Bei der letzten Bundestagswahl war die AfD in Sachsen-Anhalt bei der Altersgruppe der 18- bis 24-Jährigen die mit Abstand stärkste Kraft. Die Partei erhielt rund 39 Prozent der Zweitstimmen junger Wählerinnen und Wähler. Im Herbst stehen die Landtagswahlen an. Wissen Sie als Geschichtslehrer, wie viele Ihrer Schülerinnen und Schüler AfD-nah sind?Blau ist keine Oppositionspartei mehr. Das ist die Mehrheit. Meiner Schätzung nach sind 70 bis 80 Prozent der Schüler an unserer Schule für die AfD. Dass der Anteil so hoch ist, liegt daran, dass an unserer Schule viele Schüler aus Elternhäusern kommen, in denen es wenig politische Aufklärung gibt.Gerade neulich habe ich bei einer Schülerin in der ersten Reihe, von der ich es gar nicht gedacht hätte, eine Federtasche gesehen, auf der groß „AfD“ stand. Ich habe sogar einige Schüler, bei denen ich genau weiß, dass sie nicht nur im AfD-Umfeld, sondern rechtsextrem sind. Ein Achtklässler, den ich im Unterricht habe, zieht seine ganze Klasse mit. Wie macht er das?Er macht lautstark Propaganda für die AfD und verbreitet ständig ihre Narrative und Ideen. Außerdem merkt man bei ihm eine generelle Ablehnung staatlicher Autoritäten. Egal was ich sage, er hält dagegen.Wie reagieren die anderen Schülerinnen und Schüler?Er ist ein Macho-Typ, der seine Mitschüler drangsaliert und auch mal in den Schwitzkasten nimmt. Die anderen Kids in der Klasse sind auf der Suche nach einer Hierarchie und unterwerfen sich ihm. Das Schlimmste finde ich persönlich, dass sich ihm auch die cleveren Mädchen unterordnen.Besonders diejenigen, die sich im AfD-Umfeld bewegen, sind darin geschult, sich in der Schule angepasst zu verhalten, um keinen Ärger zu bekommen.Geschichtslehrer aus Sachsen-AnhaltIn der neunten Klasse stehen in Sachsen-Anhalt der Nationalsozialismus und der Holocaust auf dem Lehrplan. Wie gehen Sie das Thema bei Jugendlichen an, von denen Sie wissen, dass sie rechtsradikale Einstellungen haben, vielleicht sogar aus rechtsradikalen Elternhäusern kommen?Ich beginne mit dem Ende der Weimarer Republik und den Sorgen, die die Menschen damals hatten. Was war ihr Gefühl? Wie gelang es der NSDAP, die Menschen von sich zu überzeugen? Die zentrale Frage ist: Wie ist es zum Holocaust gekommen und wie kann man etwas Ähnliches in Zukunft verhindern?Waren Sie mal mit Schülerinnen und Schülern in einer NS-Gedenkstätte?Ja. Ich war schon mit einer 10. Klasse im ehemaligen Konzentrationslager Buchenwald und mit einer 12. Klasse in Auschwitz-Birkenau.Und wie lief das?Manche hat das sichtlich berührt. Andere waren emotionslos oder bewusst teilnahmslos. In Auschwitz haben sogar einige Schüler vor dem Tor posiert und sich fotografieren lassen. Kürzlich veröffentlichte der YouTuber Marcant ein Video, in dem er in einer Kleinstadt in Sachsen-Anhalt mit einem etwa 13-jährigen Jungen im AfD-T-Shirt sprach. Er fragte den Jungen, was es für ihn bedeute, „rechts“ zu sein. „Ich bin stolz darauf, was mein Land geschaffen hat“, sagte der Junge. Was genau? „Adolf Hitler war ja an der Regierung und hat dafür gesorgt, dass Berlin sauber wird. Dass da nicht mehr so viele Ausländer sind, die Scheiße bauen.“ Das habe er von seinem Vater gehört.Ich kenne den Clip. In der Aussage des Jungen sind zwei Punkte enthalten, die man in Sachsen-Anhalt zurzeit dauernd hört: das Motiv des Saubermachens und der Gedanke, es wären es immer nur die anderen, die etwas Blödes machen. Empfohlener redaktioneller Inhalt An dieser Stelle finden Sie einen von unseren Redakteuren ausgewählten, externen Inhalt, der den Artikel für Sie mit zusätzlichen Informationen anreichert. Sie können sich hier den externen Inhalt mit einem Klick anzeigen lassen oder wieder ausblenden. Externen Inhalt anzeigen Ich bin damit einverstanden, dass mir der externe Inhalt angezeigt wird. