InterviewFunktioniert die Schweiz in der Krise? «Wir sind extrem flexibel», sagt die Altbundesrätin. Der Politologe widerspricht: «Die Geopolitik bringt das System an Grenzen»Simonetta Sommaruga erlebte den Untergang des Bankgeheimnisses und wandte während der Pandemie Notrecht an. Adrian Vatter beschrieb all das aus der Distanz, nun sagen die beiden, was sich in der Schweiz ändern muss – und was auf keinen Fall.14.07.2026, 05.30 Uhr9 LeseminutenAltbundesrätin Simonetta Sommaruga und Professor Adrian Vatter im Gespräch, Institut für Politikwissenschaft in Bern, 25.06.2026.Karin Hofer / NZZSimonetta Sommaruga war eine der prägenden Figuren der Pandemie und verkündete als Bundespräsidentin den Lockdown. Der Politologe Adrian Vatter beobachtet Politikerinnen wie sie bereits seit Jahrzehnten. Nun haben Simonetta Sommaruga und Adrian Vatter an der Universität Bern zum zweiten Mal ein Seminar über das System Schweiz in Krisenmomenten durchgeführt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Wann dachten Sie zuletzt, das System Schweiz sei überfordert?Adrian Vatter: Die Schweiz ist eigentlich sehr regelgebunden, doch die geopolitische Situation mit ihren neuen Unberechenbarkeiten bringt unser System an seine Grenzen. Nach den Strafzöllen des amerikanischen Präsidenten kamen nicht Politiker zum Zug. Im Oval Office sassen international vernetzte Unternehmer. Unser System ist sehr gut, wenn es darum geht, im Inneren einen Konsens zu finden. Die geopolitischen Konflikte der Gegenwart folgen jedoch einer völlig anderen Logik. Während unsere Institutionen Legitimität produzieren, verlangen internationale Krisen häufig Geschwindigkeit. Putin und Trump nehmen nicht an unseren Vernehmlassungen teil.Simonetta Sommaruga: Eine Überforderung des Systems habe ich nicht wahrgenommen. Vielleicht kam es in den Krisen der vergangenen Jahre manchmal an seine Grenzen. Ich denke an die Pandemie, die Flüchtlings-, die Finanz- oder die Energiekrise. Letztlich hat dieses System aber immer wieder Wege gefunden, diese Situationen zu meistern. Möglich war das durch eine grosse Flexibilität und einen respektvollen Umgang untereinander, aber auch gegenüber den Institutionen.Der ehemalige Bundeskanzler Walter Thurnherr sagte einmal: «Wir gehören zu den besten Weltbeobachtern.» Aber was, wenn beobachten nicht mehr ausreicht?Sommaruga: Ich finde nicht, dass wir nur beobachten. Die Schweiz nutzt ihre Vorteile so lange wie möglich, und wenn es nicht mehr anders geht, reagiert sie durchaus sehr rasch. Als das Bankgeheimnis unter Druck geriet, war ich Nationalrätin, und einige Kollegen sagten, man gebe es niemals preis. Am Tag nachdem das Bankgeheimnis gefallen war, sagten dieselben Nationalräte, sie hätten das schon vor Monaten kommen sehen. Das zeigt: Wenn nötig, sind wir extrem flexibel. Das liegt daran, dass die Schweiz aussenpolitisch selten strategisch agiert hat. Sie hat sich auf die Interessen der Wirtschaft konzentriert und sich den neuen Gegebenheiten angepasst. So gesehen war die Schweiz in der Aussenpolitik immer wieder eine Getriebene. So ist es auch jetzt, wobei das Ausmass und das Tempo zugenommen haben.Vatter: Diese reaktive Aussenpolitik geht bis auf die Gründung des Bundesstaates zurück. Bis 1920 war das Amt des Aussenministers an jenes des Bundespräsidenten gekoppelt. So war es gar nicht möglich, eine langfristige Strategie und persönliche Netzwerke aufzubauen. Noch heute wechselt das Bundespräsidium jedes Jahr. Angesichts der geopolitischen Umbrüche stellt sich deshalb die Frage, ob die Schweiz künftig mehr strategische Führung in der Aussenpolitik braucht.Zur PersonSimonetta Sommaruga und Adrian VatterSie war National- und Ständerätin für die SP, von 2010 bis 2022 sass Simonetta Sommaruga im Bundesrat. In der Landesregierung leitete sie erst das Justiz- und