PfadnavigationHomeDebatteArtikeltyp:MeinungMoralwächterWas früher die „Bullenschweine“ waren, sind heute die „nackten Friseusen“Stand: 15:43 UhrLesedauer: 3 MinutenBesucher der Erlanger BergkirchweihQuelle: Daniel Karmann/dpaBei der Bergkirchweih in Erlangen sind bestimmte Schlager unerwünscht. Sie seien sexistisch und frauenverachtend, finden die Gleichstellungsbeauftragten. Und wieder stirbt ein Stück Freiheit.Die kulturelle Rezeptur zur Erregung öffentlichen Ärgernisses hat sich in den vergangenen 40 Jahren stark verändert. „Zwei Drittel Heizöl, ein Drittel Benzin“ besang die Hamburger Punk-Band Slime in den 1980er-Jahren das gängige Mischverhältnis zur hauseigenen Produktion von Molotowcocktails. Und wofür die gebraucht werden, konnte man sich ohne viel Fantasie beim Titel des Songs erschließen. „Wir wollen keine Bullenschweine“ hieß der und ging dann so: „Dies ist ein Aufruf zur Revolte / Dies ist ein Aufruf zur Gewalt / Bomben bauen, Waffen klauen / Den Bullen auf die Fresse hauen.“Damals, 1980, gab es eine Debatte über die moralischen Grenzen der Kunstfreiheit. Und jetzt, 46 Jahre (!) später, gibt es sie wieder. Doch statt über Polizeigewalt bzw. Gewalt gegen die Polizei sprechen wir heute über Mickie Krause und seine „zehn nackten Friseusen“. Das ist einer von zwölf Schlagern, die zur Erlanger Bergkirchweih auf einer Liste von unerwünschten Songs landeten, die die Gleichstellungsbeauftragten der Stadt identifiziert und an die Wirte weitergeleitet hatten. Die Lieder seien nicht mehr zeitgemäß, sexistisch, frauenverachtend.Lesen Sie auch„Es gibt 50.000 Weiber / Die haben einwandfreie Leiber / Doch ich sag no / Nananano ... / Ich will zehn nackte Friseusen / zehn nackte Friseusen, mit feuchten Haaren“, heißt es bei Krause, der den Song schon 1999 aufnahm und sich damit in die Herzen alkoholisierter Malle-Asis katapultierte, die mit ihren kognitiven Restfähigkeiten die Dichtkunst von Krause noch zu schätzen wussten.Jeder Mensch, der Kultur liebt, muss Mickie Krause natürlich aus tiefstem Herzen verachten. Und dennoch fühlt es sich falsch an, wenn ausgerechnet eine politische Behörde seine Songs, nein, nicht verbietet, nein, nicht „zensiert“, aber zumindest für unerwünscht erklärt. Das ist Ausdruck einer massiven kulturellen Verschiebung. Es war in der Vergangenheit immer ein linkes Milieu, das sich für die Kunstfreiheit stark gemacht hat, denn ein linker Glaubenssatz war, dass Menschen Widersprüche aushalten müssen, dass Kunst auch hässlich, peinlich, vulgär und komplett daneben sein darf. Dass Freiheit eben gerade dort beginnt, wo es unangenehm wird.Heute hat man den Eindruck, aus dem politischen Projekt der Befreiung ist ein Projekt der Daueraufsicht geworden. Überall kleine kulturelle TÜV-Prüfer in der Inkarnation von Gleichstellungs- und Awareness-Beauftragt*Innen, die kontrollieren, ob die Welt noch normgerecht läuft. Dabei kommt die neue progressive Strenge aus einer ideologisch vermeintlich guten Absicht. Die neue Spießigkeit will optimieren, sie will die Welt ja gar nicht enger machen, nur ein bisschen sauberer, ein bisschen sensibler, ein bisschen korrekter, sagt sie. Doch gut gemeint ist oft schlecht gemacht – und das erste Opfer ist nicht nur die Freiheit des Kulturraums, sondern die Freiheit selbst. Und so blieb von Punk bloß noch die Hausordnung. Schade, eigentlich. Lesen Sie auchDie große kulturelle Revolte, die einst gegen Autoritäten, Moralwächter und erhobene Zeigefinger antrat, findet sich plötzlich genau dort wieder. Aus den einstigen Rebellen wurden Aufpasser. Und Slime? Die haben mittlerweile vielleicht keinen Frieden, aber doch zumindest einen Waffenstillstand mit dem Bürgertum ausgehandelt.2011 saß Gitarrist Michael „Elf“ Mayer als Kandidat in der RTL-Quizshow „Wer wird Millionär?“, um sich bei Günther Jauch ein Budget für die anstehende Tour zu erspielen. Er gewann 16.000 Euro. Die Revolution konnte warten.Dennis Sand schreibt über Popkultur und Zeitgeist. Seine Bücher mit Bushido, Jan Ullrich und dem YouTuber Montanablack hielten sich monatelang auf Spitzenpositionen in den Bestsellerlisten.
Moralwächter: Was früher die „Bullenschweine“ waren, sind heute die „nackten Friseusen“ - WELT
Bei der Bergkirchweih in Erlangen sind bestimmte Schlager unerwünscht. Sie seien sexistisch und frauenverachtend, finden die Gleichstellungsbeauftragten. Und wieder stirbt ein Stück Freiheit.













