InterviewCrans-Montana, Kerzers, Winterthur – die Schweiz ist im Krisenmodus. «Emotionen dürfen nicht fehlen», rät ein Kommunikationsprofi den PolitikernBilder von Pressekonferenzen mit traurigen Behördenvertretern häufen sich. Der Bündner Christian Gartmann ist einer, der diese Auftritte plant.30.05.2026, 05.29 Uhr7 LeseminutenWenn im Kanton Graubünden Krise ist, ist er nicht weit: Christian Gartmann.Gian Ehrenzeller / KeystoneDie Schweiz erlebte in kurzer Zeit mehrere schwere Krisen: die Evakuierung von Brienz, der Bergsturz in Blatten, das Inferno von Crans-Montana, der Postautobrand in Kerzers, zuletzt der Terrorakt in Winterthur. In solchen Fällen ist Christian Gartmann ein gefragter Mann. Er wurde schon als Kommunikator gerufen, als es 2017 in Bondo zum Bergsturz kam. Oder ein Jahr später, nach dem Absturz der Ju-52 am Piz Segnas. Und seit in Brienz der Berg und das Dorf rutschen, sitzt er im Führungsstab.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Gartmanns Funktion? «Ich bin der Kommunikatiönler», sagt er – ein bisschen kokett – über sich selbst. Wenn es im Kanton Graubünden eine Krise gibt, ist Gartmann nicht weit. Er beeinflusst, wie darüber geredet und berichtet wird. Er ist der Mann, der Mikrofone leiser oder lauter einstellen kann. Was tun, wenn plötzlich CNN berichtet, und wie mächtig sind Leute wie er? Christian Gartmann, 60, sitzt in einer Hotellobby in St. Moritz und wartet auf die Fragen.Herr Gartmann, ist das System Schweiz gerüstet für solche Krisen?Diese Ereignisse sind alle anders gelagert. Aber wenn sie kurz nacheinander geschehen, erschüttern sie uns besonders. Es entsteht das Gefühl, sie würden zusammenhängen. Doch ich nehme keine allgemeine nationale Krisenstimmung wahr. Wir haben wirtschaftlich ein relativ grosses Polster, das ist wichtig. Auch wenn sich eine Krise nicht einfach mit Geld lösen lässt, ist es wichtig, die Mittel zu haben, um schnell etwas bewegen zu können. Zudem stelle ich immer wieder fest: Wenn es um dringende Lösungen geht, können Sie in der Schweiz mit zwei, drei Telefonaten wirkliche Koryphäen an den Tisch holen.Im Zweifel ist aber, wie in Crans-Montana, wie in Brienz, ein Gemeindepräsident die entscheidende Figur. Oft arbeitet er nur Teilzeit.Das hat nichts mit dem Pensum zu tun. Ich betreue auch Personen im Vollamt bei Kantonen oder Unternehmen. Die werden nicht weniger gefordert als der Gemeindepräsident von Albula, der zu 50 Prozent angestellt ist. Zumal sich die Gemeinden explizit auf solche Krisen vorbereiten müssen.Das heisst?Eine Gemeinde braucht einen Führungsstab, der doppelt besetzt ist und auch schon beübt wurde. Und jede Gemeinde muss eine Gefährdungsanalyse machen, das bereitet sie auf eine Krise vor. Aber Sie dürfen nicht vergessen: Was in Crans-Montana passierte, ist in Worte und Gefühle fast nicht zu fassen. Dass über vierzig Leute in einem Feuer umkommen, ist auch als Krisenprofi nicht einfach zu managen. Sehr oft sind Krisen auch für jene überwältigend, die sie bewältigen sollten.Aber ist es richtig, dass ein Gemeindepräsident zuvorderst steht – selbst wenn CNN anreist und es wie in Crans-Montana plötzlich um diplomatische Beziehungen geht?Mein Ratschlag lautet: Jeder kommuniziert zu dem Bereich, den er selbst verantwortet. Der Gemeindepräsident verantwortet nicht die Beziehungen zu Frankreich, deshalb sollte er darüber nichts sagen. Doch er verantwortet, was seine Gemeinde gemacht oder eben nicht gemacht hat. Und das ist Chefsache, selbst wenn Sie einen redegewandten Sprecher haben.Braucht es professionelle Krisenmanager des Bundes, die in die Gemeinden ausrücken könnten?Das sehe ich weniger. Wer eine Krise managt, muss sich im Dorf auskennen. Am Ende