KommentarEuropa braucht keinen «Mr. Russia», sondern die Mittel, um mit Moskau aus einer Position der Stärke zu verhandelnNach dem Scheitern von Trumps Vermittlung will sich die EU stärker in die Ukraine-Verhandlungen einbringen. Das ist nicht falsch. Aber statt sich in Diskussionen über den oder die ideale Unterhändlerin zu verlieren, sollten sich die Europäer über ihre Ziele einig werden.28.05.2026, 14.43 Uhr4 LeseminutenWird irgendwann wieder ein europäischer Verhandlungspartner am anderen Ende sitzen? Noch fehlt der EU dafür eine erfolgversprechende Strategie.Mikhail Klimentyev / Sputnik / APDas vergangene Jahr bot aus europäischer Perspektive ein Trauerspiel: Amerika und Russland verhandelten über das Schicksal der Ukraine, während die Europäer höchstens am Katzentisch Platz nehmen durften. Dabei stand für sie Fundamentales auf dem Spiel: Es ging in diesen Verhandlungen um nichts Geringeres als eine künftige Sicherheitsordnung für den Kontinent. Darf die Nato weitere Mitglieder aufnehmen, darf die Ukraine der EU beitreten? Dürfen die Europäer eine Schutztruppe in dem von Russland überfallenen Land stationieren?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Es ist deshalb richtig, dass die EU sich stärker in die Verhandlungen einbringen will. Der Moment scheint günstig, da der amerikanische Friedensplan gescheitert ist und Trump die Lust auf weitere Vermittlungsversuche verloren hat. Falls Russland ernsthaft an Frieden interessiert ist, wofür es keine Anzeichen gibt, so muss es sich mit Brüssel als Verhandlungspartner abfinden. Ohnehin ist Europas Gewicht im Vergleich zu Amerika in der Ukraine-Frage gewachsen, seitdem Washington die Militärhilfe an Kiew gestoppt hat und sich die EU mit einem 90-Milliarden-Euro-Kredit als Hauptfinancier der Ukrainer etabliert hat.Die falsche FrageDoch die Diskussion über eine europäische Verhandlungsinitiative hat auf verunglückte Weise begonnen. Seitdem der russische Präsident Wladimir Putin den früheren deutschen Kanzler Gerhard Schröder als Gesprächsführer ins Spiel gebracht hat, läuft ein Werweissen über die ideale Person am Verhandlungstisch. Dass Schröder, ein skrupelloser Lobbyist des Kremls, für die Aufgabe untauglich ist, liegt auf der Hand. Aber auch all die anderen Namen, über die seither spekuliert wird – von Angela Merkel bis Mario Draghi –, sind derzeit fehl am Platz. Statt über Personen sollte sich die EU zuerst über ihre Strategie gegenüber Russland einig werden.Der Glaube, als Erstes müsse man einen für Moskau genehmen Gesprächspartner finden, jemanden, der den Kreml-Diktator auf wundersame Weise umgarnen kann, birgt die Wurzel des Scheiterns bereits in sich. Die EU muss aus einer Position der Stärke verhandeln können – nur so wird sie vom Gegner ernst genommen. Das beginnt damit, Russlands Vorbedingung klar zurückzuweisen. Putin fordert einen europäischen Verhandlungsführer, der nie irgendwelche «Garstigkeiten» über Russland geäussert habe. Man stelle sich vor, was es hiesse, wenn Europa dieselbe Bedingung stellte: In Moskau, wo man europäische Politiker ständig mit Nazi-Vergleichen beleidigt, käme kein einziger Spitzenfunktionär als Unterhändler mehr infrage.Ein erfolgreicher Verhandlungseffort setzt voraus, aus dem Scheitern der Amerikaner zu lernen und wichtige Grundfragen zu klären. Trump hatte sich als neutraler bis offen prorussischer Vermittler positioniert und dabei die russischen Kriegsgreuel unter den Teppich gekehrt. Europa sollte nicht wie Trump den Fehler begehen, dem Dialog zuliebe den Druck auf Russland zu verringern. Moskau würde darin nur ein Zeichen der Schwäche sehen.Friedensvertrag oder nur Waffenstillstand?Brüssel muss zudem ein klares Ziel definieren: Geht es um einen raschen Waffenstillstand oder einen umfassenden Friedensvertrag als ersten Schritt? Der Kreml hatte bei Trump Letzteres durchgesetzt – wohlwissend, dass sich die Unterhändler in den Details eines Friedensvertrags verlieren würden und Russlands Truppen in der Zwischenzeit den Krieg ungehindert fortsetzen könnten.Akzeptiert die EU die russische Vorgabe, so muss sie sich über ihre Interessen in einem Friedensabkommen klar werden: Ein echter Frieden bedeutet, Russland nicht bloss eine Verschnaufpause bis zum nächsten Grossangriff in Osteuropa zu geben. Es gilt, über die Ukraine hinaus zu denken und Russland vor weiteren imperialistischen Raubzügen abzuhalten. Ein solches Vertragswerk müsste weitreichende Bestimmungen über Rüstungsbeschränkungen und Truppenabbau auch auf russischer Seite umfassen. Das ist derzeit unerreichbar.Im Vordergrund sollte deshalb ein bedingungsloser Waffenstillstand stehen, auch wenn Moskau dies kategorisch ablehnt. Eine solche Vereinbarung würde den Grundkonflikt nicht lösen, aber den Krieg einfrieren und das Töten vorerst beenden. Die Frage ist, wie man Putin dazu bringt, die Waffen ruhen zu lassen.Friedenspolitik bedeutet, die Ukraine zu stärkenWer argumentiert, dass man dies im Dialog erreicht, handelt naiv und verkennt die strategische Denkweise in Moskau. Der Befehl zum Waffenstillstand wird erst erfolgen, wenn im Kreml die Einsicht in die Aussichtslosigkeit weiterer Offensiven reift und die Angst vor einer destabilisierenden Wirtschaftskrise um sich greift.Kern einer erfolgreichen Verhandlungsstrategie ist deshalb, in der Unterstützung der Ukraine nicht wankelmütig zu werden, die Militärhilfe auszubauen, Schlupflöcher in den Russland-Sanktionen zu schliessen und generell den Druck auf Moskau zu erhöhen. Zugleich sollte Europa seine Fähigkeit zur militärischen Abschreckung erhöhen – gerade mit Blick auf die zunehmenden russischen Drohungen gegenüber dem Baltikum und Putins offensichtlichen Friedens-Unwillen.Sollte in Moskau ein Umdenken einsetzen, können Gespräche rasch ans Ziel führen. Im Kreml kennt man die Telefonnummer der EU.Passend zum Artikel
EU braucht keinen «Mr. Russia». Wichtiger ist, aus einer Position der Stärke zu verhandeln
Nach dem Scheitern von Trumps Vermittlung will sich die EU stärker in die Ukraine-Verhandlungen einbringen. Das ist nicht falsch. Aber statt sich in Diskussionen über den oder die ideale Unterhändlerin zu verlieren, sollten sich die Europäer über ihre Ziele einig werden.













