Drei, zwei, einer. Drei Liberale hatten in den vergangenen Monaten angekündigt, sich um den Vorsitz der FDP zu bewerben: Marie-Agnes Strack-Zimmermann, Henning Höne und Wolfgang Kubicki. Wenn aber am Samstag der FDP-Bundesparteitag im Berliner Estrel-Hotel wählt, gibt es nur einen Kandidaten: Kubicki, das Urgestein aus dem hohen Norden. An seiner Wahl gibt es keine Zweifel. Alle Blicke richten sich allein auf das Maß der Zustimmung.Die FDP befindet sich in einer düsteren Lage nach dem Scheitern an der Fünfprozenthürde im Bund 2025 und bei diversen Landtagswahlen zuvor und danach. Bei den Wahlen im September (Sachsen-Anhalt, Berlin, Mecklenburg-Vorpommern) drohen weitere Schlappen. In Sachsen-Anhalt kann die FDP ihre letzte Regierungsbeteiligung verlieren. Natürlich ist die Frage erlaubt, ob ausgerechnet ein 74-Jähriger die Zukunft der FDP sein kann. Kubicki aber ist es schon jetzt gelungen, nicht zuletzt mit verbalen Zuspitzungen und Provokationen, die FDP wieder ins Gespräch zu bringen.Daniel Friedrich SturmVielleicht entscheidet der Erfolg des künftigen Vorsitzenden über die Existenz der FDP, die Deutschland seit ihrer Gründung 1948 geprägt hat.Dass ausgerechnet in der FDP, also der Partei, die Wettbewerb verlangt und das freie Spiel der Kräfte in ihren Genen trägt, nur ein Kandidat antritt, muss befremden. Der „alternativlose“ Kandidat Kubicki, den die FDP-Delegierten auf ihrem Wahlzettel finden werden, lässt ein Störgefühl zurück.Ein FDP-Chef Kubicki kann aber Erfolg haben, und diese Chance haben die Liberalen verdient. Man mag die rhetorischen Figuren Kubickis nicht mögen, man mag sich über seinen Stil mokieren. Natürlich ist die Frage erlaubt, ob ausgerechnet ein 74-Jähriger die Zukunft der FDP sein kann. Kubicki aber ist es schon jetzt gelungen, nicht zuletzt mit verbalen Zuspitzungen und Provokationen, die FDP wieder ins Gespräch zu bringen. Das allein ist ein Erfolg für eine Partei, die nach der Wahl 2025 unter die Wahrnehmungsschwelle gefallen war, und die in der „Sonntagsfrage“ zuweilen nicht mehr ausgewiesen wird. Die Präsenz der FDP kann ein erster Schritt auf einem Erfolgspfad sein. In Umfragen liegt sie nun bei drei bis viereinhalb Prozent. Kubickis Ziel ist es, die FDP in einem Jahr in Umfragen auf mindestens fünf Prozent zu führen. Andernfalls sieht er sich gescheitert. Selbst die bisher auf verlorenem Posten agierenden FDP-Wahlkämpfer im Osten sehen plötzlich – und mit allerhand fröhlichem Optimismus – eine Chance.Vielleicht kann ein Kubicki-Momentum der FDP tatsächlich helfen, sich aus der Todeszone zu befreien. Noch neulich wurde jeder, der eine Rückkehr der FDP auf die politische Bühne vorhersagte, müde belächelt. Im März, nach dem Scheitern der FDP an der Fünfprozenthürde in Baden-Württemberg, stellte Friedrich Merz den Liberalen eine Sterbeurkunde aus. „Die FDP ist seit gestern endgültig von der politischen Bühne in Deutschland verschwunden. Sie wird keine Rolle mehr spielen“, befand Merz. Ausgerechnet der einstige Wirtschaftsliberale Merz aber könnte zum Paten eines Wiederaufstiegs der Liberalen werden. Durch die Koalition mit der SPD und diverse Zugeständnisse verprellt der Kanzler viele Bürger. Gerade diejenigen, die den „alten“ Merz wegen seiner dezidiert wirtschaftsfreundlichen Positionen mochten, werden vom Merz der Gegenwart fortgesetzt enttäuscht. In diese Lücke kann die FDP stoßen. Kubicki könnte AfD-Sympathisanten binden Kubicki könnte zudem, und zwar im Gegensatz zur linksliberalen Marie-Agnes Strack-Zimmermann und dem weithin unbekannten Henning Höne, einen kleinen, aber womöglich entscheidenden Teil der gegenwärtig gut 25 Prozent AfD-Sympathisanten an die FDP binden. Kubicki trennen Welten von der AfD: politisch, philosophisch, habituell. Aber er spricht Dinge an und vertritt politische Positionen, die manche einstigen Wähler von Union, SPD und FDP heute vermissen. Mit seinem radikalen Plädoyer für Meinungsfreiheit, seiner Kritik an staatlicher Regulierung, ja Übergriffigkeit, und seiner Ablehnung einer allein moralgetriebenen Migrations- und Klimapolitik könnte er manche Bürger überzeugen, die FDP wieder zu einer relevanten politischen Kraft zu machen. Hinzu kommt: Kubicki spricht eine Sprache, die nicht technokratisch rundgeschliffen ist, und die ein Teil der Bevölkerung als unverstellt schätzt. Kritiker werfen Kubicki vor, er wolle populär sein, agiere populistisch. Diesen Vorwurf muss Kubicki nicht fürchten. Neben dem Populismus an den politischen Rändern gibt es eine Tradition des demokratischen Populismus, einen Populismus der Mitte: der Wünsche, Sorgen und Ängste der Menschen aufnimmt, ohne Ressentiments zu schüren; der sich nicht scheut, Dinge zu benennen; der die Sprache der Menschen spricht, ohne ihnen nach dem Mund zu reden. Ein solcher Populismus, ist neben einer allzu technokratischen Mitte-Politik nicht nur legitim, sondern vielleicht zum Überleben der Demokratie gar notwendig.
Kubicki soll FDP-Chef werden: Diese Chance haben die Liberalen verdient
Am Samstag dürfte die FDP ihr Urgestein Wolfgang Kubicki zum Vorsitzenden wählen. Ihm kann es gelingen, die FDP aus der Todeszone zu führen – etwa mit enttäuschten Merz-Anhängern.












