Nach dem Attentat am Bahnhof Winterthur werden bereits politische Forderungen laut: Sicherheitsdirektor Mario Fehr will dem Täter die Staatsbürgerschaft entziehenDie SVP kritisiert, die Linke verharmlose die Folgen der Massenzuwanderung. Die SP kontert und spricht von einem Missbrauch der Tat für politische Zwecke.28.05.2026, 18.55 Uhr4 LeseminutenDer Bahnhof Winterthur nach dem Angriff am Donnerstagmorgen. Am Nachmittag sagte Sicherheitsdirektor Mario Fehr: «Es handelt sich hier um einen Terrorakt.»Claudio Thoma / EPAAm Donnerstagmorgen hat ein Mann beim Bahnhof Winterthur offenbar wahllos mit einem Messer auf Passanten eingestochen. Dabei verletzte er drei Personen, zwei von ihnen mittelschwer, eine schwer. Laut Zeugen hat er bei seiner Attacke «Allahu akbar» (Gott ist grösser) gerufen. Im Laufe des Tages verdichteten sich die Zeichen, dass der Täter einen islamistischen Hintergrund hat. Am Nachmittag sagte der Zürcher Sicherheitsdirektor Mario Fehr dann an einer Medienkonferenz: «Es handelt sich hier um einen Terrorakt, daran besteht für mich kein Zweifel.»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der 31-jährige schweizerisch-türkische Doppelbürger ist den Strafverfolgungsbehörden seit Jahren bekannt. So wurde er 2015 bereits einmal wegen Verbreitung von IS-Propaganda angezeigt. Der junge Mann bewegte sich damals im Kreis der Winterthurer Islamistenszene, die sich unter anderem in der heute geschlossenen An-Nur-Moschee traf.Der Gebetsraum im Stadtteil Hegi war damals schweizweit einschlägig bekannt als Treffpunkt für fanatische Salafisten und Anhänger der Terrormiliz «Islamischer Staat». Der heute 31-Jährige war eng mit einer der zentralen Figuren verbunden. Und auch seine beiden jüngeren Brüder waren den Behörden als IS-Sympathisanten aufgefallen. 2018 ermittelten sie im Zusammenhang mit einer Schlägerei gegen ihn. Danach wurde es ruhiger um den Mann.Das exklusive Foto eines Taxifahrers zeigt: Der mutmassliche Täter von Winterthur wird abgeführt.PrivatGemäss ersten Erkenntnissen der Zürcher Kantonspolizei ist er im August 2024 in die Türkei gezogen. Wann er in die Schweiz zurückgekehrt ist, ist nicht bekannt. Offiziell gemeldet ist er in Winterthur erst wieder seit wenigen Tagen.Am vergangenen Montag hat er sich dann telefonisch bei der Winterthurer Stadtpolizei gemeldet. Er habe wirre Aussagen gemacht, sagte der Kommandant der Zürcher Kantonspolizei, Marius Weyermann, am Donnerstag vor den Medien. Von Gewalttaten oder gar einem Anschlag habe er damals nicht gesprochen. «Er machte lediglich Äusserungen, die darauf schliessen liessen, dass er möglicherweise Wahnvorstellungen hat.»Für den Mann wurde daraufhin eine fürsorgerische Unterbringung angeordnet, und er wurde in der Integrierten Psychiatrie Winterthur Zürcher Unterland untergebracht. Schon am Folgetag verliess er die Psychiatrie jedoch, konnte von der Polizei aber aufgegriffen und in die Klinik zurückgebracht werden. Dort entschied ein Arzt, dass beim 31-Jährigen weder Fremd- noch Eigengefährdung vorliege. Die angeordnete fürsorgerische Unterbringung wurde daraufhin aufgehoben und der Mann verliess die Psychiatrie am Mittwochabend auf eigenen Willen. Tags darauf schritt er am Winterthurer Bahnhof zur Tat.Fehr kritisiert die PsychiatrieSicherheitsdirektor Fehr kritisierte an der Medienkonferenz die Klinik: «Das war offensichtlich eine Fehleinschätzung.» Die Klinik äussert sich nicht zur Frage, warum ein Arzt zum Schluss kam, dass der 31-Jährige ungefährlich sei. In einer