Immerhin kann man sich auf Sahra Wagenknecht verlassen. Ein Donnerstagnachmittag im Berliner Süden: Die Gründerin der nach ihr benannten Partei BSW steht auf einer Bühne, die nicht größer ist als zwei Telefonzellen. Ein paar Dutzend Leute sind gekommen, eine Frau hält ein Schild in die Höhe: „Merz muss weg!“Wagenknecht kennt diese Art Termine, sie weiß, welche Knöpfe sie drücken muss. Routiniert geht sie ihr Programm durch: Deutschland? Steht vor einem Atomkrieg. Die Ukraine? Korrupt. Die Preise? Zu hoch. Die Regierung? Muss weg. Bei jeder Pointe bekommt sie verlässlich Applaus, es ist das Standardrepertoire einer politischen Kraft, die Empörung zu ihrer Grundhaltung erhoben hat. Bei ihr weiß man, was man bekommt. Oder doch nicht?Denn zuletzt mischte sich eine neue Form in den BSW-Baukasten: die Brandmauer und der Umgang mit der AfD. Seit Wochen wiederholt Wagenknecht ihre auch nicht mehr ganz neue Idee für die Zeit nach den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern. Statt eines klassischen Regierungsbündnisses sollten dort „Bürgerregierungen“ eingesetzt werden, die mit wechselnden Mehrheiten regieren. Dieser „neue Weg“ sei die einzige „demokratische Alternative zu den gescheiterten Brandmauer-Koalitionen“, sagt sie in Berlin.Mit einer Stimme für das BSW wird die Brandmauer abgewählt.BSW-Gründerin Sahra Wagenknecht öffnet ihre Partei in Richtung AfDWie genau diese Regierungen aussehen sollen, dazu hält sich Wagenknecht bedeckt. Womöglich aus gutem Grund, denn eine Sache betont sie dabei auffallend oft: Keine Partei solle ausgegrenzt werden – explizit auch nicht die AfD. „Mit einer Stimme für das BSW wird die Brandmauer abgewählt“, fasste Wagenknecht zuletzt ihr Angebot bei „Bild“ zusammen.Bringt sie ihre Partei damit als Machtoption für eine AfD-Regierung in Stellung? Letzter Ausweg Annäherung? Wagenknechts Äußerungen sind zunächst eine bemerkenswerte Kehrtwende für eine Partei, die einst mit dem Anspruch angetreten war, Frustrierte und Enttäuschte von der AfD wegzulotsen. Doch beim BSW grassiert inzwischen blanke Angst. Nachdem das Bündnis den Einzug in den Bundestag verpasst und im Jahr darauf zwei wichtige Landtagswahlen vergeigt hat, gibt es nicht wenige in der Partei, die das Äußerste fürchten: Gehen auch die drei Ost-Wahlen im September verloren, so die Sorge, könnte es das gewesen sein mit dem Projekt.Und die Vorzeichen sind schlecht: In Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin klebt die Partei teils deutlich unter fünf Prozent. Eine Annäherung an die AfD könnte da so etwas wie die letztverbliebene Machtoption sein.Das hätte potenziell weitreichende Folgen. In Sachsen-Anhalt etwa steht die AfD derzeit bei rund 42 Prozent. Für eine Regierung reicht das nicht, zumal sämtliche anderen Parteien eine Zusammenarbeit mit Rechtsaußen kategorisch ausgeschlossen haben – bis auf das BSW. Und dieses könnte am Ende tatsächlich den Unterschied machen. Offenheit bei der AfD Denn bereits drei Monate vor dem Urnengang ist klar, dass die Regierungsbildung in Magdeburg schwierig werden wird. Da ein Einzug in den Landtag für Grüne und FDP angesichts aktueller Umfragen ein frommer Wunsch bleiben dürfte, bleibt für eine demokratische Mehrheitsbildung nur ein Zusammenschluss von CDU, SPD und Linken. Wobei auch das bislang nur Theorie ist, schließlich muss die SPD mit derzeit knapp über sechs Prozent