Die meisten Menschen wissen, wie es sich anfühlt, krank zu sein. In schweren Fällen kann nur der Arzt helfen: mit der richtigen Diagnose und Therapie. Die Vorschläge sollten Patienten dann aber auch befolgen. Klar doch, Therapievorschläge klingen anfangs oft wie eine Zumutung. Doch wenn die Gesundheit zurückkehrt, ist das ein befreiendes Glücksgefühl. Die deutsche Wirtschaft ist krank. Sehr krank. Sie ist seit sechs Jahren nicht mehr real gewachsen und damit das Schlusslicht unter den westlichen Industrieländern. Das liegt auch an der Pandemie und dem Ukraine-Krieg, der die Energiekosten stark steigen ließ. Und wiederholt sich nun mit dem Iran-Krieg.Aber die externen Schocks sind nicht die einzige Ursache. Die deutsche Wirtschaft hat kein Konjunkturproblem, sondern ein Strukturproblem. Deshalb ist Deutschland Schlusslicht. Am Mittwoch haben die Wirtschaftsweisen der Regierung Merz ihr Frühjahrsgutachten vorgelegt. Der harte Kern ihrer Diagnose: Die Sozialgaben laufen aus dem Ruder und werden in absehbarer Zeit auf über 50 Prozent der Arbeitskosten steigen. Generell ist die „Staatsquote“ zu hoch. Das ist die Summe aller Staatsausgaben in Relation zur Wirtschaftsleistung, dem Bruttoinlandsprodukt (BIP). Die Staatsquote liegt bereits über 50 Prozent. Die Hälfte allen in Deutschland erwirtschafteten Geldes wird vom Staat durch Steuern und Abgaben einkassiert und umverteilt.Der Therapievorschlag der Wirtschaftsweisen: Die Regierung muss den Trend wenden. Die Sozialabgaben dürfen nicht weiter steigen, die Staatsquote muss runter. Der CDU-Kanzler Friedrich Merz und die für Finanzen und Soziales zuständigen SPD-Mitregierenden Lars Klingbeil und Bärbel Bas möchten Diagnose und Therapie der Ökonomen jedoch nicht hören. Sie machen seit Regierungsantritt genau das Gegenteil. Statt sich darauf zu konzentrieren, wie sie die Ausgaben senken können, haben sie erstens die Schulden drastisch erhöht und überlegen nun zweitens, wie mehr Geld in die Kassen kommt. Wenn die Wirtschaft schlingerte, haben deutsche Politik und konzertierte Aktionen mit Bossen und Gewerkschaftern es immer wieder vermocht, sie zurück auf den Erfolgsweg zu bringen.Christoph von MarschallDoch damit verschlimmern sie die Krankheit der deutschen Wirtschaft. Aus der Erfolgsgeschichte der Bundesrepublik und der internationalen Wirtschaftswissenschaft lässt sich ableiten, was eine gesunde Höhe der beiden Parameter wäre. Die „Staatsquote“ sollte unter 45 Prozent liegen, die Sozialabgaben unter 40 Prozent. Gewiss, das klingt angesichts der Diskrepanz zwischen Ist und Soll erst mal wie eine Zumutung. Und ist ein hartes Stück Arbeit für die Beteiligten in der Politik, den Sozialsystemen und den Vertretungen der Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Der erste Gedanke, der ihnen in den Sinn kommt, ist nicht, was für eine Befreiung und was für ein Glücksgefühl als Lohn winken, wenn die Therapie Erfolg hat.Was kann da Mut machen? Ein Blick zurück. Wenn die Wirtschaft schlingerte, haben deutsche Politik und konzertierte Aktionen mit Bossen und Gewerkschaftern es immer wieder vermocht, sie zurück auf den Erfolgsweg zu bringen. Erfolge der SPD-Kanzler Schmidt und Schröder Vor allem die heutige Sozialdemokratie sollte sich die Erfolge der SPD-Kanzler Willy Brandt, Helmut Schmidt und Gerhard Schröder vor Augen führen. In den 1970er Jahren litt die Bundesrepublik unter dem Ölpreisschock und Massenarbeitslosigkeit. Die „Staatsquote“ stieg von 38,5 auf 48 Prozent, aber nur vorübergehend. Dann sank sie wieder.Die meisten Deutschen waren damals stolz auf ihr modernes und reformfreudiges Land, das mehr Demokratie wagte, ohne die Sicherheit zu vernachlässigen. Niemand kam auf die Idee, man müsse entweder Bildung, Forschung, Infrastruktur und Soziales vernachlässigen, um 3,5 Prozent vom BIP für die Bundeswehr zu finanzieren, oder hohe Schulden aufnehmen.1999 sah der „Economist“ das stagnierende Deutschland in einer ähnlich tiefen Krise wie heute: „The sick man of the euro“. Die rot-grüne Regierung Schröder-Fischer verordnete die „Agenda 2010“. Die Staatsquote sank von 48,1 Prozent 2000 auf 43,5 Prozent 2007. Dank der Strukturreformen kam Deutschland besser durch die globale Finanzkrise ab 2008 als die meisten anderen Industrieländer.Die Regierung Merz-Klingbeil-Bas weiß, was zu tun ist. Deutschland braucht Wachstum, um die enormen Schulden abzubauen, die sich die Koalition zu Beginn genehmigt hat. Wachstum kommt nur, wenn die deutsche Wirtschaft international wettbewerbsfähig ist.Diagnose und Therapievorschläge liegen auf dem Tisch. Was fehlt, sind der Mut zur Therapie und der unbedingte Wille, gesund zu werden.