Am 30. Mai wird für einige Stunden gar nichts mehr gehen auf der Brenner-Autobahn und der parallel verlaufenden Bundesstraße, weil Anwohner in Tirol gegen den überbordenden Straßenverkehr demonstrieren. Zur gleichen Zeit sollte der Railjet Nummer 86 von Bologna Centrale nach München Hauptbahnhof fahrplanmäßig den Alpenhauptkamm überqueren. Schwierig wird es mit den Plänen für die Bahn meistens erst ab der deutschen Grenze – und das gilt nicht nur für die Züge, sondern auch für die Gleise.Denn wenn nach den jüngsten Prognosen im Jahr 2032 der Brennerbasistunnel zwischen Franzensfeste in Südtirol und der Tiroler Landeshauptstadt Innsbruck fertig sein wird, dann wird ein Hochgeschwindigkeitszug wie der österreichische Railjet nicht mehr oben am Brenner über den Alpenhauptkamm fahren, sondern darunter hindurch. So wird er sehr viel schneller sein – bis er kurz vor Kiefersfelden wieder ausgebremst wird, weil er sich die vorhandenen Gleise mit ständig stoppenden Regionalbahnen und langsamen Güterzügen teilen muss.Denn einen leistungsfähigen Brenner-Nordzulauf wird es auf deutschem Gebiet bestenfalls irgendwann in den 2040er-Jahren geben. Dabei hat sich die Bundesrepublik gegenüber Österreich schon 2012 verpflichtet, die Pläne für den Brenner-Nordzulauf gemeinsam voranzutreiben. Die Österreicher haben längst zwei zusätzliche Gleise durch ihr unteres Inntal gelegt. Dass das Bundesverkehrsministerium in Wien den Ausbau der letzten 20 Kilometer bis zur Grenze nun offenbar sparsamer angehen und an das Planungstempo auf deutscher Seite anpassen will, hat im Tiroler Landtag zuletzt für wütende Reaktionen gesorgt. Denn dann, so hieß es in Innsbruck, würden doch bloß die Deutschen wieder auf Österreich warten.Die Einschränkungen für den Lkw-Transit sollen auch den Druck auf Deutschland erhöhenEntlang der gesamten Brennerroute durch Tirol können es Anwohner wie Politiker aber kaum erwarten, zumindest den Großteil des transalpinen Güterverkehrs von der Straße auf die Schiene zu zwingen. Der seit 2022 regierende Tiroler Landeshauptmann Anton Mattle (ÖVP) argumentiert da bisher vergleichsweise vorsichtig, auch unter dem Druck einer italienischen Klage gegen verschiedene Einschränkungen für den Lkw-Transitverkehr. Mattles Vorgänger und Parteifreund Günther Platter (ÖVP) hatte jedoch nicht damit hinter dem Berg gehalten, dass manche dieser Einschränkungen auch den Zweck haben, drüben in Deutschland den Druck zum Ausbau des Brenner-Nordzulaufs zu erhöhen.Dort hatten die Planer der Deutschen Bahn 2019 fünf mögliche Trassen vorgelegt, auf denen zwei zusätzliche Gleise östlich von München durch die Region Rosenheim bis Tirol führen könnten. Zwei Jahre später präsentierten Bahn und Bund daraus ihre bevorzugte Variante. Um die praktisch flächendeckenden Proteste von Anwohnern und Landwirten etwas einzudämmen, soll die Strecke allein auf ihren gut 50 Kilometern durch den Landkreis Rosenheim zu etwa zwei Drittel unterirdisch verlaufen.Aus diesem Grund wurden die Kosten für diesen Abschnitt schon vor fünf Jahren auf mindestens sieben Milliarden Euro geschätzt. Inzwischen könnte das Großprojekt auch gut das Doppelte kosten. Mit hoher Wahrscheinlichkeit würde es jedenfalls teurer werden als der gesamte Brennerbasistunnel, für den zuletzt mit 10,5 Milliarden Euro kalkuliert wurde.Doch trotz des hohen Tunnelanteils, den fast alle Volksvertreter rund um Rosenheim noch erhöhen wollen, sind die Proteste in der Region nicht abgeebbt. Weit mehr als ein Dutzend lokale Bürgerinitiativen haben sich zum „Brennerdialog Rosenheimer Land“ verbunden und fordern zusammen mit dem Bund Naturschutz in Bayern, auf die geplanten zusätzlichen und aus ihrer Sicht überflüssigen Gleise ganz zu verzichten. Stattdessen sollten demnach die beiden bestehenden Gleise durch das bayerische Inntal modernisiert, in einigen Abschnitten ergänzt und mit Lärmschutz nach Neubaustandard versehen werden.Umstrittenes Großprojekt:Neue Proteste gegen Brenner-NordzulaufKurz vor den bayerischen Kommunalwahlen machen die Bürgerinitiativen rund um Rosenheim gegen das umstrittene Großprojekt Brenner-Nordzulauf mobil. Die Planung der DB für zwei zusätzliche Bahngleise Richtung Brennerbasistunnel soll noch in diesem Jahr den Bundestag erreichen.Denn diese Gleise verlaufen teils mitten durch die Dörfer. Und dort hoffen wiederum viele Menschen auf die geplante neue Trasse, um wenigstens den lauten Güterverkehr loszuwerden. Zugleich wird es nicht ganz einfach sein, den schon jetzt starken und je nach wirtschaftlicher Entwicklung in Europa wohl weiter steigenden Güterverkehr auf der geplanten Hochleistungstrasse mit schnellen Personenzügen wie dem Railjet zu harmonisieren.In den ersten Jahren nach der Eröffnung des Brennerbasistunnels, so betonen es auch die Deutsche Bahn und die Verkehrsministerien im Bund und in Bayern, werde die Kapazität der bestehenden Gleise noch ausreichen, um den zusätzlichen Zugverkehr aufzunehmen. Wie es mit dem Brenner-Nordzulauf auf lange Sicht weitergeht, muss der Bundestag entscheiden. In der vergangenen Legislaturperiode hat sich der Verkehrsausschuss des Parlaments in einer Anhörung mit den Argumenten für und gegen das Projekt befasst. Der derzeitige Bundestag soll das voraussichtlich noch in diesem Jahr tun.
Die Deutschen planen den Nordzulauf für den Brennerbasistunnel im Bummelzugtempo
Italien und Österreich arbeiten mit Hochdruck am Brennerbasistunnel, um den Güterverkehr auf die Schiene zu verlagern. Auf deutscher Seite geht wenig voran.












