Im Grunde könne er es kurz machen: Dem Kommentar eines SZ-Autors könne er sich „in jeder Hinsicht nur anschließen“. Aber um doch ein paar Punkte aufzuführen: Zum einen sei es eine Grundsatzfrage, ob sich eine Stadt überhaupt damit beschäftigen müsse, was in „einem Bierzelt oder auf einem Bierkeller gespielt“ werde. Es gebe zwar durchaus Lieder, die man da nicht spielen müsse – dies aber solle „in der Regel der Wirt mit seiner Kapelle ausmachen“. Zum anderen sei es „völlig unsinnig“, das Lied der Spider Murphy Gang in so eine Liste aufzunehmen. „Ich habe dieses Lied sicherlich auch schon hundertmal gesungen. Bei unterschiedlichsten Anlässen.“Frauenfeidlich, die Spider Murphy Gang? Für einen „völligen Schmarrn“ hält das Joachim Herrmann. Foto: Johannes SimonFreilich gebe es ein paradoxes Ergebnis dieser Liste, berichtet der Berggast Herrmann: „Das Lied wird jetzt demonstrativ auf nahezu allen Kellern gespielt.“ Und das sowohl dort, wo ein Discjockey auflege, als auch da, wo eine Band spiele. Und alle, mit denen er spreche, sagten: „An diesem Lied haben wir noch nie etwas auszusetzen gehabt.“ Frauenfeindlich? Das halte er für „völligen Schmarrn“. Immerhin gebe es nun durchaus auch Wirte und Brauereien, die sich von der Debatte mehr Zulauf erhofften – man sei ja jetzt bundesweit im Gespräch.Die Reaktion der FDP, die eine solche Liste ausgerechnet unter einem neuen CSU-Oberbürgermeister „nicht erwartet“ hätte? Herrmann sieht da kein größeres Thema. Erstens sei es schlicht falsch, dass da in Erlangen etwas „verboten“ worden sei – „das ist juristisch eindeutig nicht der Fall“. Und außerdem habe der neue Rathauschef Jörg Volleth seiner Gleichstellungsstelle „nicht reinreden“ wollen. Wer den OB kenne, der wisse, was der von so einer Liste halte.Nichts nämlich. Insofern sei Herrmann sicher, dass „sich das nicht wiederholen wird“.Die ZDF-Nachrichtenmoderatorin Barbara Hahlweg, 57, ist in Erlangen und mit dem „Berg“ aufgewachsen. Sie lebt in der Nähe von Mainz, bis heute aber versucht sie, jedes Jahr mindestens einmal auf der Erlanger Bergkirchweih zu sein. Große Zuneigung, viele Erinnerungen verbindet sie mit diesem Fest. Der „Skandal im Sperrbezirk“? „Ich bin nicht nur mit dem Berg, ich bin auch mit diesem Lied aufgewachsen“, sagt Hahlweg: „Ich singe es seit 1981 und habe lange Zeit einfach nur Spaß gehabt damit.“Barbara Hahlweg ist mit der Bergkirchweih aufgewachsen. Foto: Jana Kay/ZDFDenke sie darüber nach, sehe sie „logischerweise“ einen kritischen Punkt bei diesem Song, „wie jeder nachdenkliche Mensch da einen Punkt sehen muss“. Gleichwohl fände sie es schade und „traurig“, wenn alle „Lieder verschwinden, die im Nachhinein als nicht mehr ganz politisch korrekt aufgefasst werden“.Andererseits habe sie Töchter Mitte zwanzig und merke bei der Diskussion über solche und ähnliche Themen, dass diese in derlei Fragen eine ganz andere Haltung einnähmen als noch die eigene Generation. Was sie selbstverständlich respektiere und grundsätzlich vorsichtig mache.Trotzdem würde sie in der Abwägung dabei bleiben: „Das ist für mich ein persönliches Kulturgut.