Die Regionalbahn Richtung Erlangen ist gestopft voll mit Dirndl- und Lederhosenträgern. Schon im Zug ist der Lautstärkepegel so hoch, dass man meint, es werde bereits gegen die Blasmusik angeredet. Auskennen muss man sich in der Stadt nicht, um zum Hotspot des Abends zu kommen. Es geht den Massen hinterher, und schon bald ist das Riesenrad in Sicht. Der unverwechselbare Volksfest-Geruch wird mit jedem Meter stärker.Es ist Bergkirchweih in Erlangen, so wie immer um Pfingsten herum. Seit 1755 feiern sie hier dieses ganz besondere Bergfest, das erst „Vogelschießen“ war, dann Pfingstmarkt und schließlich zur Kirchweih wurde. Aber zuletzt machte die Bergkirchweih nicht mit ihrer traditionsreichen Historie Schlagzeilen, sondern wegen der „Liederliste“.Knapp zwei Wochen vor Beginn der Bergkirchweih hat die Stadt Erlangen zwölf Liedern benannt mit der Bitte, diese möglichst nicht zu spielen. Dass der eigentlich sozialkritische Klassiker „Skandal im Sperrbezirk“ der Spider Murphy Gang darauf stand, löste besonders große Empörung aus. Seitdem wird heiß diskutiert, die Empfehlung der Stadt wurde schnell als Verbot aufgefasst. Und Verbote, die hat man hier nicht gern. Besonders beim Feiern nicht. Was also sagen die Wirte, Bergbesucher und die Bands zu dem Ganzen? Und hält man sich überhaupt daran?Den Wirt des ältesten Kellers auf dem Berg zu finden, ist nicht schwer. Man kennt Udo Helbig hier. Er hat in den vergangenen Tagen oft Gespräche mit Medienvertretern geführt. „Natürlich“, sagt er, „nehmen wir das ernst. Wir pflegen einen sensiblen Umgang und haben darüber viel im Team gesprochen.“ Wäre da nicht der Ton-Techniker neben ihm, der sich eine Zigarette im Keller ansteckt, wären da nicht Mitarbeitende, die beim Vorbeigehen auch noch ihren Senf dazugeben – Helbig könnte problemlos als Pressesprecher durchgehen.Udo Helbig ist der Wirt im ältesten Keller auf dem Berg, dem Erich Keller. Foto. Quentin PehlkeDass die Debatte nun alles überlagert, findet er schade. Die grundsätzliche Idee könne er durchaus nachvollziehen, sagt Helbig. „Aber es wäre halt gut gewesen, wenn man ein halbes Jahr vorher mit uns Wirten gesprochen hätte.“ Dann hätte man die Bands informieren und sich abstimmen können. „Die studieren ihre Auftritte ja auch ein. Wenn dann eine Woche vorher so eine Meldung kommt, ist das natürlich schwer umzusetzen. Und: „Natürlich sind einige Lieder, wie das „Donaulied“, drüber, aber das wurde vorher auch nicht gespielt.“Für eine Gruppe von Frauen, die für das Awareness-Team des Festes arbeiten, ist die Sache relativ eindeutig: „Sexismus und Diskriminierung hat für mich nicht so viel mit Kultur zu tun.“ Die Liste halten die Frauen für eine gute Sache, die an dem Tag versuchen, für ein Stückchen mehr Sicherheit zu sorgen. Trotzdem liegen die entscheidenden Hebel für sie woanders: „Immer wenn Alkohol fließt, ist es schwer, einen Safe-Place zu schaffen.“Meinung„Skandal um Rosi“ auf dem Index:Erlangen macht sich lächerlichManuel Stübel, Gast am Berg, hat eine klare Meinung: „Die sollen spielen, wie sie lustig sind und sich danach richten, was gewünscht ist.“ Und bringt die Liederliste jemanden was? „Nein, das bringt wirklich niemanden was und interessiert vor allem keine Frau. Wenn sich hier eine Frau angegriffen fühlen würde, würde ich etwas anderes sagen.“Dass der feine Unterschied zwischen Empfehlung und Verbot zu verschwimmen scheint, hört man in vielen Gesprächen. Auch Stübel sagt: „Jede Empfehlung wird als Verbot verstanden und letztlich hat es dazu geführt, dass die Lieder mehr gespielt werden.“Als eingefleischte Berggängerin hat auch Ingrid Leupert wenig Verständnis für den Vorschlag der Stadt. „Ich bin jetzt 67 Jahre alt und komme schon seit meiner Jugend her. Die Lieder sind immer gespielt worden und wir haben’s damals auch überlebt.