Ein Genie auf der Suche nach starken Männern: Mussolini misstraute Le Corbusiers Wankelmut – Indiens Premier Nehru machte ihn zum Baumeister ChandigarhEr ist einer der einflussreichsten Architekten des 20. Jahrhunderts. Mit seinen plastischen Bauten in Sichtbeton und den städtebaulichen Visionen schrieb Le Corbusier Architekturgeschichte und prägte Generationen.21.05.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenLe Corbusier arbeitet an einem Modell der Ville radieuse, 1930.New York TimesNicht nur durch gebaute Werke, sondern auch durch Worte markierte er Präsenz. Der 1887 in La Chaux-de-Fonds geborene und seit 1917 in Paris tätige Künstler-Architekt Charles-Édouard Jeanneret, der seit 1920 unter seinem Nom de Guerre Le Corbusier auftrat, verfasste eine schier unermessliche Zahl an Zeitschriftenbeiträgen, Texten und Büchern. Mit seinem achtbändigen «Œuvre complète», das ab 1929 bei Editions Girsberger in Zürich erschien, erfand er die Gattung der Architektenmonografie gleichsam neu.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Le Corbusier war zweifellos einer der einflussreichsten Architekten des 20. Jahrhunderts. Er prägte mit seinen plastischen, oft in Sichtbeton ausgeführten Bauten und insbesondere auch mit seinen städtebaulichen Visionen bis heute Generationen von Entwerfern.Doch der Nimbus des Jahrhundertgenies hat Kratzer bekommen. Das hat insbesondere mit seinen Versuchen zu tun, sich diktatorischen und faschistischen Regimen anzudienen. Le Corbusier war beseelt von seiner Mission, er wollte bauen, um (fast) jeden Preis. Daher suchte er die Nähe zu mächtigen Wirtschaftskapitänen wie Gianni Agnelli, dem Chef von Fiat, oder Tomas Bata, dem Begründer des gleichnamigen Schuhimperiums.Aber auch zu politischen Machthabern seiner Zeit. 1934 antichambrierte er bei Mussolini, der auch rationalistische Architekten wie Giuseppe Terragni unterstützte. Dessen zur gleichen Zeit geplante Casa del Fascio gilt heute ungeachtet ihrer Funktion als Meisterwerk der Architektur des 20. Jahrhunderts.Der Duce verweigerte ein Treffen mit dem Architekturstar aus Paris. Ähnlich erfolglos verlief der Kontakt zu Philippe Pétain, dem Kopf der nach der Besetzung Frankreichs 1940 installierten Marionettenregierung von Vichy. Le Corbusier übersiedelte nach Vichy und bezog ein Hotelzimmer, wo er auf eigene Initiative Projekte für das Regime erarbeitete. Aber auch Pétain zeigte sich desinteressiert.Zum Faschisten gestempeltAll diese Fakten sind nicht neu und waren letztlich lange bekannt. In einer Zeit wie der heutigen, in der sich Werk und Person nicht mehr so leicht entkoppeln lassen wie früher, werden sie jedoch zunehmend diskursprägend. Das zeigte sich beispielsweise 2015, als gleich mehrere Publikationen sich anlässlich seines 50. Todestags der Frage widmeten, wie Le Corbusiers politische Haltung zu bewerten sei.Die dezidierteste Haltung vertrat der Kulturjournalist Xavier de Jarcy, der den Architekten mehr oder minder zum Faschisten stempelte. Das machte er unter anderem an der Freundschaft mit dem Arzt und Eugeniker Pierre Winter fest, der die erste faschistische Partei in Frankreich gründete.Le Corbusier und Winter kooperierten auf verschiedene Weise, auch als Mitbegründer der Städtebauzeitschrift «Prélude», die als faschistisch eingestuft werden kann. Schon 2005 hatte der Genfer Architekt und Schriftsteller Daniel de Roulet Le Corbusiers Vichy-Verstrickungen thematisiert. Im Vorfeld der Übernahme des Heidi-Weber-Pavillons liess die Stadt Zürich deshalb durch den Le-Corbusier-Spezialisten Jean-Louis Cohen ein Gutachten erarbeiten, ob angesichts der Vorwürfe ein öffentliches Museum im letzten realisierten Werk des Architekten vertretbar sei.Die nunmehr achte Ausstellung im Pavillon Le Corbusier widmet Christian Brändle, Direktor des Zürcher Museums für Gestaltung und damit auch verantwortlich für dessen Dépendance im Seefeld, dem Thema Bauen für die Macht. Sie setzt ein mit Corbusiers städtebaulicher Utopie Ville contemporaine de 3 millions d’habitants, die er am Herbstsalon 1922 präsentierte, sowie ihrer drei Jahre später entstandenen Konkretion, dem Plan Voisin.Le Corbusiers Entwurf für eine moderne Stadt, 1922: «Die Parks liegen zu Füssen der Wolkenkratzer. (...) Im Hintergrund sieht man die Autorennbahn, die zwischen zwei Gebäuden hindurchführt, die reine architektonische
Le Corbusier neu ausgestellt in Zürich: ein Genie auf der Suche nach starken Männern
Er ist einer der einflussreichsten Architekten des 20. Jahrhunderts. Mit seinen plastischen Bauten in Sichtbeton und den städtebaulichen Visionen schrieb Le Corbusier Architekturgeschichte und prägte Generationen.








