Pannen und drohende Finanzprobleme: Jetzt hofft Skyguide auf StaatsgelderAm Mittwoch ist es bei der Flugsicherung erneut zu einer IT-Panne gekommen. Tiefgreifende technische Probleme und Sparvorgaben der EU setzen das bundeseigene Unternehmen finanziell unter Druck. Nun spekuliert Skyguide auf Hilfe der öffentlichen Hand.31.05.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenDie EU kritisiert die Kosten der Schweizer Flugsicherung als massiv zu hoch: Simulator von Skyguide in Dübendorf.Boris Müller für NZZaSOptimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Es ist eine Sommernacht, die den Verantwortlichen bei Skyguide bis heute in den Knochen sitzt. Am 15. Juni 2022 poppen um 3 Uhr 07 in den Kontrollzentren Genf und Dübendorf Warnmeldungen auf. Während Techniker in Zürich mit der Fehlerdiagnose beginnen, meldet die Leitstelle in Genf einen «major network failure».Trotz Telefonaten über die Notfallkanäle ist auch zwanzig Minuten später unklar, wo das Problem liegt. Die Verantwortlichen greifen darum zur drastischsten aller Massnahmen: zum «Clear the Sky», der sofortigen Sperrung des Schweizer Luftraums.Der Vorfall ist nur einer in einer Reihe von Pannen bei Skyguide. Die jüngste ereignet sich diese Woche. In der Nacht auf Mittwoch spielt Skyguide ein Software-Update für eine Applikation ein, mit der Fluglotsen Anflüge steuern.Böses ErwachenWas technische Routine sein sollte, endet am Morgen mit einem bösen Erwachen: Das System funktioniert nicht mehr richtig. Der Flughafen Zürich muss die Kapazität für Anflüge um 10 Prozent senken. In der Nacht auf Donnerstag führen die Techniker ein «Rollback» durch, um die alte Software-Version wiederherzustellen.Doch eine Sache konnten auch sie nicht reparieren: das angeschlagene Vertrauen in die Schweizer Flugsicherung. Die im Besitz des Bundes stehende Skyguide kämpft seit Jahren mit Technologie- und Softwareproblemen. Allein dieses Jahr kam es zu zwei weiteren Vorfällen. Im Januar führte eine technische Panne nach einem nächtlichen Update zu einer vorübergehenden Schliessung des Genfer Luftraums. Nur drei Monate später, Ende April, machten IT-Fehler in Zürich eine Reduktion der Anflüge um 30 Prozent nötig, weil verspätete Maschinen nicht mehr zuverlässig angezeigt wurden.Manches davon mag auf den ersten Blick als Pech erscheinen, etwa im Juni 2024 die Überflutung des Untergeschosses des Genfer Kontrollzentrums während eines Unwetters. Doch längst nicht alles. Das Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl) rügte Skyguide 2022 und 2023 wiederholt wegen Mängeln bei der Software-Qualitätssicherung. Die Aufsichtsbehörde stellte Probleme bei Patches fest, also der Behebung von Softwarefehlern. Für neue Softwarekomponenten ordnete sie zusätzliche Auflagen an.Das Problem in dieser Woche ging auf den sogenannten «Arrival Manager» (Aman) zurück. Der Skyguide-Sprecher Vladi Barrosa betont, dass es sich hierbei um eine extern eingekaufte Standardlösung handle, die weltweit eingesetzt werde. Einen Zusammenhang mit den früheren IT-Ausfällen oder mit den vom Bazl kritisierten Mängeln gebe es nicht. Zudem sei die Sicherheit im Luftraum zu jedem Zeitpunkt gewährleistet gewesen.Das in der Nacht auf Mittwoch eingespielte Update war zwar im Voraus getestet worden. «Weshalb sich dennoch ein Fehler eingeschlichen hat, wird die interne Untersuchung zeigen, die Skyguide durchführen wird», sagt der Sprecher.Hartnäckige SchwierigkeitenDoch Fakt bleibt: Skyguide kämpft mit tiefgreifenden technologischen Problemen. Das zeigt sich etwa beim Prestigevorhaben des Unternehmens. Unter dem Titel «Virtual Centre» baut es an einem virtuellen Kontrollzentrum, das ein standortunabhängiges Management des Schweizer Luftraums ermöglichen soll. Damit will Skyguide sein Doppelstrukturproblem