhältnis des Barwerts von Auszahlungen zu Einzahlungen beträgt bei EU-Bürgern 1,29 und bei Schweizern 1,37 – sprich: Aus Sicht der AHV sind Schweizer etwas «teurer» als EU-Bürger. Entscheidend sind die Erwerbsquoten und die Höhe der Einkommen. Weil Personen von ausserhalb der EU weniger arbeiten und tiefere Löhne haben, ist bei ihnen das Verhältnis von Ein- und Auszahlungen für die AHV ungünstiger. Der Grossteil der Zuwanderer kommt jedoch aus der EU. Zwischen ihnen und Schweizern gibt es, individuell betrachtet, bei der AHV kaum Unterschiede. Für andere Sozialversicherungen sind Zuwanderer attraktiver.Weshalb?Vor allem, weil ein grösserer Teil im Alter heimkehrt. Aus fiskalischer Sicht ist das ein relevanter Effekt, der oft unterschätzt wird. Heimkehrer verlieren das Anrecht auf Ergänzungsleistungen, da diese nicht ins Ausland ausbezahlt werden. Wenn sie erkranken oder Pflege brauchen – was meistens erst im Alter der Fall ist –, fallen sie nicht der Schweizer Gesundheitsversorgung zur Last, die sie jahrelang mitfinanziert haben, sondern jener im Heimatland. Für die IV sind sie ebenfalls interessant, weil sie Beiträge zahlen, aber zumeist nicht lange hier leben. 50 Prozent der Einwanderer sind nach drei Jahren wieder weg. Werden sie nach der Heimkehr invalid, haben sie kein Recht auf eine IV-Rente.Bleiben wir bei der AHV: Wie stark müssten die Einnahmen oder das Rentenalter ungefähr erhöht werden, wenn die Schweiz die Zuwanderung so stark einschränkt, dass die 10-Millionen-Grenze nicht überschritten wird?Eine solche Rechnung beruht auf vielen Annahmen. Wenn wir das tiefe mit dem mittleren Szenario des Bundes vergleichen, fällt die Nettozuwanderung von 20- bis 40-Jährigen in den nächsten 25 Jahren um gut 20 000 kleiner aus. Das Verhältnis von Rentnern zu Erwerbstätigen läge 2055 bei 55 statt 51 Prozent. Das AHV-Umlageergebnis wäre 9 Prozent tiefer – in diesem Masse müssten die Einnahmen steigen, um das Defizit wettzumachen.Mit einem höheren Rentenalter könnte die Schweiz das Potenzial im Inland besser ausschöpfen, damit die Wirtschaft weniger Personen aus dem Ausland rekrutiert. Wie gross wäre der Effekt einer Erhöhung auf 67 Jahre?Zurzeit gehen rund 140 000 Personen pro Jahr in Rente. Berücksichtigt man, dass nicht alle erwerbstätig waren, könnte der Arbeitsmarkt mit Rentenalter 67 etwa zwei Jahre praktisch ohne Zuwanderung auskommen. Das sind zwar hypothetische Rechnungen, denn die Älteren haben nicht die gleichen Qualifikationen wie die Zuwanderer. Aber das Potenzial ist sehr real: Nachdem vor zwanzig Jahren das Rentenalter der Frauen von 62 auf 64 erhöht worden war, arbeiteten die Frauen im Durchschnitt tatsächlich zwei Jahre länger. Das Rentenalter ist für eine grosse Mehrheit weiterhin ein wichtiger Orientierungspunkt.Man könnte es also auch so sagen: Eigentlich müsste man die SVP-Initiative annehmen, um zu erreichen, dass das Rentenalter endlich angehoben wird.Ein Ja würde den Reformdruck sicher erhöhen. Die Frage ist, ob die Schweiz die verbleibende Zeit wirklich nutzen würde, um die Probleme der AHV anzugehen. Das Spezielle an der Initiative ist, dass in den ersten fünf bis zehn Jahren nichts passieren würde. Es ist deshalb auch falsch, von einer «Chaos-Initiative» zu reden. Die Probleme träten erst mit Verzögerung auf – dann aber massiv. Am Ende stehen die bilateralen Beziehungen mit der EU auf dem Spiel.Abgesehen von der AHV: In welchen Bereichen würde sich die Initiative noch auswirken?Beim Immobilienmarkt. Für jene, die Wohneigentum kaufen möchten, könnte ein Ja positiv sein: Es ist gut möglich, dass mittelfristig die Landpreise sinken – zum Vorteil der Käufer, zum Nachteil der Eigentümer, die verkaufen möchten. Bei den Mieten könnte das Gegenteil der Fall sein, sie könnten weiter steigen.Das müssen Sie erklären. Die Initianten sagen, bei einem Ja werde die «Explosion» der Mieten gestoppt.Das ist unrealistisch. Heute nehmen Investoren oft tiefe Renditen in Kauf, weil das Risiko von Leerständen sehr gering ist. Wenn