Dass zum Herrschen nicht nur das Teilen, sondern auch das Bauen gehört, wird in diesen Wochen am Zürichsee deutlich. Nicht weil sich der Schweizer Bundesrat mit neuen Bauprojekten zu legitimieren versuchte, sondern weil der „Pavillon Le Corbusier“, der vor einigen Jahren vom Museum für Gestaltung Zürich übernommen wurde, seit dem 17. April den intellektuellen Ursprüngen der autoritären Faszination an baulichen Großprojekten nachspürt. Diese lassen sich bis heute in aller Welt beobachten, aber sind zugleich eine Konstante des autoritären Regierens. Wo es Herrscher gab und gibt, braucht es auch opportunistische Architekten.Farbenfrohes Zusammenspiel aus Emaille-Paneelen, Stahlelementen und Glasfassaden: Der „Pavillon Le Corbusier“ZHdK, Betty FleckEs ist kein Wunder, dass in den Innenräumen seines letzten Meisterwerks und einzigen Bauwerks in der deutschsprachigen Schweiz, Le Corbusier selbst zum Archetyp der autoritären Wende der Architektur wird. Denn die farbenfrohen Email-Paneele, die sich nach einem anthropometrischen Proportionssystem mit Stahl- und Glaselementen am nordöstlichen Ufer des Zürichsees entfalten, heben sich in ihrer filigranen Gestalt vom kolossal-futuristischen Frühwerk des Architekten ab, durch die er in der Zwischenkriegszeit polarisierte. Sie und die mit ihnen verbundenen Versuchungen bilden das Zentrum der auf drei Stockwerken präsentierten Ausstellung „Bauen für die Macht“ in Zürich.Bauen ohne die MachtWas sich im Titel andeutet, ist nur die halbe Wahrheit. Dass Le Corbusier aufgrund fehlender Macht lange wenig Kolossales baute, wird im Untergeschoss des Pavillons schnell deutlich. Auf das Chaos des Ersten Weltkrieges hatte der Architekt mit einer „ville contemporaine“ reagiert, die mit 200 Meter hohen Wolkenkratzern aus Glas, rechtwinkligen Wohnungsrastern und einer strikten Trennung von Wohnraum und Freizeitparks ein neues rationalisiertes Leben versprach. Eine radikal-moderne Vision, die er 1925 durch seinen „Plan Voisin“ am Beispiel von Paris konkretisierte: Das historische Zentrum des „Rive droite“ sollte abgebrannt und durch 26 Wolkenkratzer und brutalistische Wohnkomplexe ersetzt werden. Mit Blick auf die faszinierenden wie abschreckenden Modellaufnahmen kann die damalige Empörung der Pariser Stadtgesellschaft nicht verwundern.Das soll Freiheit sein? Eine Modellaufnahme von Corbusiers „Plan Voisin“ (1925)FLC / Pro Litteris, 2026Die Ablehnung, auf die der Städteplaner stieß, ist zugleich ein Ausgangspunkt seiner Annäherung an autokratische Bewegungen, die die Le-Corbusier-Forschung seit einigen Jahren beschäftigt. Unter der Leitung von Christian Brändle, Direktor des Museums für Gestaltung Zürich, werden die blinden Flecken in der Rezeption des Meistermodernisten jetzt in den Blick genommen.In den späten Zwanzigerjahren gab sich Le Corbusier der autoritären Versuchung hin. Er äußerte seine Bewunderung für die „schöpferische Energie“ des „Duce“ Mussolini, wollte aber zugleich am gewaltigen Neubauprogramm der Sowjetunion teilhaben. Nachdem er in Moskau mit der Planung seines „Centrosoyuz“ begonnen hatte, schrieb er an seine Mutter, dass die Sowjetunion „die Geburt einer neuen Welt“ verkörpere. In autoritären Epochenbrüchen witterte Le Corbusier stets eine Chance; im Chaos des Zweiten Weltkrieges suchte er die Nähe zum Vichy-Regime, um der Architekt eines neuen Frankreichs zu werden.Mehr als nur eine strategische Symbiose aus Architekt und FührerAm Beispiel Le Corbusiers zeigt sich, dass nicht nur Herrscher mit Großbauten liebäugeln, sondern auch manch Baumeister einen ausgesprochenen Willen zur Macht besitzt. Leicht zu erklären ist das allemal: Autoritäre Herrscher haben die finanziellen und administrativen Kapazitäten, um riesige Projekte umzusetzen. Doch die Symbiose von Architekt und politischem Führer kann mehr als nur strategischer Natur sein. In Le Corbusiers Streben nach Effizienz, Reinheit und Kontrolle versteckte sich auch ein darwinistischer Geniekult, der ihn ideologisch