Ramon Espinosa / APSanktionen der USA, staatliche Misswirtschaft und ein gnadenloser Sommer: Derzeit läuft alles gegen Kuba. An die marktwirtschaftlichen Reformen der Regierung glauben die wenigsten. Stimmungsbild eines leidgeprüften Landes.30.06.2026, 05.30 Uhr8 Leseminuten«Schau, hier wird unsere Geschichte entsorgt!» Die hagere Gestalt steht inmitten des Müllhaufens und hält eine Biografie des kommunistischen Vordenkers Friedrich Engels in der Hand. «Das ist jetzt Vergangenheit», sagt der Mann und wirft das Buch zurück auf den Haufen, wo es neben einem Werk über Josef Stalin und einem von Kubas Revolutionsführer Fidel Castro landet. Dessen Titel: «Nichts kann den Lauf der Geschichte stoppen».Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. 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Die Sachen haben wohl einer Familie gehört, die aus Kuba abgehauen ist, wie der Mann aus dem Weggeworfenen schliesst. Er betrachtet die zwischen den Büchern liegenden Fotos: Kindergeburtstage, Ferien am Strand, Bilder aus glücklichen Zeiten. Auch seine Kinder lebten längst in Spanien und in den USA, sagt er. Und weint.Schwüle Nächte werden zur TorturIm sechsten Monat von Donald Trumps Ölembargo ist Kuba erschöpft. Dazu hat der US-Präsident mit Sanktionen den von Kubas Militär kontrollierten Tourismus hart getroffen; da das Militär auch die Häfen kontrolliert, führen die Sanktionen der USA gegen das Militär auch zu Unterbrechungen der Importe.Am schlimmsten ist für die Bevölkerung der Treibstoffmangel. Kleine Mengen Diesel werden von Privatleuten importiert, für das knappe Benzin zahlt man jedoch bis zu 10 Dollar pro Liter. Der öffentliche Transport ist komplett eingestellt, chinesische E-Motorräder und Elektro-Rikschas dienen nun als Taxis. Die Stromabschaltungen, die es wegen der maroden Infrastruktur und des Brennstoffmangels in den neunziger Jahren schon gab, sind wieder normal geworden. Dass manchmal überhaupt noch Strom kommt, ist auch den eilig errichteten Solarparks zu verdanken.In den besseren Wohnlagen von Havanna gibt es täglich drei Stunden Strom, meist nachmittags. Dann beeilt man sich, Batterien zu laden und die Waschmaschine anzustellen. Der Alltag der Kubaner kreist um die Frage, wann der Strom kommt. Behörden und staatliche Läden bleiben geschlossen, da die Angestellten ohnehin nicht zur Arbeit erscheinen.Doch besonders schlimm sind die schwülen Nächte, die ohne Ventilatoren zur Tortur werden. Öffnet man die Fenster, kommt das Ungeziefer von den Müllhaufen herübergeflogen. «Die Leute sind fertig, sie können wegen der Hitze nachts nicht mehr schlafen, und tagsüber geht niemand mehr arbeiten», so fasst es ein in einem Mittelstandsquartier lebender Ausländer zusammen. «Alle sind am Ende.»Angesichts von Stromabschaltungen setzen manche Kubaner auf Solarpanels, um Batterien zu laden. Hier in der Altstadt von Havanna.Ramon Espinosa / APExplosiver sozialer CocktailDie sonst so entspannten Kubaner sind gereizt, in sozialen Netzwerken wird gegen die Regierung gewettert. Dabei hat der Sommer gerade erst begonnen. Noch bis Oktober bleibt es heiss. Mangel und Hitze seien ein explosiver Cocktail, sagt ein Mann in einem der wenigen noch geöffneten Cafés. Die USA würden wohl darauf zählen, dass sich das Volk erhebe, glaubt er.Nur wenige Minuten Strom gebe es täglich in ihrem Viertel, sagt eine junge Frau, die in der armen Peripherie wohnt. Zu wenig, um die Wassertanks auf den Dächern zu füllen. «Dreizehn Tage ohne Wasser, und das bei dieser Hitze!», klagt sie. Aus Wut hätten die Bewohner den Müll auf den Strassen angezündet und laut auf Kochtöpfe geschlagen. Auch die Älteren hätten mitgemacht.Früher hätten jene, die die Armut in der Zeit vor der Revolution noch gekannt hätten, die jungen Leute für ihre Proteste gerügt. Verwöhnt seien die, hiess es. Doch nun sei der Unmut weit verbreitet. Zu massiven Protesten komme es aus Angst vor Verhaftungen trotzdem nicht. «Sie sperren dich ein, und im Gefängnis ist es noch viel schlimmer», sagt die Frau. Da halte man lieber still.Wer es sich leisten kann, setzt auf Solarpanels und potente Batterien gegen den Strommangel. Mit einem 18-Kilowatt-Stromspeicher kann man nachts sogar die Klimaanlage laufen lassen. Eine