Polizeidepartement und anschliessend das Departement für Verkehr und Umwelt. Sommaruga war 2015 und 2020 Bundespräsidentin.Adrian Vatter wurde 1965 in Zürich geboren, studierte später Politikwissenschaft. Nach seiner Habilitation dozierte Vatter an verschiedenen Universitäten im In- und Ausland. Seit 2009 ist er Direktor des politikwissenschaftlichen Instituts der Universität Bern.Altbundesrätin Micheline Calmy-Rey versuchte bereits vor Jahren, eine aktivere Aussenpolitik zu gestalten, Bundesrat Ignazio Cassis lancierte einen neuen Neutralitätsbegriff. Beide scheiterten. Ihr Ansatz scheint heikel zu sein.Sommaruga: Ich denke, in der Aussenpolitik nimmt die Schweiz ein strategisches Defizit in Kauf, weil das politisch so gewollt ist. Dahinter steht eine Haltung: Die Schweiz gewichtet die innenpolitische Stabilität höher als einen möglichen aussenpolitischen Nutzen. Jetzt, da die geopolitischen Spannungen zunehmen und eine vermeintlich stabile Weltordnung zerfällt, wird sich die Schweiz aussenpolitisch stärker orientieren müssen. Dabei werden die Beziehungen zu unseren Nachbarn an Bedeutung gewinnen.In der Schweiz wird vor jeder Entscheidung konsultiert. Halten Sie das für einen Bremsklotz im System?Sommaruga: Im Gegenteil. Im ersten Jahr der Pandemie, als ich Bundespräsidentin war, mussten wir weitreichende Entscheide fällen, die auf grosse Akzeptanz stiessen. Entscheidend dafür war, dass wir im Bundesrat auch unter grossem Druck die Konkordanz hochgehalten und verschiedene Sichtweisen einbezogen haben. Wir haben um diese Entscheide wirklich intensiv gerungen. Die Bevölkerung merkt das. Wenn ein Entscheid im Geist der Konkordanz zustande kommt, ist der Bundesrat stark, weil seine Entscheide breit mitgetragen werden. Wenn die Mehrheit aber einfach durchmarschiert, sind die Entscheide oft unausgewogen. Das schwächt den Bundesrat.Der Historiker Herbert Lüthy schrieb einmal, «Führerlosigkeit» sei der Schweizer Normalzustand. Offenbar trifft das aber nicht auf den Ausnahmezustand zu, Herr Vatter?Vatter: Es war erstaunlich, wie das Land mit der grössten Machtteilung in der Pandemie von einem Tag auf den anderen eine enorme Zentralisierung erlebt hat. Wenigstens am Anfang stiess der Bundesrat damit auf eine grosse Akzeptanz. Das Epidemiegesetz gestand ihm extreme Spielräume zu. Er hätte noch weiter gehen können, doch er wusste, wie wichtig es ist, zu konsultieren und einzubeziehen. Und gerade das macht die Schweiz im internationalen Vergleich interessant: Der Bundesrat erhielt aussergewöhnlich weitreichende Kompetenzen, gleichzeitig blieben die Eingriffe in die Freiheitsrechte moderater als in vielen anderen europäischen Demokratien. Das spricht für die institutionelle Resilienz unseres Systems.Als der Bundesrat damals mit Notrecht regierte, waren viele Ihrer Studenten zwischen Matura und Studium. Eine prägende Zeit. Unterscheidet sich deren Blick auf diese Einschnitte?Sommaruga: Ich hatte den Eindruck, dass den Studierenden zum einen ein grosses Vertrauen in den Bundesrat aus dieser Zeit geblieben ist. Das liegt vermutlich daran, dass am Anfang für alle die gleichen Einschränkungen galten. Man hat die Pandemie als Kollektiv erlebt. Zum anderen habe ich auch ein ausgeprägtes Interesse für die Funktionsweise unseres Systems wahrgenommen, ein Interesse daran, wie die politischen Prozesse im Normal- und im Ausnahmezustand ablaufen. Der Bundesrat war damals bei den jungen Menschen täglich in der Stube präsent.Vatter: Seit dem Zweiten Weltkrieg hat niemand mehr erlebt, dass der Bundesrat mit aller Wucht in den persönlichen Alltag der Bevölkerung eingreift. Während der Pandemie haben wir den Staat als Krisenmanager erlebt, was vielerorts das Vertrauen in ihn gestärkt hat.Nach dem Zweiten Weltkrieg regierte der Bundesrat noch jahrelang weiter per Notrecht. Diese