“ Da hadere sie schon damit, ein solches auf entsprechenden Warn-Listen zu sehen.Der Sozialdemokrat Dieter Rossmeissl, 77, war 17 Jahre lang Kulturreferent der Stadt Erlangen, bis ins Jahr 2017. Auf problematische Songinhalte hinzuweisen und dafür zu sensibilisieren, das möge sinnvoll sein, sagt er. Für nicht sinnvoll halte er es, wenn dies – wie in Erlangen geschehen – „von der Dienststelle einer Stadt“ ausgehe. Dies könne zweifellos „als Druckmittel empfunden“ werden, auch wenn es womöglich so gar nicht gemeint sei.Der Begriff „Kunst“ habe etwas mit einem Genre zu tun. Nicht mit dem Niveau. Es handele sich folglich bei dem in Rede stehenden Liedgut um Kunst: „Und da bin ich eindeutig auf der Seite der Freiheit der Kunst.“Dieter Rossmeissl war 17 Jahre lang Kulturreferent der Stadt Erlangen. Foto: privatDas Lied „Skandal im Sperrbezirk“ sei 1981 gedacht gewesen als „Provokation gegen das spießige, konservative Bürgertum“. Nun wiederum fielen „die Gleichstellungsbeauftragten der Stadt Erlangen auf genau das herein“, sagt Rossmeissl: „Sie haben nur den Text angeschaut. Und nicht den Kontext, in dem das Lied entstanden ist.“Dass der in dem Lied vorkommende Begriff „Nutte“ heute als herabwürdigend empfunden wird, das erkenne er an. Der Begriff sei aber „kein Verstoß gegen die Menschenwürde“. Und das „ist die einzige Grenze, die ich in dem Zusammenhang akzeptieren würde“.Magda Luthay, 50, leitet das Büro für Gender und Diversity der Friedrich-Alexander-Universität in Erlangen, sie ist befremdet über die offenbar „teilweise gezielten Falschmeldungen im Netz“. Schon mal gebe es kein „Liederverbot“. Es gebe eine Empfehlung der Gleichstellungsstelle der Stadt Erlangen. Diese habe auf diskriminierende Inhalte in Partykrachern hingewiesen – als „Hinweis, das zu überdenken“. Niemand werde da bevormundet.Nun entstünden „Echokammern, auf die viele anspringen“. Das Ganze entwickele eine „ungute Eigendynamik, weit weg vom eigentlichen Thema“. In der Folge jetzt generell das Thema Gleichstellung niederzumachen, das überschreite eine Grenze: „Da fallen alle Masken.“ Man erkenne eine „Hysterie“ – in „einer Frage, in der wir alle als Gesellschaft gegensteuern sollten“.Magda Luthay leitet das Büro für Gender und Diversity an der Uni Erlangen-Nürnberg. Foto: FAUDer „Skandal im Sperrbezirk“? Auch sie ist mit der Spider Murphy Gang aufgewachsen. Das Lied werde jetzt herausgegriffen aus der Liste, eigne sich aber bedingt für die notwendige Diskussion. Anhand anderer Lieder dieser Liste zeichne sich das eigentlich diskussionsbedürftige Thema viel schärfer ab: Ersetze man etwa in einem Song wie „Zehn nackte Friseusen“ das Wort „Friseuse“ durch andere Personengruppen in der Gesellschaft – man würde eine „Welle der Empörung“ auslösen. „Aber immer, wenn es um Frauen geht, dann wird gerne bagatellisiert.“ Dann heiße es: „Die Frauen sind unentspannt, verstehen keinen Spaß.“Hedwig Christ, 39, arbeitet bei Kassandra e. V., der Beratungsstelle für Sexarbeit in Nürnberg. Den Fall „Skandal im Sperrbezirk“ müsse man sehr differenziert betrachten, sagt sie. Zunächst aber spräche vieles gegen dieses Lied. Das fange schon an beim Begriff „Nutte“. Zwar gebe es Sexarbeiterinnen, die sich selbst als „Hure“ bezeichneten. „Nutte“ dagegen sei dezidiert abwertend – und das nicht nur für Sexarbeiterinnen, sondern „alle Frauen in der Gesellschaft“. Als „Nutten“ gälten gemeinhin „Frauen, die promiskuitiv sind“.Sprache sei Macht. Die im Lied besungene „Rosi“ wiederum eine „Nummer“. Sie werde auf Erreichbarkeit reduziert. Zwar habe diese Frau offenbar eine Handlungsmacht, immerhin werde sie als „geschäftstüchtig dargestellt“. Andererseits sei sie schlicht: „Objekt der