“ Die Gemüter werden schnell hitzig bei diesem Thema.Der evangelische Dekan Martin Voß erinnert sich an die Diskussion über den Song „Layla“ vor ein paar Jahren. „Da gab es das gleiche Problem.“ Auf den Berg kommt er schon lange. Obwohl er gebürtiger Franke ist, trägt er heute eine stattliche bayerische Tracht samt Hut. In puncto Liederdebatte sei für ihn der Grad zwischen politischer Korrektheit und Dogmatismus sehr schmal. „Eine freie Gesellschaft muss auch mal was aushalten“, findet der Dekan. Im Zweifel solle das lieber nicht zu korrekt gehandhabt werden. Wichtiger sei es, selbst zu reflektieren, was man da eigentlich mitsingt.Der evangelische Dekan Martin Voß ist Franke, kommt aber in einer bayerischen Tracht auf dem Berg. Foto: Quentin PehlkeUm 21.03 Uhr ist es dann so weit. Die Rosi dröhnt aus den Boxen. „Damit in dieser schönen Stadt / das Laster keine Chance hat“, grölt die Menge in die Nacht hinein. Das Laster wirkt an diesem Abend ausgesprochen widerstandsfähig.Kurz darauf wischt sich Marc Bayer die Schweißtropfen von der Stirn. Der Sänger der Rebellen hat gerade die erste Hälfte seiner Show gespielt. Von der Bühne aus hat er den Blick über mehrere Hundert Menschen im Garten vor dem Erich Keller. Die Bierbänke sind bis zum Zerbersten voll und die Menschen stehen so dicht gedrängt, dass selbst das Mitschunkeln koordinationspflichtig wirkt.Der Sänger der Rebellen, Marc Bayer, sagt, man habe sich durchaus Gedanken darüber gemacht, welche Songs sie als Band spielen wollen. Foto: Quentin PehlkeAuch die Rebellen haben sich vor dem Auftritt am Berg Gedanken über die Lieder gemacht. „Klar, wir haben das in der Band kontrovers diskutiert“, sagt Bayer. „Die sollen die Kirche aber mal im Dorf lassen.“ Da grätscht von der Seite eine Frau rein, seine Ex-Freundin. „Dieser Liederliste ist Schwachsinn. Geh mal nach Mallorca und schau dir an, wie es da ist.“ Dass es einen Zusammenhang geben könnte zwischen den Liedern und übergriffigem Verhalten sieht die ehemalige Freundin des Sängers nicht: „Mit den Liedern hat das nix zu tun.“ Ihre Analyse: „Leute trinken Alkohol, dann passiert so ne Scheiße halt.“Letztendlich habe sich durch die Empfehlung der Stadt nichts geändert. Von den gelisteten Liedern sei ohnehin nur „Skandal im Sperrbezirk“ im Programm der Rebellen gewesen, sagt Bayer. „Die ‚Rosi‘ spielen wir weiterhin, der Rest ist bei uns raus. Das „Donaulied“ gibt’s bei uns sowieso nicht, genauso wie alles, was rechts ist, das geht gar nicht“. Das sei aber schon vor der Liste so gewesen.Auch ein junger angehender Polizist hat die Debatte mitbekommen. Er fragt zurück: „Jetzt seid aber mal ehrlich, wenn ihr drei Mass getrunken hättet, dann würdet ihr die Lieder doch schon auch feiern, oder?“Aber es gibt auch andere Stimmen. Steffi List von der Band Overdrive zum Beispiel. Seit mehr als einem Jahrzehnt singt sie auf der Erlanger Bergkirchweih. Die Empfehlung der Stadt, bestimmte Lieder nicht mehr zu spielen, findet sie sinnvoll. „Ich finde das den richtigen Impuls. Der Spaß beim Feiern muss nicht auf Kosten der Frauen gehen. Diese sexistischen Songs braucht keiner mehr.“Steffi List ist Sängerin der Band Overdrive. Foto: Quentin PehlkeDass die Lieder etwas an den Übergriffen ändern, die es auch auf dem Berg gibt, glaub sie nicht. „Aber da ist immer ein Nachhall: Daheim wird sicher noch mal über die Lieder diskutiert. Vielleicht stößt das Veränderung an.“ Und hat es Schmerzen bereitet, „Skandal im Sperrbezirk“ wegzulassen? „Nein, gar nicht – es gibt ja Tausende gute Party-Songs, warum muss es der sein?“