anschlussfähig für autokratische Bewegungen machte. So wie es „Philosophenkönige“ gab, die sich in der Macht sonnten, verkörperte Le Corbusier einen „Architektenkönig“, der die Gesellschaft in geometrischer Klarheit planen wollte. Hinter der Form versteckte sich der Wunsch nach einer politischen Neuorganisation der Gesellschaft, wonach Stadt und Mensch wie Maschinen funktionieren sollten. Als Techniker eines neuen Staates hatte Le Corbusier große Anführer (wie ihn selbst) im Blick, die wie er bei den eigenen Baumodellen von oben herab die Gesellschaft dirigierten.In autoritärer Mission: Le Corbusier und sein Cousin Pierre Jeanneret arbeiten am Modell für ihren Wettbewerbsbeitrag zum Palast der Sowjets (1935).Walter Limot / Musée Carnavalet / Roger-ViolletWie groß die Übereinstimmung mit der harten Haltung der europäischen Autokraten wirklich war, wird im Pavillon nicht immer in aller Deutlichkeit ausgesprochen. Wenn Corbusier 1940 an seine Mutter schrieb: „Hitler (kann) sein Leben mit einem großartigen Werk krönen: der Neugestaltung Europas“, ist ein umfassendes Einverständnis mit den Methoden des Nationalsozialismus zu vermuten. War Le Corbusier selbst im Austausch mit seiner Mutter ein opportunistischer Träumer, der sich als Schöpfer einer neuen „europäischen“ Architektur des Führers imaginierte?Der Hinweis von Christian Brändle, dass Le Corbusier die Demokratie als „lästig“ und „ineffizient“ auffasste, zeigt eine plausible Deutung auf: Bis heute kommt es zu ideologischen Allianzen, die sich trotz aller Unterschiede aus ihrer Reaktanz gegen „langsame“ Demokratien speisen. Was damals ein egomaner Architekt war, sind heute jene Techunternehmer, die sich als neue Philosophenkönige an der Seite der Autokraten gefallen.Warum können Demokratien nicht kolossal bauen?Und ebenso einleuchtend ist, warum autoritäre Politiker noch heute mit baulichen Großprojekten öffentlichkeitswirksam hantieren. Sie bespielen die Klaviatur der handlungsunfähigen Demokratie, in der durch ewige Deliberation Großprojekte verhindert werden. Durch immer rigidere Bauregeln, parlamentarisches Klein-Klein und klamme öffentliche Kassen scheitern liberale Demokratien immer wieder an Projekten, wie der Stuttgarter Bahnhof eindrucksvoll beweist. An der symbolischen Macht der Architektur, mit der sich autoritäre Staaten wie China oder Saudi-Arabien heute legitimieren, verzweifeln Demokratien zunehmend. Sie zehren noch von ihrer Vergangenheit, von prunkvollen Kirchen und beeindruckenden Parlamentsbauten, aber überlassen die futuristische Deutungshoheit weitgehend den autoritären Widersachern.Die architektonischen Kontinuitätslinien eines „reaktionären Futurismus“ lassen sich in diesen Tagen in Zürich eindrücklich beobachten. Doch am Ende wird ebenso deutlich, wie fragil das Bündnis aus futuristischen Technokraten und reaktionären Führern stets war. Weder Stalin noch Hitler konnten mit Le Corbusiers Modernismus etwas anfangen; sie bevorzugten einen primitiven Neoklassizismus. Auch Mussolini und Philippe Pétain konnte der Architekt am Ende nicht überzeugen. Und so war es ausgerechnet das Hauptquartier der Vereinten Nationen in New York, von Le Corbusier unter anderem mit Oscar Niemeyer entworfen, das zu einem seiner monumentalen Gebäude wurde. In den Nachkriegsjahren folgten weitere Klassiker in der demokratischen Welt (von Marseille bis Chandigarh), mit denen sich Le Corbusier schließlich – in opportunistischer Manier – arrangiert hatte. Denn auch Demokratien können bauen, auch wenn das in Vergessenheit zu geraten droht.Bauen für die Macht. Im Museum für Gestaltung, Pavillon Le Corbusier, Zürich; bis zum 29. November 2026. Die Begleitbroschüre kostet 10 CHF.
Le Corbusier in Zürich: Wenn Architekten autoritär werden
Im Zürcher „Pavillon Le Corbusier“ zeigt die Schau „Bauen für die Macht“ die autoritären Sehnsüchte des Stararchitekten. Doch sind Demokratien heute wie damals wirklich zu langsam, um großen Visionären etwas zu bieten?








