Skyguide steuert auf ein Finanzloch zu: Grund ist ein Streit mit BrüsselDie EU-Kommission lehnt die hohen Gebühren der Schweizer Flugsicherung ab, es drohen Rückzahlungen in Millionenhöhe. Nun kommt eine Fusion der Standorte Genf und Dübendorf auf den Tisch.26.05.2026, 08.15 Uhr4 LeseminutenDer wirtschaftliche Druck auf die Flugsicherung steigt: ein Mitarbeiter von Skyguide im Tower des Flughafens Zürich.Gaëtan Bally / KeystoneDie Schweizer Flugsicherung Skyguide plant einen drastischen Einschnitt: Bis Ende 2027 sollen bis zu 220 Stellen wegfallen. Mit der jüngst kommunizierten Massnahme versucht das Unternehmen, seine Kosten deutlich zu senken. Der Schritt erfolgt unter massivem externem Druck, denn die Schweiz betreibt schon heute die mit Abstand teuerste Luftraumüberwachung Europas. Die politische Verantwortung dafür liegt in Bern. Die Eidgenossenschaft hält über 99 Prozent der Aktien von Skyguide.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der unrühmliche Spitzenplatz hat nun auch die Regulatoren in Brüssel auf den Plan gerufen. Die EU-Kommission redet bei den Gebühren, die Skyguide von den Fluggesellschaften erheben darf, ein entscheidendes Wort mit. Über das bilaterale Luftverkehrsabkommen ist die Schweiz Teil der europäischen Initiative Single European Sky (Einheitlicher europäischer Luftraum).Die EU-Kommission will die hohen Gebühren von Skyguide nicht mehr hinnehmen. Sie hat Ende März beschlossen, den sogenannten Leistungsplan der Schweiz für die Periode 2025 bis 2029 einer «eingehenden Prüfung» zu unterziehen.Gebühren zum zweiten Mal abgelehntIn diesem verbindlichen Dokument müssen die Staaten für jeweils fünf Jahre festlegen, wie ihre Flugsicherungen die Effizienz steigern und die Gebühren senken wollen. Brüssel hat das entsprechende Schweizer Gebührenkonzept bereits zum zweiten Mal zurückgewiesen. Die Schweiz musste auch ihren ersten Entwurf für einen Leistungsplan aus dem Jahr 2024 überarbeiten.Die von Skyguide geplanten Kosten für die fünfjährige Laufzeit liegen laut dem EU-Dokument weit über den europäisch festgelegten Zielen. Gemäss der Berechnung der EU-Kommission sind insgesamt um 289,5 Millionen Franken oder 58 Millionen Franken pro Jahr zu hoch. Dies entspricht rund zehn Prozent der jährlichen Gesamtausgaben des Unternehmens von 576 Millionen Franken.«In Anbetracht der gesetzlichen Vorgaben ist schon seit langem klar, dass Skyguide die Kosten deutlich senken muss», sagt Regula Dettling-Ott, Expertin an der Forschungsstelle für Luft- und Weltraumrecht der Universität Bern. Sie leitete sechs Jahre lang das zuständige EU-Aufsichtsgremium.Kosten von Skyguide «viel zu hoch»Für die Expertin steht fest: Die Kosten bei Skyguide sind viel zu hoch. In der für sie massgebenden europäischen Vergleichsgruppe übertreffen die Schweizer Gebühren den Durchschnitt um 40 Prozent. Bei diesen Berechnungen werden laut Dettling-Ott länderspezifische Faktoren wie die Lebenshaltungskosten, die Komplexität des Luftraums und Massnahmen für die Bewältigung von hohem Verkehr bereits berücksichtigt.Der geplante Personalabbau oder die bereits früher angekündigte Verkleinerung der Skyguide-Geschäftsleitung sind laut Dettling-Ott zwar Schritte in die richtige Richtung. Die Sparmassnahmen reichten aber nicht aus, um die Vorgaben der EU zu erfüllen. Nach einer ersten Überschlagsrechnung könnte der Abbau laut Dettling-Ott jährlich rund 35 Millionen Franken Einsparungen bringen – gemäss den Berechnungen der EU-Kommission wäre jedoch gut das Anderthalbfache notwendig.