Hamburg stimmt ab, das ist überall zu sehen. An jeder Straßenecke, in jedem Stadtteil hängen Plakate, die meisten davon sollen die Bürger an diesem Wochenende zu einem Ja bewegen: einem Ja zu Olympia und Paralympics in der Hansestadt für Spiele im Jahr 2036, 2040 oder 2044. Und geworben wird mit viel Lokalkolorit. Tennisprofi Alexander Zverev fände Spiele in seiner Heimatstadt „Weltklasse“, so steht es auf einer der zahlreichen Werbetafeln geschrieben. Aale-Dieter, ein Original des Hamburger Fischmarkts, verspricht: „Butter bei die Fische: Die Spiele werden zum Kassenschlager.“ Zudem ist da noch eine nicht näher bekannte Frau, die es offenbar kaum abwarten kann, bis der Einzug von Springreitern und Brustschwimmerinnen den Hamburger Wohnungsmarkt entschärft. Ihr Slogan lautet: „Olympia bringt stabile Mieten.“An diesem Sonntag geben die Hamburger und Hamburgerinnen ihr Votum ab, nach bereits erfolgreich absolvierten Wahlgängen in München (66,4 Prozent Zustimmung) und der Region Rhein-Ruhr (66,0 Prozent) sowie dem positiven Votum des Berliner Abgeordnetenhauses. In den Debatten dazu steht ein Projekt besonders im Fokus: das nigelnagelneue Olympiastadion, das entstehen soll. Es handelt sich um das Prestigeprojekt des Hamburger Bewerbungskonzepts. Und zugleich um eine recht vage Vision, bei der noch längst nicht alle Fragen beantwortet sind – und die somit auch sinnbildlich steht für die Hamburger Bewerbung.Deutsche Olympiabewerbung:München will, Rhein-Ruhr will. Und Berlin?Die Hauptstadt sieht sich als einzig logischer deutscher Bewerber für Olympische Sommerspiele. Aber welche Chancen hat Berlin überhaupt im nationalen Rennen?Das Bemerkenswerte ist: Dieses Stadion soll auf jeden Fall gebaut werden und der Fußball-Bundesligist Hamburger SV zum Mieter werden. Unabhängig davon, ob Hamburg den innerdeutschen Wahlkampf Ende September für sich entscheiden sollte. Unabhängig auch davon, ob sich Hamburg im nächsten Schritt gegen die sehr viel robustere Konkurrenz aus aller Welt durchsetzen würde.Laut Plänen des rot-grünen Senats soll es so laufen: Das Olympiastadion wird auf der gegenüberliegenden Straßenseite des Volksparkstadions errichtet, wo der HSV seine Heimspiele austrägt. Bisher wird diese Fläche als Parkplatz genutzt, ein zügiger Bau sei somit kein Problem. Wenn es nach dem Senat geht, soll das neue Stadion auch ohne Spiele gebaut werden, weil das Volksparkstadion, wie es heißt, mittelfristig nicht zu retten sei und der HSV in einigen Jahren ohnehin eine neue Heimat bräuchte. Und damit wird’s kompliziert.Ein privater Investor soll das neue Stadion finanzieren – doch der muss erst mal gefunden werdenSollte Hamburg die Spiele unerwarteterweise erhalten, soll diese neue Arena zunächst als prachtvolles Olympiastadion mit mindestens 60 000 Plätzen entstehen; das ist das Fassungsvermögen, das im Internationalen Olympischen Komitee (IOC) typischerweise als Mindestgröße gilt. Nach den Spielen soll die Laufbahn dann rückgebaut und das Stadion in eine multifunktionale Fußballarena mit bis zu 70 000 Plätzen verwandelt werden – der HSV würde dann als Mieter einziehen. Bis dahin sollen beide Arenen friedlich koexistieren: Im alten Volksparkstadion würden bei den Spielen Schwimmwettbewerbe stattfinden, im Olympiastadion die der Leichtathleten.Und ohne Olympia?Nun, in dem Fall soll trotzdem ein neues Stadion entstehen, und dann würde man sich in diesem Szenario die Laufbahn gleich sparen. Der HSV zöge nach Fertigstellung gleich als Mieter ein. Wobei auch dann noch unklar wäre, was mit dem Volksparkstadion geschähe. Ein Abriss der geschichtsträchtigen Arena sei nicht ausgeschlossen, heißt es. Nach Ansicht der „OlympJA“-Fraktion in Hamburg wäre das aber durchaus zu verschmerzen. SPD-Innensenator Andy Grote, der wohl eifrigste Werbetrommler von Spielen in Hamburg, meinte jüngst bei einer Veranstaltung, die landesweit beste Stadt habe das landesweit beste Stadion verdient. Vergleiche mit dem legendären Bernabéu in Madrid wurden bereits gezogen, nicht zuletzt, weil das Stadion ganzjährig für Konzerte und Events genutzt wird, so wie es den Hamburgern für ihr neues Schmuckstück vorschwebt. Schick jedenfalls sehen erste Visualisierungen aus: ringförmige Architektur, transparente Wände, dünne Säulen tragen das imposante Dach.Nur: Wer das Ganze bezahlen soll, ist ebenfalls unklar. In der allgemeinen Kostenkalkulation für die Spiele taucht ein neues Stadion gar nicht auf, was laut rot-grünem Senat daran liegt, dass Hamburg ohnehin eine neue Multifunktionsarena benötige, um attraktiv zu bleiben. Das für die Spiele zentrale Stadion wird in der Logik der Befürworter also gar nicht für die Spiele errichtet. Die Stadt würde sich jedenfalls wohl an den Kosten beteiligen müssen, räumte Innensenator Grote zuletzt im Hamburger Abendblatt ein. Ein oder mehrere private Geldgeber, die noch zu finden wären, sollen aber den Großteil der Investitionen in Höhe von