muss eine Krisenorganisation Stallgeruch haben. Man kann nicht einfach zwei Berater aus Bern an die Front schicken, sonst vertrauen einem die Betroffenen nicht.Zur PersonChristian Gartmann, 60, wuchs im Engadin auf. In den 1990er Jahren wechselte er in die Medienbranche: erst als Moderator beim damaligen Radio Z (heute Energy Zürich), dann unter anderem als Vermarkter der deutschen Fernsehgruppe ProSiebenSat.1. Seit den 2010er Jahren arbeitet Gartmann in der Kommunikation. Er hat das Sachbuch «Krisenmanagement neu fokussiert» geschrieben, das im März erschienen ist. In diesen Tagen hilft Gartmann seiner Frau, die Gemeindepräsidentin von St. Moritz werden will – nachdem er schon bei der Wahl des abtretenden Christian Jott Jenny mitgemischt hat.Der wichtigste Moment ist die Medienkonferenz kurz nach der Katastrophe, die ins ganze Land übertragen wird. Was raten Sie vor einem solchen Auftritt?Ich rate dazu, sich auf wenige klare Botschaften zu konzentrieren. Aber auch nonverbale Dinge sind zentral. Wenn jemand mit dem Helikopter einfliegt und bei einer Naturkatastrophe glänzende Schuhe trägt, sieht das komisch aus. Aber einem Daniel Albertin . . .. . . dem Gemeindepräsidenten von Brienz . . .. . . muss man nicht sagen, er solle nicht den feinen Zwirn anziehen. Manchmal rate ich einem Kunden: «Achtung, dein fein kariertes Hemd beginnt im Fernsehen zu flimmern!» Bei Frauen sind grosse, baumelnde Ohrringe ungünstig. Dann achten im Fernsehen alle nur noch darauf und nicht mehr auf die Botschaften.Schwören Sie Ihre Kunden darauf ein, was gesagt werden darf und was nicht?Einschwören ist mir zu nahe an Verschwören. Es geht nicht darum, Informationen zu verschweigen. Wenn man im Geheimen etwas wurstelt, fliegt einem das immer um die Ohren. Sie dürfen nur kommunizieren, was bereits entschieden ist. Wenn Sie bei einer Überschwemmung sehen, dass ein Bauernhaus vielleicht aufgegeben werden muss, dann warten Sie ab – um nicht ein Drama auszulösen, das vielleicht gar nicht stattfinden wird.Haben Sie noch nie gelogen?Nein, man sollte das nicht tun. Irgendwann kommt es immer heraus.Darf man sich als Krisenmanager entschuldigen?Ja. Man muss sogar, wenn etwas schiefgegangen ist. Da war die Gemeinde von Crans-Montana am besten: als sie eingestand, dass die Brandschutzkontrollen nicht funktioniert hatten.Darf ein Politiker in einer Krise weinen?Ich finde, Emotionen dürfen nicht fehlen. Es wurde diskutiert, ob der Feuerwehrkommandant von Crans-Montana vor laufender Kamera habe weinen dürfen: Natürlich durfte er das, wenn es ihm danach zumute war, die Zeitungsleser weinen ja bisweilen auch. Empathie ist kein Schuldeingeständnis.Ist es nicht die Aufgabe eines Politikers, die Contenance zu wahren? Man muss sich an solchen Personen aufrichten können.Aufrichten kann man sich, wenn man merkt: Die Katastrophe ist dieser Politikerin oder diesem Politiker nicht egal, es ist nicht einfach Übung 47 von 50. Natürlich nimmt man sich vor, die Contenance zu wahren. Meistens fällt die Fassade erst nach einem öffentlichen Auftritt. Nach dem Absturz der Ju-Air ging ich innert einer Woche an sechs Beerdigungen mit hundert, zweihundert Leuten. Es war das heulende Elend. Da heulte auch ich.Was ist der kommunikative Worst Case? Die Pressekonferenz des Präsidenten von Crans-Montana, der erklärte, eigentlich sei die Gemeinde von der Brandkatastrophe stärker betroffen als alle anderen?Ich habe keine Innenansichten zu Crans-Montana, ich kann nur das Resultat beurteilen.Das ist in der Kommunikation doch das, was zählt.Richtig. Das Resultat war fatal.Was hätten Sie in dieser Situation gemacht?Ich hätte versucht, eine Ergänzung anzufügen: «Was der Gemeindepräsident gesagt hat, betrifft