Mit der DDR hat Sahra Wagenknecht das Publikum auf ihrer Seite, spätestens. „Wir sind auf dem Weg in einen autoritären Einschüchterungsstaat“, schleudert die Parteigründerin des BSW den etwa 1500 Besuchern im Volkspark Halle entgegen. Die Meinungsfreiheit werde eingeschränkt, die „Aktuelle Kamera“ heiße nun „Tagesschau“, bald sei es sicher auch aus mit freien Wahlen. Das Publikum applaudiert, einzelne rufen „Genau!“ In der zweiten Reihe flüstert einer: „Das kennt man im Osten.“ Er ist gekommen, um sich über die Positionen des BSW zu informieren.Unter der Überschrift „Zeit für Frieden“ legt Wagenknecht diese am Mittwochabend in Halle dar, zusammen mit Claudia Wittig, BSW-Spitzenkandidatin in Sachsen-Anhalt, und Johannes Varwick, Professor für Politikwissenschaft an der hiesigen Martin-Luther-Universität. Neben der Meinungsfreiheit geht es um die „irre“ Außenwirtschaftspolitik der Regierung und die Frage, wie das BSW in Sachsen-Anhalt Einfluss nehmen würde, wenn es denn im September in den Landtag kommt.Ein Kampf an drei FrontenDas BSW kämpft. Und zwar an mehreren Fronten zugleich. Da sind zuvorderst die sinkenden Umfragewerte: Seit November 2025 geht es für das BSW auch in Sachsen-Anhalt nur noch bergab, zuletzt maß Infratest Dimap im Mai lediglich vier Prozent Zustimmung für die Partei; das würde nicht reichen, um in den Landtag zu kommen. Wenn das BSW den Einzug wirklich verpasst, droht ihm der Absturz in die politische Bedeutungslosigkeit. Derzeit könnte es in Sachsen-Anhalt Umfragen zufolge für beinahe alle Parteien außer AfD und CDU eng werden, in den Landtag zu kommen. FDP und Grüne sehen die Demoskopen unter der Fünfprozenthürde, die SPD kratzt von oben daran.Die zweite Front des BSW ist eine innere: Im vergangenen Jahr wurde die Partei in Sachsen-Anhalt von einem Machtkampf erschüttert. Teile des Landesvorstands hatten gegen die Führung aufbegehrt. In einem Brandbrief kritisierten sie „undemokratischen Umgang und Führungslosigkeit“. Auf einem Landesparteitag im November 2025 in Burg kam es zum Showdown: Die fünf Kritiker wurden abgesetzt, Ko-Spitzenkandidat Thomas Schulze und Landesparteichef John Lucas Dittrich konnten sich halten. Allerdings wurde offenbar, dass der Landesverband tief gespalten ist: Schulzes Rede wurde von einer Hälfte der Zuhörer mit Applaus belohnt, die andere buhte ihn aus.Die dritte Front hängt mit den beiden ersten unmittelbar zusammen. Es geht um die Frage, wie man sich zur AfD positioniert. Denn es herrscht Uneinigkeit darüber, ob man mit der in Sachsen-Anhalt als gesichert rechtsextrem geltenden Partei zusammenarbeiten oder stattdessen verhindern sollte, dass sie an die Macht kommt. An dieser Frage hatte sich auch der Machtkampf entzündet, der schließlich mit dem Austausch von fünf der acht Vorstandsmitglieder und einem Parteitagsbeschluss endete. Das BSW schloss eine formelle Regierungskoalition mit der AfD aus. Von einer Brandmauer ist es jedoch weit entfernt. Es gibt zu verstehen, dass es die Politik der AfD mittragen könnte – sofern sie nicht den eigenen Grundsätzen widerspricht.In manchem sind sich AfD und BSW einigWagenknecht selbst bezeichnete die Brandmauer als „Irrweg“. Auch der Landesvorsitzende Dittrich sagt der F.A.Z., das BSW beteilige sich nicht „an diesem absurden Lagerdenken aus Brandmauern, Moralinsäure und Machtspielen“. Wittig macht im Gespräch mit der F.A.Z. klar: „Wir entscheiden immer in der Sache.“ Sie ist überzeugt, dass die Sachsen-Anhalter „unbedingt eine Veränderung“ wollen. Die meisten sähen die einzige Chance dafür in der AfD. Da will Wittig ein Gegenangebot machen. Damit die Leute überhaupt wissen, dass es das gibt, wird sie den ganzen Sommer unterwegs sein: Es sei eine „Friedensfahrt“ geplant, bei der das BSW vor allem im ländlichen Raum präsent sein will, auf Marktplätzen, aber auch in Plattenvierteln. Und es gibt Unterstützung von der prominenten Gründerin, so wie am Mittwoch in Halle.Manches, was die AfD kritisiert, findet auch das BSW schlecht: etwa dass Bildung ideologisch gesteuert würde. „Doch die AfD will als Antwort darauf nur das Vorzeichen ändern“, sagt die Spitzenkandidatin. Während das BSW den Meinungskorridor weiten wolle, verschiebe die AfD ihn lediglich nach rechts.Wittig ist der Meinung, dass es etwa um die Wissenschaftsfreiheit nicht gut bestellt sei. Die 42 Jahre alte Historikerin doziert an der Uni Halle. Dort habe sie eine Veranstaltung zum Thema Gaza mit der Nahostforscherin Helga Baumgarten geplant. Baumgarten stand