solche, mehrere tausend Dollar teure Anlage kann sich von den Einheimischen jedoch nur eine kleine Elite leisten, die reiche Verwandte in den USA oder sonstige lukrative Beziehungen ins Ausland hat. Oder zur kubanischen Regierung.Bewohner von Havanna während eines Blackouts.Ramon Espinosa / APDer Kapitalismus soll den Sozialismus rettenDie normalen Kubaner sitzen dagegen nachts im Dunkeln. Wie auch an diesem Abend, an dem Kubas Nationalversammlung in einer Sondersitzung Reformen abnickt, die 65 Jahre Kommunismus beerdigen. Sofern die Pläne denn umgesetzt werden. Kubas Regierung ist bekannt für grosse Pläne, die entweder miserabel umgesetzt oder rasch wieder zurückgenommen werden.Doch auf dem Papier liest es sich wie eine Kapitulation: Privatisierung von Staatsbetrieben, die Zulassung ausländischer Banken, die Freigabe privatwirtschaftlichen Engagements und ausländischer Investitionen in strategischen Sektoren wie Energie und Tourismus. Besonders symbolisch: Die Lebensmittelzuteilung für alle soll durch gezielte Sozialleistungen nur für Bedürftige ersetzt werden.Die Zuteilungen decken schon seit Jahren nicht mehr die Bedürfnisse der Bürger. Doch sie sind das Markenzeichen von Fidel Castros Revolution, neben den Subventionen für Miete, Transport, Gas und Strom. «Wir müssen den Sozialismus weiterhin verteidigen. Dafür braucht es ein paar Anpassungen», so begründete Kubas Präsident Miguel Díaz-Canel die Reformen. Einige der Probleme kämen aus dem System heraus und seien nicht der Blockade der USA geschuldet, gab Díaz-Canel sogar zu.In der schwülen Sommernacht sitzen die Bewohner Havannas vor ihren dunklen Häusern und lesen die Meldungen über die Reformen auf ihren Handys. Diese funktionieren meist, trotz dem Strommangel. Niemand scheint sich zu freuen. «Die Reformen hätten vor zehn Jahren kommen müssen, als wir mit Barack Obama einen Partner im Weissen Haus hatten», sagt ein Mann. Der damalige US-Präsident hatte Kuba Zugeständnisse angeboten, bevor Trump die kurze diplomatische Tauwetterperiode wieder beendete.Die häufigen Stromabschaltungen zwingen die Kubaner zum Warten. Wie hier in der Altstadt von Havanna.Ramon Espinosa / APSolange es keinen radikalen Wechsel an der Spitze gebe, werde sich nichts ändern, sagt eine Studentin, die davon träumt, einmal für einen internationalen Grosskonzern zu arbeiten. Ob dieser Tag jemals kommt? Nur die Übernahme Kubas durch die USA könne das Land retten, sagt eine andere junge Frau. Sie spricht für viele – Wut auf die USA wegen der Sanktionen hört man selten.Der kubanischen Regierung traut man dagegen nicht zu, den Wandel zu vollziehen. Dass diese ihren Kontrollwahn aufgibt und den Kräften des Marktes wirklich freie Hand lässt, glauben nur wenige. Jahrzehntelange Krisen, das Misstrauen gegenüber der Regierung – statt Hoffnung herrscht in Kuba Lethargie.Das Regime mobilisiert sichVielleicht erledigt sich die Revolution ja auch von selbst, so hoffen manche. Drei Tage nach Verkündung der Reformen stirbt mit Ramiro Valdés einer der letzten Revolutionäre von 1959. Er hatte einst mithilfe der DDR-Stasi den Repressionsapparat aufgebaut. Man trauere ihm nicht nach, sagt eine Frau aus einem armen Viertel.Valdés’ Urne wird zwei Tage später nahe dem Platz der Revolution in Havanna aufgestellt, die letzten Vertreter der alten Garde salutieren noch einmal. Aber auch einfache Bürger sind zum Abschied gekommen. Wie gross der Rückhalt des Regimes in der Bevölkerung ist, weiss niemand. Kubas Politik ist eine riesige Blackbox.Abschied von Ramiro Valdés. Der Revolutionär baute einst den staatlichen Überwachungsapparat auf. Dabei konnte er auf die Hilfe von Experten der DDR-Stasi zählen.Ramon Espinosa / APAnschliessend wird die Urne des Revolutionärs nach Santa Clara gebracht, wo sie in Che Guevaras Mausoleum ihre letzte Ruhestätte finden soll. Die Stadt in Zentralkuba ist ein wichtiges Militär- und Verwaltungszentrum. Wer sie beherrscht, beherrscht Kuba, hatte einst Fidel Castro erkannt und seinen argentinischen Kampfgefährten Che Guevara Ende 1958 angewiesen, die Stadt einzunehmen. Dessen Sieg besiegelte den Triumph der Revolution.Heute gibt es kaum Verkehr auf der mit Schlaglöchern überzogenen Autopista Nacional, die Havanna mit Santa Clara