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr Informationen dazu erhalten Sie in den Datenschutz-Einstellungen. Diese finden Sie ganz unten auf unserer Seite im Footer, sodass Sie Ihre Einstellungen jederzeit verwalten oder widerrufen können. Haben Sie solche Sätze schon von Ihren Schülern gehört?Dass Kinder sich so positionieren, dass sie sich menschenverachtend äußern, kommt im Schulalltag selten vor, weil sie die Konsequenzen fürchten, dass es beispielsweise ein Disziplinarverfahren gibt. Besonders diejenigen, die sich im AfD-Umfeld bewegen, sind darin geschult, sich in der Schule angepasst zu verhalten, um keinen Ärger zu bekommen.Sobald wir etwas Negatives über die AfD sagen, zum Beispiel feststellen, dass die AfD gegen die Grundrechte ist, geht bei den Schülern eine Art Warnlampe an, und es beginnt ein innerer Widerstand.Geschichtslehrer aus Sachsen-AnhaltDringen Sie zu den Schülern durch?Nicht wirklich, denn sie sehen die Gefahr nicht. Einmal habe ich die Schüler gefragt, ob sie Angst davor hätten, dass das wieder passiere. Alle meinten, das passiere nicht noch mal. Sie könnten überhaupt nicht verstehen, dass eine Partei wie die NSDAP jemals an die Macht gekommen sei. Einige Jahre später kam bei einer Schulfeier einer der Schüler von damals zu mir und sagte, dass er mittlerweile verstehe, was ich gemeint hätte, denn „genau das Gleiche“ passiere jetzt wieder. Sehen Sie das als Erfolg?Schon. Unsere Einflussmöglichkeiten als Lehrer sind begrenzt. Wir können den Schülern nur Impulse geben, dass Menschenrechte und Grundrechte wichtig sind. Aber sobald wir etwas Negatives über die AfD sagen, zum Beispiel feststellen, dass die AfD gegen die Grundrechte ist, geht bei den Schülern eine Art Warnlampe an, und es beginnt ein innerer Widerstand.Gibt es keine Methode, um den inneren Widerstand zu durchbrechen?Ich glaube, man sollte ein Gesprächsangebot machen in dem Sinn: „Wir können über alles reden, und du brauchst keine Scheu zu haben, mir etwas zu sagen, über das du einfach normal reden willst.“ Gleichzeitig muss man Jugendlichen wie dem Achtklässler, über den ich schon gesprochen habe, deutlich machen, dass es Grenzen gibt. Dass man nicht andere beleidigen kann oder schwierige Thesen raushauen, ohne sich danach der Debatte zu stellen. Aber nur selten gibt es dann auch wirklich eine Veränderung. Wenn die Kids dann nach den fünf Stunden bei uns nach Hause kommen und am Küchentisch wieder was komplett anderes erzählt wird, fällt es ihnen leicht, die Meinung der Lehrer auszublenden.Das Gedankengut kommt also von zu Hause?Klar, aber ich glaube, die Eltern haben weniger Einfluss, als sie selbst denken. Ich denke, viel kommt von Social Media, gerade TikTok. Da gibt es Parallelen zum Nationalsozialismus und dem Volksempfänger. Es werden von den Rechtsextremen bestimmte Medien besetzt. Dort läuft eine Dauerbeschallung, und die Kinder verändern ihre Sichtweisen.In höheren Klassen sage ich, dass ich Parallelen zwischen dem Aufstieg der Nationalsozialisten und dem Aufstieg der AfD deutlich sehe.Geschichtslehrer aus Sachsen-AnhaltDie AfD nimmt zunehmend Lehrkräfte ins Visier, die ihrer Meinung nach im Unterricht nicht „neutral“ genug über die AfD sprechen. Wie positionieren Sie sich politisch vor Ihren Schülerinnen und Schülern?Ich trete klar für die Menschenrechte ein. Und wenn ich gefragt werde, sage ich, dass ich vor der Einschränkung der Menschenrechte durch die AfD Angst habe. In höheren Klassen sage ich, dass ich Parallelen zwischen dem Aufstieg der Nationalsozialisten und dem Aufstieg der AfD deutlich sehe. Das waren damals schneidige Herren in feschen Anzügen, die um die Macht der Propaganda wussten. Heute ist es ähnlich, nur auf eine moderne Art. Wurde Ihnen schon mal vorgeworfen, die Schülerinnen und Schüler zu indoktrinieren?Nein, ich muss mich als Sozialkunde- und Geschichtslehrer natürlich positionieren. Und als Beamter habe ich in meinem Amtseid geschworen, die Verfassung von Sachsen-Anhalt und das Grundgesetz zu wahren und zu verteidigen.Aktuelle Umfragen sehen die AfD in Sachsen-Anhalt, die vom Landesverfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestuft wird, bei 41 Prozent. In der AfD-Spitze gibt es mit Björn Höcke einen ehemaligen Geschichtslehrer. Gibt es im Kollegium noch einen demokratischen Konsens?Ja, ich habe tolle Kollegen. Es ist möglich, dass vereinzelt etwas schlummert, wovon ich nichts weiß, aber ich habe noch nie einen Geschichtslehrer getroffen, der den Holocaust leugnet.Die AfD hat ein umfassendes Regierungsprogramm für Sachsen-Anhalt veröffentlicht, unter anderem 33 Punkte zur Schulbildung. Darin fordert die Partei, die Schulpflicht aufzuheben. Was steckt Ihrer