nun wegen einer tieferen Zuwanderung ein Rückgang der Nachfrage zu erwarten ist, steigt das Risiko, dass man Wohnungen nicht mehr so einfach vermieten kann. Dann wollen die Investoren höhere Risikoprämien. Oder sie realisieren weniger Projekte. Ich würde keine schnelle Entspannung erwarten.Wie sieht es im Gesundheitswesen aus? Gegner warnen vor massiven Folgen. Allerdings machen Pfleger und Ärzte nur etwa 3 Prozent der Zuwanderung aus.Im Gesundheitswesen arbeiten viele Ausländer. Würden wir die Zuwanderung stark drosseln, bräche das System zwar nicht zusammen. Aber die Qualität würde sich ändern: Es wäre mit längeren Wartezeiten zu rechnen, die Auswahl an Ärzten wäre kleiner. Dies umso mehr, als gleichzeitig der Bedarf an Pflegekräften wegen der Alterung der Gesellschaft weiter ansteigen wird.Die Schweiz könnte selbst mehr Leute ausbilden.Dazu müsste sie zuerst Einheimische finden, die im Gesundheitswesen arbeiten wollen. Diese würden dann in anderen Branchen fehlen. Auch sollte man die Kosten nicht unterschätzen: Wahrscheinlich müsste man höhere Löhne bezahlen und die Arbeitsbedingungen verbessern. Das könnte bewirken, dass ein Teil der Pflegekräfte das Pensum reduziert. Klar ist: Mit weniger Zuwanderung wäre das Gesundheitswesen noch teurer.Wenn die Schweiz die Zuwanderung steuern könnte, wäre es möglich, dem Gesundheitswesen Vorrang zu geben.Damit würden wir uns der Planwirtschaft annähern. Dann droht ein Hauen und Stechen diverser Branchen, die ausländisches Personal rekrutieren möchten. Leidtragende wären vielleicht kleinere IT-Firmen oder andere Unternehmen, die wenig Gehör finden, für die wirtschaftliche Entwicklung aber wichtig sind.Spüren Sie persönlich, dass es in der Schweiz eng wird?Ich wohne in Ausserschwyz, meine Heimat hat sich gewaltig verändert – mit den bekannten Folgen wie hohen Landpreisen, Stau, vollen Zügen, aber auch einem besseren Taktfahrplan. Es ist verständlich, dass sich die Bevölkerung an vielem stört. Ich finde die Debatte, wie viel Wachstum wir wollen, absolut legitim. Die SVP-Initiative adressiert reale Probleme, schlägt aber aus meiner Sicht die falsche Lösung vor. Auch spielt sie ein gefährliches Spiel mit der direkten Demokratie.Wie meinen Sie das?Viele Leute halten einen Bevölkerungsdeckel von 10 Millionen wohl auch nicht für ideal, ärgern sich aber über das Wachstum und finden, die Politik unternehme nichts. Sie wollen ein Zeichen setzen und nehmen an, dass die Initiative nicht so strikt umgesetzt wird – wie man es bei der Masseneinwanderungsinitiative 2014 bereits sah. Das ist keine gute Entwicklung: In der Schweiz sind Urnengänge nicht dazu da, Missmut auszudrücken, sondern um einen konkreten Entscheid zu fällen.Was wäre denn eine bessere Lösung als ein Bevölkerungsdeckel?Wir müssen über den Ausbau der Infrastruktur reden. Die Schweiz profitiert wirtschaftlich von der Zuwanderung, tut sich aber zunehmend schwer damit, die notwendige Infrastruktur bereitzustellen, wie das Nein zum Autobahnausbau gezeigt hat. Man sollte zudem ehrlich sein: Mit der Personenfreizügigkeit ist es nicht möglich, die Geschwindigkeit der Zuwanderung zu steuern. Ökonomisch wäre es besser, die Einwanderung an einen Eintrittspreis zu koppeln. Aber Branchenvertreter werden gleich Ausnahmen für Landwirtschaft oder Tourismus fordern. Die Freizügigkeit ist mindestens die zweitbeste Lösung, weil sie auf den Wirtschaftszyklus reagiert. Wenn es gut läuft, schreiben die Firmen viele Stellen aus, und es kommen viele Leute; wenn es schlecht läuft, verhält es sich umgekehrt.Führt eine Dämpfung der Zuwanderung zwingend zu weniger Wohlstand?Ein Land kann auch ohne Bevölkerungswachstum wirtschaftlich wachsen. Wichtig ist aber der Anteil der Jungen. Älter werdende Gesellschaften haben ein tieferes Pro-Kopf-Wachstum, weil es weniger Innovationen und Produktivitätsfortschritte gibt. Auf der ganzen Welt werden die grossen Würfe von jüngeren Menschen gemacht. Sie sind entscheidend für die Dynamik einer Gesellschaft.Passend zum Artikel