mehreren Hundert Millionen Euro bereitstellen und den HSV als Ankermieter einziehen lassen. „Wir haben gesagt, wir stehen zur Verfügung für eine etwaige Nachnutzung“, sagte HSV-Finanzvorstand Eric Huwer jüngst bei einer Infoveranstaltung. Gemeint war: nach Olympia in Hamburg. Optimismus gehört in der hanseatischen Stadtgesellschaft aktuell zum guten Ton.Erst Werbetrommler, künftig Mieter im neuen Hamburger Olympiastadion? Die HSV-Fußballer sollen eine neue Arena beziehen, die zuvor bei Olympischen Spielen in der Hansestadt die Leichtathletik beheimaten würde. Marcus Brandt/dpaWenngleich auch der Fußball-Bundesligist da noch einiges an innerbetrieblichem Klärungsbedarf hat. Als die Politik im vergangenen Sommer erstmals mit der Idee eines neuen Stadions vorpreschte, wirkte der HSV zunächst überrascht, dann erfreut. Eine solche Chance kann man sich ja nur schwer entgehen lassen. Etwas kurios mutet dabei jedoch die Tatsache an, dass der Traditionsklub erst jüngst mit einer Genossenschaft an den Start gegangen ist, der „Supporter Trust“. Fans und Mitglieder können Anteile kaufen, bis zu 100 Millionen Euro will der Klub perspektivisch einsammeln, unter anderem, um seine Infrastruktur aufzupäppeln. Auch Modernisierungen am bisherigen Volksparkstadion sind geplant; für einen Ausbau der aktuellen Kapazität von 57 000 Zuschauern wurde bereits eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben.Was die Frage aufwirft: Warum Geld in eine Arena stecken, deren Halbwertszeit angeblich ohnehin begrenzt ist?Dass das Volksparkstadion mittelfristig nicht mehr zu retten sein soll, war in den vergangenen Jahren jedenfalls nie stadtinternes Debattenthema gewesen. Zudem ist der HSV weiterhin ein mitgliedergeführter Verein. Eine etwaige Nachnutzung kann somit nicht einfach zwischen Stadt, Investor und Klubverantwortlichen beschlossen werden. Laut Innensenator Grote sollen die HSV-Mitglieder deshalb bei der Stadionarchitektur mitsprechen dürfen. Die Mitglieder stellen jedoch bereits selbstbewusst klar, dass sie nur in eine anständige Fußballarena umziehen wollen, was heißt: Allein mit dem Rückbau der Leichtathletikbahn wird es nicht getan sein, auch das atmosphärische Potenzial an Spieltagen muss berücksichtigt werden. Was wohl weitere Kosten verursachen würde.Nicht alle Sportverbände sind von den Hamburger Stadionplänen begeistert – etwa die LeichtathletenUnd dann ist da noch der Stadtrivale FC St. Pauli, der sich im Vergleich zum HSV von der Politik ohnehin oft benachteiligt fühlt. Nun soll der HSV auch noch eine schlüsselfertige Multifunktionsarena hingestellt bekommen? Wohl auch deshalb war vom Kiezklub in den vergangenen Monaten auch Skepsis gegenüber Olympia in Hamburg zu vernehmen. Das hat sich inzwischen aber erledigt. Es heißt, auch St. Pauli habe eine – noch unbekannte – olympische Zuwendung für sich ausgehandelt.Was das alles für den Ausgang des Referendums bedeutet? Die Befürworter haben in den vergangenen Monaten nicht nur eifrig mit Plakaten geworben: Der rot-grüne Senat um den Ersten Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) und der Zweiten Bürgermeisterin Katharina Fegebank (Grüne) befürwortet die Spiele, genau wie Wirtschafts- und Sportverbände. Die Argumente ähneln stark jenen der Mitbewerber: Das IOC habe sich verändert, die Spiele würden sich der Stadt anpassen und nicht andersherum, die reine Durchführungsbilanz soll einen Gewinn von rund 100 Millionen Euro abwerfen. Und viele dringend nötige Investitionen, die in die Infrastruktur fließen würden, bekomme man nur mit den Spielen – man könne es sich also gar nicht leisten, auf Olympia zu verzichten.Die Hamburger „Nolympia“-Fraktion hielt dem entgegen, dass große Kostenposten wie jener für die Sicherheit noch gar nicht konkret beziffert, andere Budgets wie die für das Stadion und weitere Infrastruktur mit rund 1,3 Milliarden Euro viel zu niedrig bemessen seien. Und wie viel der Bund am Ende davon übernehmen werde, sei ungewiss. In München und in der Rhein-Ruhr-Region hatte das die Mehrheit der Bürger allerdings offenbar wenig beeindruckt oder überhaupt erreicht. Manche Umfragen in Hamburg ergaben zuletzt jedoch ein diffuseres Bild, ein Trend rückte gar eine Wiederholung des bis dato letzten Hamburger Olympiareferendums in den Bereich des Möglichen: Im Jahr 2015 lehnten 51,6 Prozent der Wähler die Bewerbung für die Sommerspiele 2024 ab.Sollten die Hamburger diesmal Ja sagen, wird es aber erst am 26. September in Baden-Baden richtig interessant. Denn da haben voraussichtlich die olympischen Mitgliedsverbände im Deutschen Olympischen Sportbund das entscheidende Wort darüber, welche deutsche Region sich beim IOC bewerben soll. Ein kleiner Vorgeschmack: Manche Leichtathletikfunktionäre sind dem Vernehmen nach nur bedingt überzeugt von den Hamburger Plänen, wonach die Leichtathletikbahn nach den Spielen gleich wieder aus dem Olympiastadion und Stadtbild verschwinden soll.