Die Lage in Kuba ist fragil. Das war sie eigentlich schon immer. Es kann sein, dass sich zwischen der Abgabe dieses Textes und seinem Erscheinen Schwerwiegendes auf der Insel zugetragen hat. Oder eben – wie seit 67 Jahren – auch nicht.
Die westliche Berichterstattung über Kuba ist die immer gleiche: Eine Katastrophe folgt der nächsten. Jede scheint schlimmer zu sein als die vorherige. Seit 1993 bin ich regelmäßig auf der Insel. Damals hieß die Zeit nach dem Zusammenbrechen der Sowjetunion período especial (Sonderperiode). Vieles erinnerte mich an die DDR: Intershops, viel Polizeipräsenz und anderes mehr. Nichtsdestotrotz waren die Menschen heiter und mutig, einander zugewandt und geschickt im Organisieren ihres Lebens.
Meine Vermieterin schenkte mir damals Karten für eine Aufführung des romantischen Balletts „Giselle“. Es wurde im Teatro Mella im Stadtteil Vedado gezeigt. Ausverkauft! Im Rang saß die lebende Legende Alicia Alonso (1920–2019), eine der ganz wenigen Tänzerinnen in der Welt, die den Titel „Primaballerina assoluta“ führen durften. Es war ihre Einstudierung dieses Balletts aus dem Jahr 1966. Sie war erblindet, alle wussten das. Aber sie nahm die Aufführung wahr – hellwach und mit allen anderen Sinnen.










