Alexander Zverev ist in einer kniffligen Situation. Das klingt zunächst seltsam. Denn Fakt ist seit Freitagabend: Unter jenen Tennisspielern, die bei den French Open zum Ende der ersten Woche noch im Feld sind, ist keiner, den Zverev fürchten muss. Der 29-Jährige ist nun als Weltranglistendritter der numerisch höchststehende Profi im Wettbewerb der Männer. Die großen Rivalen, die ihm so oft die Tür zum Ruhm versperrten oder zu Hürden hätten werden können, sind nicht mehr dabei. Der verletzte Spanier Carlos Alcaraz, 23, trat nicht an. Der Italiener Jannik Sinner, 24, scheiterte nach körperlichem Schwächeanfall. Der Serbe Novak Djokovic, 39, wurde vom 20 Jahre jüngeren Brasilianer João Fonseca besiegt. Wird Zverevs erster, von ihm so sehr ersehnter Grand-Slam-Erfolg somit ein Selbstläufer? Er muss nur zugreifen. Oder? Nein, so einfach ist das nicht.Zverev befindet sich auch in einer völlig neuen Lage. Bislang war er die Person, die sich am meisten unter Druck gesetzt hat. Nur er war es, der ständig davon sprach, er müsse endlich triumphieren. Er wolle nicht seine Karriere damit beenden, „der beste Tennisspieler aller Zeiten zu sein, der nie einen Grand Slam gewonnen hat“. Eine Dokumentation über Zverev trug den Titel „Der Unvollendete“. So sieht er sich selbst. Aber nun kommt erstmals der ganz große Druck auch von außen. „Das ist der größte Druck, der je auf seinen Schultern lastete“, findet sogar Mats Wilander, dreimaliger Sieger in Paris.Denn so, wie sich dieses Turnier für den deutschen Tennisprofi entwickelt hat, stellt sich für Experten, Zuschauer, Beobachter zwangsläufig die Frage: Wenn Zverev nicht jetzt den Titel nicht holt – wann dann bitte?!Viele seiner Erklärungen kamen oft als Ausrede in der Öffentlichkeit an, auch wenn er es anders meinteWomit der gebürtige Hamburger zusätzlich zu seinen Gegnern klarkommen muss: Für die Öffentlichkeit kann er von jetzt an nur an sich selbst scheitern. Und dass er genau das besonders gut kann, sich die erhofften Erfolge im letzten Moment selbst zu vermasseln, das hat er leidvoll zu oft bewiesen. Damit kein Missverständnis aufkommt: Zverev ist einer der erfolgreichsten Tennisspieler der deutschen Geschichte. Seine Karriere verdient höchste Anerkennung. Olympiagold hat er gewonnen. 24 Profi-Titel. Mehr als 60 Millionen Dollar Preisgeld verdiente er. Aber im großen Bild haften bis heute auch viele verpasste Chancen an ihm. Er gilt als einer, der bislang den letzten Schritt nicht schaffte. Das mag angesichts seiner vorzüglichen Leistungen ein hartes Urteil sein. Aber so ist es.Im Finale der US Open 2020 führte er mit 2:0 Sätzen gegen den Österreicher Dominic Thiem. Zwei Punkte fehlten ihm zum Titel. Er verlor. Bei den French Open 2024 führte er im Endspiel mit 2:1 Sätzen gegen Carlos Alcaraz. Auf einmal spielte er Angsttennis. Er verlor. Diverse Matches nach diesem Strickmuster hatte er im Verlaufe seiner Karriere. Was ebenfalls hängenblieb: Viele seiner Erklärungen kamen als Ausrede in der Öffentlichkeit an, auch wenn er es vielleicht anders meinte. Nicht er war schuld, sondern mal war es dies, das oder jenes. Grundsätzlich sollte man seinem Reflex des Selbstschutzes mit Milde begegnen. Nur, und damit zur Gegenwart: Die Zeit der Ausreden für Zverev ist vorbei.Am Sonntag im Achtelfinale trifft er als Nächstes auf den Niederländer Jesper De Jong, die Nummer 106 der Weltrangliste. Die French Open sind angerichtet für Zverev. Noch nie hatte er eine derart himmlische Perspektive, um der erste deutsche männliche Grand-Slam-Sieger seit Boris Beckers Triumph 1996 in Melbourne zu werden. Wäre der Titel weniger wert, ohne Sinner, Alcaraz, Djokovic als Gegner? Wohl kaum. Der große Roger Federer gewann die French Open 2009 auch nur, weil der Schwede Robin Söderling damals Rafael Nadal vor dem Finale ausschaltete. Bei Grand-Slam-Turnieren geht es immer noch um Titel, nicht um Schönheitspreise.
French Open im Tennis: Die Zeit der Ausreden für Zverev ist vorbei
Seit die größten Namen nicht mehr im Feld der French Open vertreten sind, gilt Alexander Zverev als Topfavorit – es liegt jetzt an ihm, was er aus der einmaligen Chance macht. Es geht auch um seinen Ruf.