lösen: Es verfügt heute über zwei voll ausgebaute Zentralen in Genf und Dübendorf für die Überwachung von Überflügen.Doch das Projekt kämpft mit hartnäckigen Schwierigkeiten. Laut der Eidgenössischen Finanzkontrolle (EFK) musste Skyguide das anvisierte Abschlussdatum mehrfach verschieben. Besonders bitter: Der erwartete finanzielle Nutzen durch die Virtualisierung ist im Laufe der Projektphasen um 55 Prozent eingebrochen. Die obersten Rechnungsprüfer des Bundes bezeichneten die Aussichten für das Projekt letztes Jahr in einem Bericht als «besorgniserregend».Skyguide wollte mit seiner Eigenentwicklung nicht nur die Standortfrage lösen, sondern auch eine technologische Pionierrolle einnehmen. Die Software sollte gewinnbringend an ausländische Flugsicherungen verkauft werden, um die Entwicklungskosten von über einer Viertelmilliarde Franken wieder einzuspielen.Doch laut Regula Dettling-Ott, Expertin an der Forschungsstelle für Luft- und Weltraumrecht der Universität Bern, haben inzwischen ausländische Hersteller andere Lösungen für eine standortunabhängige Flugsicherung entwickelt, die in einigen Ländern bereits funktionieren. Der erhoffte Schweizer Exportschlager entpuppt sich derzeit als teurer Alleingang: Für das Produkt von Skyguide gibt es derzeit weder konkrete Käufer noch Interessenten, wie der Sprecher Barrosa bestätigt.Drohende FinanzproblemeBei Skyguide türmen sich aber auch bei den Finanzen die Probleme. Vor kurzem hat das Unternehmen deswegen den möglichen Abbau von bis zu 220 Stellen angekündigt. Ein Grund ist der Effizienzdruck der EU. Weil die Schweiz über das bilaterale Luftverkehrsabkommen Teil des einheitlichen europäischen Luftraums ist, hat Brüssel bei den Tarifen, die Skyguide von den Fluggesellschaften erheben darf, ein entscheidendes Wort mitzureden.Skyguide hat diese auf Anfang des letzten Jahres stark erhöht. Doch die EU-Kommission hat die Kostenberechnungen, mit denen Skyguide diese Erhöhung ursprünglich begründete, bereits 2025 zurückgewiesen. Beim von der Schweiz nachgebesserten Entwurf hat Brüssel ebenfalls Zweifel angemeldet und unterzieht ihn einer vertieften Prüfung, wie die EU-Kommission vor kurzem bekanntgegeben hat. Aus ihrer Sicht fallen die Skyguide-Kosten massiv zu hoch aus – insgesamt um fast 290 Millionen Franken für den Zeitraum 2025 bis 2029.Bleibt die EU-Kommission bei ihren Einwänden, droht der Schweizer Flugsicherung ein Finanzloch. Sie würde nicht nur weniger einnehmen als geplant, sondern müsste den Fluggesellschaften auch Teile der bereits erhobenen Gelder zurückerstatten.Skyguide scheint inzwischen vor allem einen Ausweg zu sehen: mehr Staatsgeld. «Das Tarifmodell der EU wird den komplexen Anforderungen des Schweizer Luftraums nicht gerecht», kritisiert der Sprecher Barrosa. Skyguide kümmere sich auch um Aufgaben, die für die Souveränität der Schweiz entscheidend seien, etwa die Sicherung des militärischen Flugverkehrs oder die Anbindung regionaler Flughäfen.Hilfe durch die öffentliche HandGleichzeitig hat die Schweiz gemäss Barrosa als Nicht-EU-Mitglied keinen Zugang zu europäischen Förderinstrumenten für Infrastruktur, Innovation und Modernisierung. Darum liessen sich die vielfältigen Aufgaben von Skyguide innerhalb des EU-Gebührensystems «nur begrenzt kostendeckend abbilden», sagt er.Die politische Frage nach einer «langfristig tragfähigen Finanzierung» von Skyguide muss gemäss dem Sprecher darum vor diesem Hintergrund beurteilt werden. Der Blick in andere Länder zeige, dass die Aufgaben der Flugsicherung dort «ganz oder teilweise durch die öffentliche Hand abgesichert werden». Eine solche Lösung scheint Skyguide nun angesichts der hartnäckigen Finanzprobleme auch für sich selber zu fordern.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel