Als das Licht in der Küche von Yordana Hernández kurz flackert, richtet sie ein Stoßgebet gen Himmel. »Bitte, bitte, jetzt keinen Stromausfall.« Der Reis im Kocher braucht nur noch wenige Minuten. »Si no hay arroz, no hay comida«, zitiert die 46-Jährige eine kubanische Redewendung: Wenn es keinen Reis gibt, hat man nicht gegessen. Auf dem Herd köcheln getrocknete Bohnen. Elvis, ihr Mann, steht seit Stunden auf dem kleinen Balkon und beäugt die Glut unter dem Kochtopf, in dem ein Stück Schweinefleisch gart. Yordana erwartet Besuch, hat ausländische Freunde eingeladen, alles soll perfekt sein. Schweinefleisch mit Bohnen und Reis ist ein Klassiker der kubanischen Küche. Seit Wochen freut sie sich auf dieses selten gewordene Festmahl.In der Energie- und Wirtschaftskrise sind Lebensmittel für viele Kubaner unerschwinglich geworden. Selbst Reis, das Grundnahrungsmittel Nummer eins, ist ein Luxusgut. Laut einer Studie des Observatorio Cubano de Derechos Humanos (OCDH), einer spanischen NGO, leben 89 Prozent der Kubaner in extremer Armut; sieben von zehn Einwohnern verzichten regelmäßig auf Mahlzeiten. Die Uno warnt seit Monaten vor einer humanitären Katastrophe.

»Wir müssen improvisieren«, sagt Yordana. »Jeden Tag. Nichts ist mehr normal.« Täglich fällt der Strom aus – mal für einige Stunden, mal für mehrere Tage. »Letzte Woche hatten meine Schwiegereltern vier Tage am Stück keine Elektrizität.« Auch Kochgas ist Mangelware, weshalb viele Kubaner nur noch mit Holz und Kohle kochen. Propan ist ein Nebenprodukt der Ölraffinierung – ohne Öl kein Gas.89 Prozent der Kubaner leben in extremer Armut»Die Lage ist katastrophal«, sagt Yordana. Sie reckt den kleinen Finger ihrer rechten Hand in die Luft – so abgemagert seien manche ihrer Nachbarn. Vor allem Alte und Kranke, die keine Verwandten in den USA oder Europa haben, litten an Hunger; einige seien bereits gestorben. Die Preise auf dem freien Markt sind explodiert, die Bodegas – die staatlichen Vergabestellen für subventionierte Lebensmittel – leer. »Seit zwei Monaten«, sagt Yordana, «sind keine neuen Waren gekommen.« Zum Beleg zeigt sie ihr »Libreta«, das Rationierungsheft. Im März und April kein einziger Eintrag.