Ansicht nach dahinter?Da wird Stimmung gemacht gegen die Schule als gesellschaftliche Instanz. Aber wenn wir die Jugendlichen schon nicht mehr dazu bekommen, sich miteinander zu verständigen, dann scheitern wir bei den Erwachsenen erst recht daran. Es wird Angst verbreitet, die dazu führen kann, dass sich Lehrkräfte nicht mehr deutlich positionieren.Geschichtslehrer aus Sachsen-Anhalt über die Pläne der AfDZu den 33 Punkten gehört auch die Absicht, die Geschichtslehrpläne zu überarbeiten. Wie blicken Sie auf die Pläne?Voller Angst. Ich habe Angst, dass nur noch Heimatliebe unterrichtet wird. Außerdem fürchte ich, dass die AfD Portale schafft, in denen man Kollegen melden kann, die sich nicht an die neuen Vorgaben halten. Auch wenn das keine direkten Konsequenzen für die einzelnen Kollegen hat, wird dadurch Angst verbreitet, die dazu führen kann, dass sich Lehrkräfte nicht mehr deutlich positionieren.Konkret fordert die Partei, „einen deutlichen Schwerpunkt auf die Entstehung und die Erfolgsgeschichte“ des deutschen Staates im 19. Jahrhundert zu legen. Fürchten Sie, dass damit eine Reduzierung der Inhalte zum Nationalsozialismus einhergehen könnte?Ach, ich habe immer ein gewisses Maß an Freiheit, wie ich meinen Unterricht gestalte. Außerdem können Sie nicht bei jedem Kollegen überprüfen, ob er oder sie auch wirklich zehn Stunden lang über die Reichsgründung gesprochen hat. Zudem ist Geschichtsunterricht schon jetzt wahnsinnig reduziert. Weil es zu wenig Lehrer gibt, kann ich momentan in meiner Schule nur noch alle 14 Tage eine Stunde Unterricht geben. Wir kommen selten dazu, dass wir über ein Thema diskutieren können. Die Partei fordert ein „Bekenntnis zu Volk und Heimat“ im Schulgesetz. Denn: „Wenn die Schulen die Kinder nicht mehr zu Patriotismus erziehen, ist unser Gemeinwesen dem Untergang geweiht.“ Ist das reine Symbolpolitik?Wie soll denn das aussehen? Soll ich alle aufstehen, die Hand heben und sagen lassen: „Ja, ich bekenne mich“?An allen öffentlichen Schulen soll an jedem Schultag die deutsche Flagge gehisst werden, und bei Feierlichkeiten soll die Nationalhymne gesungen werden.Ja. Aber wenn der Fahnenmast kaputt ist … Dann müssten Sie ja überall erst mal den Fahnenmast erneuern.Flüchtlingskinder sollen getrennt von den anderen Kindern in Sonderklassen unterrichtet werden.Ich hatte mal einen Jungen namens Sasha in der Klasse, einen ukrainischen Kriegsflüchtling. Obwohl er anfangs kein Wort Deutsch konnte, war er ein toller Schüler, so motiviert bei allem. Und dem jetzt zu sagen: „Du darfst nicht Deutsch mit deinen Kumpels lernen, sondern du gehst gefälligst in eine ukrainische Klasse, in der du auf jeden Fall kein Deutsch lernst.“ Das wäre falsch.Mit dieser Forderung versucht die AfD, die Leute zu erreichen, die Angst vor dem sozialen Abstieg ihrer Kinder haben. Die Menschen fürchten, dass da Sasha aus der Ukraine kommt, der viel besser im Rechnen ist als ihr Kevin und ihm den besseren Job wegnimmt. Wie hoch ist der Anteil an Familien mit Migrationshintergrund an Ihrer Schule?Vielleicht 30 Prozent. Wir haben Ukrainer, Syrer, aber auch Schüler aus Indien und Pakistan.Im Zusammenhang mit den eingangs genannten 70 bis 80 Prozent AfD-nahen Schülerinnen und Schülern klingt das nach einem ziemlichen Konfliktpotenzial.Nein, gar nicht! Weil die AfDler neben ihren Klassenkameraden sitzen und sich mit denen total gut verstehen und sagen: „Das ist doch mein Kumpel, das ist doch der Rabah. Den werde ich doch jetzt nicht verurteilen.“ Die AfD möchte in Sachsen-Anhalt die Landesförderung des Programms „Schule gegen Rassismus – Schule mit Courage“ einstellen. Begründung: Es gebe kaum noch echten Rassismus, und das Programm werde dafür genutzt, „gegen legitime rechte und patriotische Einstellungen“ vorzugehen. Für wie sinnvoll halten Sie das Programm?Dieses Programm ist toll, weil immer ein Schirmherr von außen mitmacht. Zum Beispiel?Bennet Wiegert. Der ist Handballtrainer und Deutscher Meister mit dem SC Magdeburg. Und wenn der an die Schulen kommt und sagt: „Leute, Rassismus ist irgendwie voll doof, macht das nicht“, dann hat das natürlich wahnsinnig Gewicht. Das ist auch für die Kids cool, dass sich ein Prominenter für sie interessiert. Das kann ihr Selbstvertrauen fördern.