Lust auf Macht löst seit der Pandemie und bis in die Gegenwart Widerstände und Skepsis aus.Vatter: Neue Gruppierungen wie Mass-voll kamen auf, das stimmt. Doch wir haben nicht bloss ein-, sondern dreimal über die Politik des Bundesrates abgestimmt. Das Volk hat sie mit deutlichen Mehrheiten nachträglich legitimiert. Die direkte Demokratie hat auch hier eine wichtige Ventilfunktion, was sich daran zeigt, dass diese Gruppen heute eine Randerscheinung sind.Kritisiert wurden die Massnahmen nicht bloss von Gruppierungen wie Mass-voll. Teilweise rissen sie bis in die Familien hinein Gräben auf. Ist es da nicht untertrieben, von einer Randerscheinung zu sprechen?Vatter: Die Pandemie hat zweifellos tiefe gesellschaftliche Gräben sichtbar gemacht. Aber die eigentliche Bewährungsprobe einer Demokratie ist nicht, ob Konflikte entstehen, sondern ob sie friedlich und demokratisch bearbeitet werden können. Genau das ist in der Schweiz mit den drei Volksabstimmungen und der Rückkehr zu den ordentlichen Verfahren ausserordentlich gut gelungen.Sommaruga: Ausserdem hat der Bundesrat seine aussergewöhnliche Machtfülle nach der Pandemie freiwillig wieder abgegeben. Beschäftigt hat die Studierenden auch die Rolle des Parlaments. Sie waren beeindruckt von der Fülle der Aufgaben, die das Parlament zu bewältigen hat. Und sie haben sich gefragt, wie das Parlament gestärkt werden könnte, damit es auch den Bundesrat effizient beaufsichtigen kann.Welche Möglichkeiten sehen die Studierenden?Sommaruga: Eine Idee war ein Koordinationsgremium, das sich aus Mitgliedern des Bundesrates und beider Kammern zusammensetzt und dessen Funktionsweise bereits geklärt wird, bevor eine Krise eintrifft. Unsere Milizpolitiker leisten mit sehr wenig Ressourcen eine enorme Arbeit. Wenn das Parlament gestärkt wird, sinkt der Einfluss der Lobbys, die nicht demokratisch legitimiert sind.Vatter: Um das Parlament zu stärken, könnte man den Kommissionen mehr personelle Ressourcen geben. Es geht nicht darum, ein Berufsparlament einzuführen, sondern darum, einzelnen Gremien mehr Experten zur Verfügung zu stellen.Und wo muss das Schweizer System als Ganzes reformiert werden?Vatter: Es braucht keinen Systemwechsel, aber eine Modernisierung der Konsensdemokratie. Der Bundesrat muss strategischer führen können, das Parlament braucht mehr professionelle Ressourcen, und wir müssen unsere Verfahren besser auf internationale und geopolitische Herausforderungen ausrichten. Mehr Transparenz beim Lobbying gehört ebenfalls dazu.Ich hätte eigentlich erwartet, dass Sie auch das Ständemehr reformieren wollen.Vatter: Da gibt es verschiedene Ideen, zum Beispiel die Möglichkeit des stärkeren Mehrs. Das würde heissen: Wenn es einen Widerspruch zwischen Volks- und Ständemehr gibt, setzt sich jenes durch, das deutlicher ist. Kürzlich hat mich ein SVP-Politiker aus einem kleinen, konservativen Kanton darauf angesprochen. Er fand den Vorschlag interessant, weil man das System nicht grundlegend ändern müsste und die kleinen Kantone dadurch nicht immer als Verhinderer gelten würden.Allerdings wäre für die Umsetzung dieser – und jeder weiteren – Reform das Ständemehr nötig. Das dürfte schwierig werden.Vatter: Ja. Wer die Spielregeln ändern will, muss nach den bestehenden Spielregeln gewinnen.Welche Note haben die Studenten eigentlich dem Bundesrat der Corona-Jahre gegeben?Vatter: Sie haben keine Noten verteilt, und sie haben auch nicht zu einer grundlegenden Systemkritik ausgeholt. Ihr Fokus lag auf der Frage, wie man den Zielkonflikt zwischen möglichst breiter Teilhabe und entschlossenem Handeln in der Krise überwinden kann.Frau Sommaruga, wie beurteilen Sie die Corona-Politik des Bundesrates im Nachhinein?Sommaruga: Ich kann vor allem für das erste Jahr reden, weil ich damals Bundespräsidentin war. Ich glaube, es ist