Hirn oder Herz? Karl Ove Knausgårds neuer Roman erzählt von einem Familienvater, der eigentlich eine andere liebt«Arendal» ist der unsägliche Monolog eines vom kleinbürgerlichen Leben gebeutelten Mannes, der seine Gefühle im Suff ertränkt.28.05.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenAquavit, Zigaretten, Herzschmerz: Der norwegische Literaturstar Karl Ove Knausgård hat ein Buch über einen unerträglichen Liebeskranken geschrieben. (Aufnahme 2023 in London)Thomas Karlsson / ImagoSyvert ist ein wehleidiger Hund. Volle 379 Seiten zetert der Protagonist von Karl Ove Knausgårds Roman «Arendal» über seine unterdrückten Gefühle. 229 Seiten braucht er, um eine einzige von Selbstmitleid durchtränkte Nacht zu beschreiben, in der er ungeheuerliche Mengen Alkohol in sich hineinkippt, ungeheuerlich viel raucht und ungeheuerliche Liebesbriefe an seine verflossene Affäre verfasst: «Wie du weisst, Asja, bin ich jetzt ein Mann mittleren Alters, aber glaubst du mir, dass mich eine junge Kellnerin angebaggert hat, als ich dort (in der Kneipe, Anm. des Redners) gesessen und meine Frikadellen gegessen habe?». Arme Asja.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.«Arendal» ist der fünfte Band von Karl Ove Knausgårds Morgenstern-Romanzyklus, in dem metaphysische, mystische, bisweilen apokalyptische Erfahrungen über den Alltag seiner Protagonisten hereinbrechen. In «Arendal» ist es die Liebe, die das bürgerliche Leben durcheinanderbringt.Das Auto, die Gefühlsmaschine des MannesEs ist nämlich so: Syvert (Ingenieur, Ehemann von Evelyn, Vater zweier Kinder) liebt eigentlich Asja. Zwei Jahre lang führten die beiden eine Affäre. Dann entschied sich Syvert für seine Familie. Nur entschied er leider mit dem Hirn, nicht mit dem Herzen. Und als er an einem Wintertag im Jahr 1976 mit dem Auto kurz vor dem südnorwegischen Städtchen Arendal liegenbleibt, kocht die ganze tragische Liebessuppe wieder hoch.Erst der liegengebliebene Wagen und die dadurch gewonnene Zeit in Einsamkeit führen Syvert wieder vor Augen, dass er ohne Asja nicht leben kann. Das Auto, die Gefühlskanalisationsmaschine des Mannes und einzige Kapsel, in der er seine Ruhe hat vor Haus und Hof und Frau und Kind und endlich seinen wahren Gefühlen freien Lauf lassen kann. «Es bestand kein Grund, dich zurückzuhalten, dachte ich und beschleunigte», denkt Syvert, als er später mit dem Leihwagen der Werkstatt durch die Winterlandschaft fährt.Aber immer, wenn Syverts Gefühle auftauen, zückt er den Flachmann und ertränkt sie im Suff. Es ist aussichtslos. Und wenn er nicht gerade zu Wodka, Aquavit, Cognac, Wein und Bier greift, kommt seine fatalistische, miesepetrige Weltanschauung hervor: «Was lernte er? Dass das Gute auf Dauer unmöglich zu ertragen ist. Dass es leichter ist, im Schlechten zu leben. Das Schlechte hat Grenzen. Das Schlechte hält einen an Ort und Stelle.» Das Gute, das Schöne, das Ideale, das ist Asja. Das Schlechte ist seine Ehe. Aber weil das Gute flüchtig ist, bleibt er im Schlechten. Herrje.Ein Buch, das weh tutWarum? Warum sollte man die gequälten Gedanken eines Mannes lesen, der sich in seiner Entscheidung zwischen Familie und Geliebter wälzt und zwischendurch ein paar pseudophilosophische Gedanken zum Besten gibt? («Die Geschichte war kein Abgrund. Die Geschichte war kein Brunnen. Die Geschichte existierte nicht. Aber sie war etwas. Sie war nichts. Das Nichts. Das war die Geschichte. Das Nichts.»)Für die Sprache liest man «Arendal» jedenfalls nicht. Entweder klingt es melodramatisch oder banal, Selbstironie gibt es auch nicht. Auch der Plot ist in der ersten Hälfte zäh und schleppend. Erst im zweiten Teil geht es etwas voran, gibt es Dialoge und Handlung abseits der leidvollen Innenschau. Doch eines muss man Knausgård lassen: Es tut weh, dieses Buch zu lesen.«Arendal» ist ein Roman über die zerstörerische Macht der Liebe. Aber eigentlich lässt es sich nur ertragen, wenn man den Spiess umdreht:wenn man das Buch als kaschierte Hymne an die Liebe liest. Weil es so schmerzt, Syverts Litanei zu folgen, seiner ewigen Unentschlossenheit, klappt man das Buch am Ende entgeistert zu und denkt: Syvert, du musst dein Leben ändern!Karl Ove Knausgård: Arendal. Roman. Aus dem Norwegischen von Paul Berf. Luchterhand-Verlag, München 2026. 379 S., Fr. 38.90.Passend zum Artikel