verbindet. Am Strassenrand sieht man geschlossene Tankstellen und liegen gebliebene LKW mit Containern und Früchten. Männer mit Kanistern winken am Wegesrand. LKW-Fahrer würden unter der Hand Treibstoff verkaufen, erzählt der Besitzer eines Oldtimers. Jüngst sei er liegengeblieben, weil man ihm mit Wasser gepanschten Treibstoff verkauft habe, berichtet er.Pferde, Kühe und SchweineJe weiter man sich von Havanna entfernt, desto häufiger sieht man Pferdekarren und Fahrradfahrer auf der Autobahn. An einer Raststätte bestaunen Reisende einen Lastwagen mit Baujahr 1926. Ab und zu brausen moderne Elektroautos vorbei. Kurz vor Santa Clara gibt es die einzige Ladestation für E-Autos auf der 280 Kilometer langen Strecke.In der Stadt herrscht Trubel, es gibt eine Veranstaltung zu Ehren von Ramiro Valdés. Am Mausoleum von Che Guevara wird noch gepinselt. In zwei Tagen sollen Valdés’ Überreste an der Seite seines ehemaligen Kommandanten beigesetzt werden. Die Stadt ist deswegen voll von Polizei. «Als ob wir nicht schon genug Probleme mit dem Fehlen von Strom und Wasser hätten», sagt eine Frau in einem Café im Zentrum.Der Strommangel bedeutet für viele Kubaner, über Tage oder Wochen ohne Leitungswasser leben zu müssen.Ramon Espinosa / APIn den umliegenden Dörfern ist das berühmte Porträt von Che Guevara allgegenwärtig, neben markigen Sprüchen über den Sieg der Revolution wie: «Hier ergibt sich niemand!» Über die löchrige Asphaltstrasse laufen Pferde, Kühe und Schweine. Seit drei Tagen gebe es keinen Strom, sagt die Besitzerin eines kleinen Imbisses. Obwohl in der Nähe das Wasserkraftwerk Hanabanilla liegt. Auch die Versorgungslage sei schlecht, sie habe kein Brot, um Sandwiches zu machen.Weiter südlich ziehen sich entlang der Küste Bananenplantagen und Reisfelder. Am Strassenrand verkaufen Privatleute Früchte und Gemüse. Auch der Besitzer eines SUV mit Regierungskennzeichen lädt Sack um Sack ein. In Havanna sei all das schwierig zu bekommen, sagt ein Mann, der Bohnen und Ananas gekauft hat. Kubas Zentralregion ist fruchtbar. Doch ohne Treibstoff kann die Ernte nicht abtransportiert werden. Während die arme Stadtbevölkerung ohne die staatlichen Lebensmittelzuteilungen hungert, vergammelt die Ernte hier auf den Feldern.Nicht einmal Gott kennt Kubas ZukunftEs gebe viel Missmanagement in der Regierung, sagt ein Rentner in Cienfuegos. Seit drei Tagen habe er kein Wasser mehr daheim. Dass es in den Strassen der Küstenstadt keine Müllhaufen gebe, sei den engagierten Bürgern hier zu verdanken, nicht der Regierung in der fernen Hauptstadt.Auf die ist er ohnehin schlecht zu sprechen. Der gerade verstorbene Revolutionär Valdés sei noch selbst in die Fabriken gegangen, um zu schauen, wo die Probleme lägen. «Doch seit wie vielen Jahren lebt Raúl Castro nun bereits abgeschirmt in Havanna?» Fidel Castros gerade 95 Jahre alt gewordener Bruder gilt als graue Eminenz des Regimes. Die nun verkündeten Reformen heisse er gut, wird verkündet. Mit denen ist der Rentner jedoch nicht einverstanden.Als Junge habe er die Revolution in Havanna erlebt, habe die Verbrechen der damals gestürzten Diktatur gesehen. Er sei Nationalist und Patriot und stehe zu dem gesellschaftlichen Pakt, der die Revolution einst zum Sieg getragen habe. Anders als die abgehobene politisch-militärische Elite in Havanna, sagt er. Man wisse nicht mehr, wofür diese stehe. «Mal ziehen sie sich die revolutionäre Maske über, dann beschliessen sie plötzlich Reformen, gegen die sie zuvor ein Leben lang gekämpft haben.»Die Regierung habe den Kontakt zur Realität verloren. Und die einfachen Kubaner vergessen, sagt der 75-Jährige. Kuba sei längst eine Zweiklassengesellschaft, die Elite sei korrumpiert, ihren Familien und Freunden gehe es gut. Kubas Rentner müssten jedoch mit umgerechnet 5 bis 10 Dollar im Monat auskommen. Wie solle man damit in einem System überleben, das die sozialistischen Prinzipien aufgegeben habe, fragt er sich.Wie Kubas Zukunft aussehe? «Das weiss nicht einmal Gott.»Die Porträts von Kubas Präsident Miguel Díaz-Canel und den Revolutionsführern Raúl Castro und Fidel Castro sind an einem Regierungsgebäude in Havanna zu sehen.Ramon Espinosa / APPassend zum Artikel
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