unter anderem in der Kritik, weil sie den Hamas-Terroristen Yahya Sinwar als „Ikone des Widerstands“ bezeichnet hatte. Weil Wittig sich nicht an Auflagen halten wollte – zum Beispiel sollte sie noch eine zweite Person einladen, die eine Gegenmeinung zu Baumgarten vertritt –, habe man ihr mit Kündigung gedroht, erzählt sie.BSW schlägt Expertenregierung vorAuch wenn manche Problembeschreibung von AfD und BSW sich gleichen: Eine Koalition sieht Wittig „nicht kommen“. Für ihre Partei wünscht sie sich eher die Oppositionsrolle. Idealerweise als „Zünglein an der Waage“, auf das die großen Parteien zugehen müssen, um Mehrheiten zu organisieren. Wenn es so kommt, dann will das BSW eine Expertenregierung und einen überparteilichen Ministerpräsidenten vorschlagen, der sich für den Osten einsetzen soll, für günstige Energiepreise und für Frieden.Mit dem Bild vom Königsmacher BSW werben Wittig und Wagenknecht auch im Volkspark Halle. Wagenknecht warnt: „Wenn wir nicht in den Landtag kommen, ist es ziemlich wahrscheinlich, dass alles so bleibt.“ Sie meint damit, dass die CDU weiterregiert. BSW wie AfD machen die Partei, die in Magdeburg derzeit mit SPD und FDP regiert, für nahezu alle Probleme des Landes verantwortlich.Claudia Wittig, Spitzenkandidatin des BSW für die Landtagswahl 2026 in Sachsen-Anhalt.dpaEin solch breites Bündnis will das BSW nicht mehr. So schließt auch Wittig eins ganz klar aus: eine Anti-AfD-Koalition. Zusammengehen mit der CDU also, die für Aufrüstung sei. Und schuld an der schlechten wirtschaftlichen Lage. „Das wäre das Ende unserer Partei“, sagt sie. Mit dieser Einschätzung trifft sie den Nerv der Leute, die in den Volkspark gekommen sind. Geht es gegen Bundeskanzler Friedrich Merz und seine CDU, dann johlen sie stets.Freundlich über Russland zu sprechen, kommt gut anGut kommt dort auch an, freundlich über Russland zu sprechen. Wagenknecht schlägt etwa vor, die Energiepartnerschaft mit Russland wiederzubeleben, dafür gibt es heftigen Applaus. Politologe Varwick, der öfter mit kontroversen Aussagen zum Ukrainekrieg an die Öffentlichkeit tritt, stimmt ihr zu. Er wirbt für eine „Umkehr“. Deutschland stehe kurz davor, in den Krieg in der Ukraine hineingezogen zu werden. Der Professor gehört der Grundwertekommission an, die das BSW programmatisch beraten will und der Sahra Wagenknecht vorsitzt. Er ist kein Parteimitglied, wirbt jedoch unumwunden für das BSW: „Wir sind mit der Kriegstüchtigkeit auf einem völlig falschen Weg“, sagt er. „Deswegen braucht es eine Kraft, die bei diesem Weg nicht mitmacht, und das kann nicht die AfD sein, weil die ganz viele andere Probleme schafft.“ Im Publikum sehen das die Leute ähnlich: Er könne sich nicht vorstellen, die AfD zu wählen, weil die ausländerfeindlich sei, sagt ein älterer Hallenser.Zieht die Friedensthematik auch in diesem Wahlkampf? Wittig legt dar, wie die Energiekrise sich zum Beispiel auf die Chemiewerke im nahen Leuna auswirkt. Sie sind unter Druck geraten wegen der hohen Energiepreise. Dafür gibt es Applaus. Dann zielt Wittig auf die Emotionen. Sie empört sich über russlandfeindliche Narrative. „Wir kennen Russen!“, ruft sie. Jetzt klatschen die Zuhörer frenetisch. Den Sachsen-Anhaltern könne man nicht erzählen, dass die Russen Monster seien, auch wenn das „seit Jahren im Fernsehen“ laufe. „Um den Krieg zu führen, werden Feindschaften geschürt“, sagt sie. Damit ist sie bei ihrem Leib- und Magenthema: Debattenkultur. Ihre Analyse lautet: Es gibt zu wenig Austausch mit Andersdenkenden, daraus folgt Polarisierung, mancher fühlt sich ausgeschlossen, und das führt zu Frustration. Das BSW wolle dagegen alle an einen Tisch bringen.Nicht alle sind überzeugt davon, dass dies an dem Abend im Volkspark gelungen ist. Ein junger Mann, der sich als Student vorstellt, wirft Wagenknecht in der Fragerunde einen „populistischen Rundumschlag“ vor. Ein Zweiter sagt zum Thema Meinungsfreiheit: „Spricht es nicht dagegen, dass Sie in Ihrer Meinungsfreiheit eingeschränkt werden, dass Sie unwidersprochen zwei Stunden auf einer der größten Bühnen in Halle ihre Meinung sagen konnten?“ Aus dem Saal gibt es Buhrufe und Gelächter. Wagenknecht antwortet geschmeidig: „Das zeigt, wie weit wir inzwischen sind, dass wir uns darüber schon freuen müssen.“ Und das Publikum klatscht begeistert.
BSW in Sachsen-Anhalt: Der Kampf beginnt
Das BSW könnte in Sachsen-Anhalt zum Königsmacher werden – oder in der der Versenkung verschwinden. Wie verzweifelt ist der Wahlkampf?











