Beginnen wir aus aktuellem Anlass mit einem ollen Gassenhauer. Er ist zwanzig Jahre alt, stammt von der Kölner Kultband Höhner, und wird stets gerne angestimmt, wenn etwas Außergewöhnliches in der Luft liegt. Den Refrain, wer kennt ihn nicht, lautet: „Wenn nicht jetzt, wann dann?“Als das Lied 2007 der offizielle Song zur Handball-Weltmeisterschaft war, gewann das deutsche Team seinen dritten Titel. Nun scheint Alexander Zverev an der Reihe, hier in Paris und jetzt bei den French Open sein Glück in die Hand zu nehmen. Und endlich den ersehnten ersten Grand-Slam-Titel zu gewinnen.Topfavorit Jannik Sinner in der zweiten Runde ausgeschieden, Grand-Slam-Rekordchampion Novak Djokovic in der dritten Runde raus, Titelverteidiger Carlos Alcaraz wegen Verletzung gar nicht erst angereist: Zverev ist nun als Weltranglistendritter der mit Abstand am höchsten eingestufte Spieler in der zweiten Turnierwoche der French Open. Und er ist damit der Favorit, ob er will oder nicht. „Ich muss mich auf die Sachen konzentrieren, die ich beeinflussen kann – und das sind meine Matches“, wiegelte der Neunundzwanzigjährige alles ab, was in Richtung Favoritenrolle ging.Sieg trotz „Durchhänger“Zuvor hatte der Hamburger sein Drittrundenmatch weitgehend kontrolliert und am Samstagnacht um kurz vor ein Uhr den Franzosen Quentin Halys 6:4, 6:3, 5:7, 6:2 geschlagen. Zur eigenen Stärke und zum Losglück kommen die Missgeschicke der Mitfavoriten: Zverev hat den perfekten Sturm, der in Paris um ihn tobt, bislang gut überstanden – trotz eines „Durchhängers“ im dritten Satz gegen Halys.Der Weg zu einem möglichen Triumph ist so frei wie nie zuvor bei Zverevs vorangegangenen 40 Versuchen bei den vier größten Turnieren. Doch weit nach vorne blicken wollte Zverev nicht, nachdem Sinner, Djokovic und eine Reihe anderer Spitzenkräfte ausgeschieden waren: „Für mich verändert das nichts großartig.“ Auf Djokovic wäre er im Halbfinale, auf Sinner im Endspiel getroffen. „Meine nächste Runde beeinflusst es nicht, die Runde darauf beeinflusst es nicht. Der Einfluss kann erst in einer Woche stattfinden. Und bis dahin muss ich meinen Job gut tun“, sagte Zverev.Die nächste Hürde, die Zverev nehmen muss, stellt sich ihm etwas überraschend in den Weg. Der Niederländer Jesper de Jong war eigentlich schon in der Qualifikation gescheitert, rückte dann aber als „Lucky Loser“ ins Pariser Hauptfeld. Im vergangenen Jahr an gleicher Stelle hatten sich Zverev und de Jong schon einmal in Roland Garros gegenübergestanden – der Hamburger gewann in vier Sätzen. Einen Namen gemacht hat sich der 106. der Weltrangliste bei Zverev offenbar trotzdem nicht, wie seine Worte nahelegen. „Frenkie (sic!) de Jong spielt hier unfassbar gutes Tennis.“ Der de Jong, von dem Zverev spricht, ist ein niederländischer Fußball-Nationalspieler vom FC Barcelona.Jannik Sinner musste sich der Hitze geschlagen geben.AFPDas Scheitern des Topfavoriten Sinner (am eigenen Körper) und des Grand-Slam-Rekordchampions Djokovic (an Brasiliens Jungstar Joao Fonseca) waren die größten Kracher der vergangenen Tage gewesen sein. Auf leiseren Sohlen verabschiedeten sich weitere Spitzenkräfte: Von denen obersten zehn Gesetzten waren bis zum Samstagabend nur noch Zverev (Position 2) und Felix Auger-Aliassime (5) übrig. Wobei der an Kanadier erst einmal nachziehen muss: Über seinen Achtelfinaleinzug entscheidet am Samstag sein Match in der Night Session gegen den Amerikaner Brandon Nakashima.Schon als am Donnerstag der in diesem Jahr überragende Sinner ausgeschieden war, versuchte die Tennisfamilie Zverev sofort, den Druck vom Filius zu nehmen. Abgewälzt wurde er auf Djokovic. „Er hat 24 Grand Slams gewonnen, hat das Australian-Open-Finale gespielt - er weiß, wie es geht“, hatte Zverevs Bruder und Manager Mischa im TV-Sender Eurosport listig gesagt. Stunden später, nach seiner Fünfsatzniederlage gegen den halb so alten Fonseca - war der 39 Jahre alte Djokovic als Titelkandidat ausgeschieden. Nun gibt es niemanden mehr, hinter dem sich Zverev verstecken kann.Zumal junge Herausforderer wie Fonseca den Deutschen, der von vielen „Sascha“ genannt wird, öffentlich zum Titelanwärter hochjubeln. Er selbst sei überhaupt zum ersten Mal ins Achtelfinale eingezogen, sagte der 20 Jahre alte Brasilianer nach seinem Coup gegen Djokovic: „Mehr Chancen haben die Jungs, die schon seit längerem auf der Tour sind – wie Sascha und Casper.“Casper Ruud ist der erfolgreichste Sandplatzspieler im verbliebenen Feld. Der Norweger, der es als Nächstes mit Fonseca zu tun bekommt, stand 2022 und 2023 im French-Open-Finale und damit doppelt so oft wie Zverev (2024). Und anders als der zugeknöpfte Zverev scheint sich Ruud zu freuen, dass die French Open so herrlich chaotisch verlaufen. „Es ist so ein offenes Turnier, das ist erfrischend“, sagte der 26-Jährige: „Jeder Spieler ist sich bewusst, dass es in einer Woche einen neuen Grand-Slam-Champion geben wird.“Was Zverev die Arbeit absehbar erschweren wird, ist das Wetter. Wird doch am Sonntag die Hitzeglocke über Paris verschwunden sein. Für die zweite Turnierwoche ist Regen vorhergesagt, was dem Sonnenanbeter Zverev missfällt. Seinem Aufschlag und seinen wuchtigen Grundschlägen kommt die Hitze entgegen: Sie macht die Sandplätze trocken und schnell. Mit feuchtem und langsamerem Untergrund und dem damit einhergehenden „Bälleausgraben“ hat es der Deutsche nicht so.