selbst noch bangen. Und auch die Union müsste ihre grundsätzliche Absage an eine gemeinsame Sache mit den Linken aufweichen. Dazu scheint sie zwar zunehmend bereit, allerdings nur zähneknirschend.Die Rechnung ist also simpel: Schafft Wagenknechts Truppe den Einzug in den Landtag, könnte sie der AfD zur Mehrheit verhelfen – und damit zur Macht.Für Benjamin Höhne von der TU Chemnitz ist das nicht unwahrscheinlich: „Man sollte sich auf jeden Fall auf das Szenario einer wie auch immer gearteten AfD-BSW-Kooperation einstellen“, sagt er. Der Politikwissenschaftler sieht inhaltliche Parallelen zwischen beiden Parteien, vor allem in der Außen- und Sicherheitspolitik. „Auch bei der Klimapolitik, bei Kulturkampfthemen und Migrationsfragen ist eine Zusammenarbeit denkbar“, sagt er.Beide seien Russland zugewandt, migrationskritisch und bemühten das Narrativ, dass die Meinungsfreiheit eingeschränkt sei. „Nur im Sozialen müsste sich die AfD dem BSW annähern“, sagt Höhne. „Aber da dürfte man sich auf eine Politik für die Figur des kleinen Mannes verständigen können, solange dieser keinen Migrationshintergrund hat.“ Partei geht in Vorleistung Die AfD scheint ohnehin offen. Man wolle „keine Option ausschließen“, sagte ein Sprecher von Parteichefin Alice Weidel zuletzt. Zwar strebt die Partei in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern offiziell weiter nach der absoluten Mehrheit, doch eine weitere Machtoption dürfte verlockend sein – auch wenn man Vorbehalte gegenüber der Zuverlässigkeit des BSW hegt.Dieses ging zuletzt jedoch schon einmal in Vorleistung. Intern gab Wagenknecht die Losung aus, man solle CDU und SPD im Wahlkampf jegliche Unterstützung verweigern. Die Partei folgte: Man werde weder CDU-Mann Sven Schulze noch Manuela Schwesig von der SPD seine Stimme geben, ließ Parteichefin Amira Mohamed Ali gerade auf X wissen. „Wenn sich die Mainstream-Parteien eine Allparteien-Koalition zusammenzimmern wollen, die nur das Ziel hat, die AfD zu verhindern, werden sie das ohne uns machen müssen.“Das ist deutlich – und öffnet indirekt die Tür für Bündnisse mit der AfD. Wagenknecht könne sich eine Zusammenarbeit mit der Partei zumindest vorstellen, heißt es schon seit einiger Zeit aus den Reihen des BSW. Wie fortgeschritten diese Gedankenspiele sind und wie eine Kooperation konkret aussähe, ist allerdings offen. Angesprochen auf ihren Vorschlag einer „Bürgerregierung“ antwortete sie im Rahmen eines Auftritts in Halle an der Saale zuletzt vage: „Wir haben Ideen“. „Von einer direkten Koalition würde ich derzeit nicht ausgehen“, sagt Politikwissenschaftler Höhne. „Denn sie wäre auch innerhalb des BSW umstritten.“ Er hält vielmehr niedrigschwellige Formen der Zusammenarbeit für wahrscheinlich: „Etwa die parlamentarische Unterstützung einer AfD-Minderheitsregierung oder themenbezogene Kooperation bei einzelnen Gesetzen.“In Berlin setzt Wagenknecht damit schon einmal die nächste Pointe. Man könne eine Partei mit 30 oder 40 Prozent der Stimmen nicht dauerhaft ausgrenzen, sagt sie und blickt ins Publikum. Wieder bekommt sie Applaus.
BSW öffnet Tür für Zusammenarbeit: Bringt Sahra Wagenknecht die AfD an die Macht?
Keine Brandmauer, keine „Ausgrenzung“, keine Stimmen für „Mainstream-Parteien“: Das BSW flirtet vor den wichtigsten Landtagswahlen im Herbst offensiv mit der AfD. Welchen Plan verfolgt Wagenknecht damit?