Medienmitteilung schreibt sie, man sei tief betroffen vom Angriff und wünsche den Opfern gute und möglichst vollständige Genesung. Man unterstütze die laufende Untersuchung der Kantonspolizei und Staatsanwaltschaft. Zudem hat die Klinik eine externe Administrativuntersuchung in die Wege geleitet, «um unter anderem die Abläufe und Zuständigkeiten, die zur Entlassung des Mannes geführt haben, überprüfen zu lassen».Am Morgen nach seinem Austritt aus der Psychiatrie begab sich der Täter dann zum Bahnhof Winterthur. Kurz vor 8 Uhr 30 attackierte er im morgendlichen Pendlerverkehr die drei Männer. Relativ rasch konnte er überwältigt und von der Polizei festgenommen werden. Bei den Opfern handelt es sich um Schweizer Staatsbürger im Alter von 28, 43 und 52 Jahren. Am schwersten erwischte es den 52-Jährigen. Er wurde am Oberschenkel verletzt und musste notoperiert werden. Am Donnerstagnachmittag befand er sich laut Polizeiangaben noch im Spital.Sicherheitsdirektor Mario Fehr sprach sich am Donnerstagnachmittag dafür aus, dem Täter die Staatsbürgerschaft zu entziehen: «Wir wollen nicht, dass solche Leute in unserem Land bleiben können. Dafür hätte die Bevölkerung kein Verständnis.»Fehr hatte vor zwei Jahren schon einmal eine solche Forderung ausgesprochen. Damals ging es um einen 15-jährigen schweizerisch-tunesischen Doppelbürger, der in Zürich einen orthodoxen Juden mit einem Messer niedergestochen hatte. Der Jugendliche hatte sich vor der Tat in einem Video als IS-Anhänger zu erkennen gegeben. Wie Ermittlungen später zeigten, hatte sich der Jugendliche primär im Internet radikalisiert. Die Jugendanwaltschaft hat inzwischen Anklage wegen mehrfachen versuchten Mordes gegen den Teenager erhoben.Seit der Messerattacke befindet sich der Jugendliche in einer geschlossenen Institution. Auch bei ihm besteht der Verdacht auf eine psychische Störung. SRF erhielt Einblick in ein medizinisches Gutachten über den Täter. Darin wurde ihm eine Autismus-Spektrum-Störung mittleren Grades attestiert.Politische Reaktionen von rechts und linksDer Anschlag am Winterthurer Bahnhof löste verschiedene politische Reaktionen aus. Bundespräsident Guy Parmelin (SVP) schrieb auf der Plattform X: «Ich bin schockiert über den Terroranschlag heute Morgen in Winterthur.» Der Vorfall habe ihn tief betroffen gemacht. Im Beitrag bedankt er sich bei den Einsatzkräften für ihre Arbeit und wünscht den drei Verletzten eine rasche und vollständige Genesung.Die SVP des Kantons Zürich schlug in einer Medienmitteilung aggressivere Töne an. Der Messerangriff zeige das Scheitern der unkontrollierten Massenzuwanderung auf. «Unsere Leute sind die Leidtragenden der importierten Gewalt und der politischen Ausreden», heisst es in der Mitteilung. Die Linke und die Mitte hätten die Probleme verharmlost. Und wer dies tue, «trägt eine Mitverantwortung für solche Zustände in unserer Schweiz». So lässt sich der Zürcher SVP-Präsident Domenik Ledergerber zitieren.Die Winterthurer SP konterte mit einer eigenen Mitteilung: «Wir dulden keine rassistische Hetze und Pauschalisierungen, die dieses Ereignis für politische Zwecke missbrauchen», heisst es darin. Gerade in Zeiten wie diesen sei es wichtig, zusammenzuhalten und nicht zuzulassen, dass Einzeltaten gegen ganze Bevölkerungsgruppen ausgespielt würden. «Winterthur ist eine Stadt der Vielfalt, und das bleibt unsere Stärke.» Sie vertrauten darauf, dass die Behörden den Vorfall sorgfältig aufarbeiten und alle offenen Fragen gewissenhaft klären werden.Passend zum Artikel