die wirtschaftlichen Faktoren. Aber es steht in keinem Verhältnis zum menschlichen Leid, das in der letzten Nacht passiert ist.» Es wäre auch dann nicht ideal gewesen, aber vielleicht weniger verheerend.Manchmal führt Christian Gartmann die Journalisten auch durch das Krisengebiet, wie hier während einer Begehung des Entwässerungsstollens in Brienz.Gian Ehrenzeller / KeystoneSind Sie als Kommunikationsprofi ein Fassadenreiniger? Die Kunden, die Sie engagieren, wollen eine tadellose Aussendarstellung.Ich bin kein Fassadenreiniger. Kommunikation ist nicht nur Fassade, sie wirkt vor allem auch nach innen, ins ganze Haus hinein. Den Betroffenen und den Angestellten der Gemeinde nützt eine schöne Fassade nichts, wenn es drinnen modert und bröckelt. Wenn jemand von mir verlangt, ich solle eine schöne Fassade für ein Abbruchobjekt gestalten, bin ich der Falsche. Dann gehe ich lieber Skifahren.Sind Krisen umso interessanter für Sie, je grösser sie sind und je öfter Sie vor die Kamera treten müssen?Nein. Ich weiss, dass ich das relativ gut kann. Aber ich hatte als Radiomoderator genug Air-Time für ein ganzes Leben.Welches war Ihre schwierigste Krise?Am längsten beschäftigt mich Brienz, seit sieben Jahren. Da geriet so viel ins Rutschen, mehr als in den letzten 10 000 Jahren. Inzwischen kenne ich einige der Betroffenen sehr gut.In Brienz waren die Einheimischen irgendwann frustriert über die Behörden. Was haben Sie falsch gemacht?Das müssten Sie die Betroffenen fragen. Oft sind die Leute einfach hässig über die Situation. Dann suchen sie eine Projektionsfläche, die schnell die Gemeinde ist, weil diese entschieden hat, dass sie das Haus verlassen müssen.Wir waren mehrfach in Brienz. Man sagte uns: «Wir wollen nicht zitiert werden, sonst gibt es Konsequenzen durch den Gartmann.» Wie erklären Sie sich das?Welche Konsequenzen?Es hiess: «Sonst meldet sich der Gartmann bei uns.»Da haben Sie nicht nachgefragt?Sie wollten sich nicht weiter äussern. Können Sie sich das erklären?Nein. Das ist kompletter Blödsinn. Es gab ganz wenige Fälle, wo wir Falschinformationen richtigstellen mussten. Das ist die einzige Konsequenz, die es gibt. Ich kenne die Leute, die Sie meinen. Brienz ist ein kleines Dorf. Aber wissen Sie, der Bergsturz war für die Betroffenen fast nur negativ, es gab viel Unsicherheit. Die wenigsten sagten uns: «Cool, händ Sie das gmacht.»Gibt es eine Krise, sind auf der einen Seite die mächtigen Behörden, flankiert von einem Kommunikationsprofi. Da fühlt man sich als einzelner Bürger auf der anderen Seite schnell ohnmächtig.Sie überschätzen meine Möglichkeiten. Ich fälle keine Entscheide. Und was ein Führungsstab macht, macht er doch nicht für sich, sondern für die Bewohner. Wir sind eine Demokratie.Ist es ein Problem, wenn es immer weniger Journalisten und immer mehr Kommunikationsleute gibt?Die Annahme, dass eine Kommunikationsabteilung automatisch kritische Rückfragen erschwert, geht relativ weit. Aber es ist schon so, dass die Redaktionen weniger Personal für grosse Geschichten haben. Ich erlebe teilweise, wie komplett unvorbereitete Praktikanten von ihrem Chef den Auftrag bekommen: «Fahr doch nach Brienz!» Dann sind alle froh, wenn er nicht ins Berner Oberland fährt. Gerade in einer Krisensituation muss ich manchmal bei Adam und Eva anfangen. Und ich habe überhaupt keine Zeit für Adam und Eva! Das ist für mich nicht lässig, auch wenn ich so einfacher ein Narrativ etablieren könnte.Dann haben Sie eben doch Macht?Ich habe keine Macht, ich helfe. Ich bin nur der Einzelhandwerker Gartmann. Man bucht mich, wenn man mich braucht. Danach schickt man mich wieder weg.Passend zum Artikel
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