uns mit dem Mittelweg insgesamt gut gelungen, die Bevölkerung mitzunehmen. Im zweiten und im dritten Jahr wurde das Krisenmanagement schwieriger. Das liegt auch daran, dass die Menschen verständlicherweise genug hatten von der Pandemie. Es gab immer mehr Akteure und weniger Einigkeit. Ich bin da sehr nüchtern und kann abschätzen, was wir geleistet haben.Was würden Sie heute anders angehen?Sommaruga: Ich würde mich dafür einsetzen, dass sich das Parlament nicht ganz aus dem Spiel nimmt, wie es dies im März 2020 gemacht hat, als es die Session vorzeitig abgebrochen hat.Wenn man Bundesratsreden von Ihnen liest, heisst es oft: Frühere Generationen haben Grosses geleistet, haben Stauseen und Bahntunnel gebaut. Kann die Schweiz solche Grossprojekte immer noch abschliessen?Sommaruga: Selbstverständlich. Das ist auch wichtig. Eine funktionierende Infrastruktur ist nicht nur für die Wirtschaft matchentscheidend, sondern auch für den Zusammenhalt des Landes. Dass das Postauto überall hinfährt, dass der Strom fliesst und der Bahnverkehr funktioniert, ist wichtig für das hohe Vertrauen in unseren Staat. Die Herausforderung ist jetzt, dass wir diese Infrastruktur nicht nur ausbauen, sondern auch unterhalten. Wasserleitungen müssen ersetzt werden. Das ist natürlich weniger attraktiv als prestigeträchtige Neubauprojekte. Ausserdem dachten wir lange, die Schweiz sei das Wasserschloss Europas. Doch der Wasserkreislauf könnte aufgrund des Klimawandels zur ganz grossen Herausforderung werden.Altbundesrätin Simonetta Sommaruga und Professor Adrian Vatter im Gespräch, Institut für Politikwissenschaft in Bern, 25.06.2026.Karin Hofer / NZZVatter: Ich glaube ebenfalls, dass grosse Projekte in der Schweiz immer noch möglich sind. Nehmen Sie nur schon die Neat. Damit Vorhaben wie dieses gelingen, braucht es aber eine Mehrheit von Volk und Ständen, und das ist schwieriger geworden. Je fragmentierter eine Gesellschaft ist, desto mehr Vetospieler gibt es. Zudem sind auch die ideologischen Distanzen grösser geworden. Das bedeutet, es dauert heute länger, bis Mehrheiten für grosse Innovations- und Reformprojekte zustande kommen.Frau Sommaruga, inwiefern hängt das Gelingen solcher Projekte von sogenannt starken Bundesräten ab?Sommaruga: Für mich gibt es nur einen starken Gesamtbundesrat. Die Konkordanz lebt von der gemeinsam gefundenen Lösung. In den Ratings der Bundesräte sollten jene am besten abschneiden, die am meisten zu einem guten Kompromiss beitragen und diesen dann auch mit Überzeugungskraft vertreten. Bei Infrastrukturprojekten braucht es dann auch Allianzen im Parlament und in den Kantonen. Gerade bei Bahn- und Strassenprojekten spielen oftmals weniger ideologische als regionale Überlegungen eine wichtige Rolle. Entscheidend ist, dass der Bundesrat zusammensteht und eine Lösung präsentiert, von der er als Gremium überzeugt ist. Gelingt das, nimmt man den Bundesrat als stark wahr.Und, haben wir derzeit einen starken Gesamtbundesrat?Sommaruga: Es ist nicht meine Aufgabe, das zu beurteilen.Vatter: Der Bundesrat lebt von unterschiedlichen Persönlichkeiten. Es braucht Konkordanzpolitiker und Verwaltungsmanager. Im medialen Zeitalter sind auch vermehrt kommunikativ starke Politiker gefragt, die oft auch als Identifikationsfiguren gelten. Politiker wie Adolf Ogi oder Doris Leuthard. Übertragen auf die Gegenwart würde ich sagen, dass der Bundesrat derzeit besser funktioniert als in den vergangenen Jahren. Martin Pfister verkörpert für mich exemplarisch den Typus des brückenbauenden Konkordanzpolitikers, der den Zusammenhalt des Kollegiums stärkt.Welcher Bundesratstypus passt zu Frau Sommaruga?Vatter: Sie gehört für mich zu den klassischen Konkordanzpolitikerinnen. Sie verstand es, Mehrheiten zu organisieren, ohne sich selbst ständig ins Zentrum zu stellen.Passend zum Artikel