Begierde von Männern“.Allerdings sei dieses Lied auch als zeithistorische Kritik an der Sperrbezirkspolitik zu verstehen – einer Politik, die auch „Kassandra“ bis heute scharf kritisiere. Diese Sperrbezirke würden von Stadt zu Stadt anders geregelt, so entstehe große Unsicherheit bei Sexarbeitenden. Oft würde deren Arbeit in Graubereiche oder gar „Industriegebiete abgeschoben, wo man sie nicht sieht“. Dies erschwere Gewaltprävention, dies erschwere auch soziale Arbeit mit Sexarbeitenden. Den Song könne man sehr wohl als Kritik an so einer Politik verstehen.Die Erlanger Debatte? „Kassandra“ würde es einfach begrüßen, wenn der Fall „als Anlass genommen wird, über alle diese strukturellen Fragen öffentlich zu diskutieren“.Um ihren Song geht es im Kern der Debatte: die „Spider Murphy Gang“. Foto: Frank Hoermann/ImagoPetra Paulsen, 57, ist in Erlangen geboren und aufgewachsen und engagiert sich im Verein „Bergflair ERhalten“, der sich erfolgreich dafür eingesetzt hat, dass die Kirchweih in den Rang des immateriellen Kulturerbes in Bayern gehoben wurde. Der „Berg“, sagt sie, sei „ein Teil meiner DNA“. Das Bergflair zu erhalten, das bedeutet für sie gleichwohl nicht, dass sich nichts ändern darf – etwa bei der Musik.Ballermannlieder wie jene auf der Liste der Gleichstellungsstelle entsprächen zwar nicht ihrem persönlichen Musikgeschmack, aber „da muss man den Wandel einfach mitbetrachten“, sagt sie. „Wenn ich sehe, wie die Jugend auf diese Lieder reagiert, dann sage ich: Das ist die neue Zeit. Die Partystimmung ist dann da, wenn solche Lieder gespielt werden.“ Es gebe „ganz klar“ Songs, bei denen sie sich frage: „Muss das sein?“ Aus ihrer Sicht sei es aber „ein Teil der Bergkirchweih, dass sie den Wandel annimmt und mit der Zeit mitgeht“.Sie selbst, die, wenn möglich „fast jeden Tag“ auf das Volksfest geht, höre am liebsten „Tage wie diese“ von den Toten Hosen, aber der „Skandal im Sperrbezirk“ sei „ein Lied aus meiner Jugend“. Sie sehe darin „keine Verunglimpfung von irgendeiner Frau“, Sexarbeiterinnen machten „einen Job wie jede andere“.Die Liste mit den Musikanweisungen hält Paulsen deshalb für „überzogen“, die Gleichstellungsstelle habe damit „übers Ziel hinausgeschossen“. Besser hätte sie es gefunden, wenn die Stadt die Bands „sensibilisiert“ und ihnen „den Anstoß gegeben hätte, mal selbst kritisch über ihre Listen zu schauen und über das Thema nachzudenken“. Das Lied der Spider Murphy Gang, vermutet sie, hätte dann dennoch keine Band gestrichen.Kennt sich mit unerwünschtem Liedgut aus: Hans Well. Foto: Robert HaasWenn sich einer mit faktisch aussortiertem Liedgut auskennt, dann Hans Well, 73 – es gab Zeiten, in denen die von ihm mitgegründete, gesellschaftskritische Biermösl Blosn nichts war, was man im Radio in Bayern so ohne Weiteres hätte zu hören bekommen. Die Causa „Skandal im Sperrbezirk“? In bestimmten Fällen, wenn es um extremistische und demokratiefeindliche Inhalte gehe, seien solche Indexlisten selbstverständlich sinnvoll, sagt Well.Die Spider Murphy Gang aber? Das finde er dann doch sehr überzogen: „Die gehört da mit Sicherheit nicht dazu.“
Frauenfeindlich oder doch Kulturgut? Eine SZ-Umfrage zum Partykracher „Skandal im Sperrbezirk“
Der Song der „Spider Murphy Gang“ soll nicht mehr gespielt werden bei der „Erlanger Bergkirchweih“. Ein Schmarrn sei das, meinen die einen, überlegenswert finden das andere.