«Die EU und alle europäischen Behörden stellen immer wieder klar, dass die europäischen Flugsicherungen genügend Geld für einen sicheren Flugbetrieb und für Investitionen erhalten sollen», fasst Dettling-Ott zusammen. «Die Berechnungen der EU-Kommission zeigen jedoch: So viel, wie Skyguide verlangt, ist dafür nicht nötig.»Der Skyguide-Sprecher Vladi Barrosa sagt, das angekündigte Abbauprogramm sei zwar keine direkte Reaktion auf das Nein aus Brüssel zu den Gebühren der Schweizer Flugsicherung. Doch er bestätigt: «Skyguide steht unter zunehmendem wirtschaftlichem Druck.» Gründe seien neben den europäischen Effizienzzielen auch steigende Personal- und Systemkosten, unsichere Erträge sowie «komplexe interne Strukturen» bei Skyguide.Laut Barrosa hat die EU-Kommission bei ihrem Entscheid von Ende März die spezielle Situation der Schweiz zwar berücksichtigt, allerdings «nur ungenügend». Das Land sei zwar in eine Vergleichsgruppe mit wohlhabenden Nationen wie Österreich oder Belgien eingeteilt worden. Die EU-Kommission habe aber nicht beachtet, dass die Schweiz innerhalb dieser Gruppe die höchsten Lebenshaltungskosten verzeichne, kritisiert Barrosa.Skyguide sei bereit, mit ihrem Effizienzsteigerungsprogramm die Unternehmensstrukturen zu vereinfachen und die Kosten zu senken. «Gleichzeitig fordern wir aber ein Tarifberechnungsmodell, welches besser auf die Schweizer Rahmenbedingungen zugeschnitten ist», sagt der Sprecher.Skyguide überprüft StandorteLaut der Rechtsexpertin Dettling-Ott läge eine der wirksamsten Sparmassnahmen für Skyguide auf der Hand: die Fusion von Standorten. Für die Überwachung des reinen Überflugverkehrs brauche es nicht zwei voll ausgestattete Zentralen in Dübendorf und Genf – ein einziger operativer Standort genüge. Nun brauche es bei Skyguide und beim Bund den Mut, «sich das endlich einzugestehen».Der Skyguide-Sprecher Vladi Barrosa sagt, sein Unternehmen habe sich in der Vergangenheit bereits verschiedenste Überlegungen zur Zukunft der Standorte Dübendorf und Genf gemacht, so etwa zur Einrichtung eines Flugsicherungszentrums in der Nähe von Basel. Es wäre gemeinsam mit Deutschland und Frankreich betrieben worden. Nun steht die Schweizer Doppelstruktur wieder zur Disposition. «Mit der laufenden Überarbeitung ihrer Strategie wird Skyguide erneut alle Optionen prüfen», so bestätigt Barrosa.Klar ist: Skyguide läuft zunehmend die Zeit davon. Weil die vorgelegten Leistungspläne den Anforderungen Brüssels nicht genügten, fehlt dem Unternehmen für die seit Januar 2025 erhobenen Gebühren die rechtsgültige Basis. «De facto operiert Skyguide seither mit einem Budget, das auf einer nicht genehmigten Erhöhung der Gebühren basiert», erklärt Regula Dettling-Ott.Die detaillierte Prüfung des Schweizer Leistungsplans durch die EU-Kommission ist bereits angelaufen. Sollte diese eine Unvereinbarkeit der Gebührenerhöhung mit den gesetzlichen Vorgaben ergeben, müsste Skyguide laut Dettling-Ott damit rechnen, die zu viel eingenommenen Millionen an die Fluggesellschaften zurückzuzahlen.Bei Skyguide bestätigt man dieses finanzielle Risiko. Eine Rückerstattung würde über Gebührenreduktionen in den kommenden Jahren umgesetzt, wie Barrosa sagt. Rückstellungen für diesen Fall habe das Unternehmen keine gebildet. Die Ausfälle müssten mit den kommenden Budgets aufgefangen werden.Passend zum Artikel