Sollen Beamte in die gesetzliche Sozialversicherung einzahlen? Die Finanzprobleme des Systems sind damit nicht gelöstDer Ökonom Achim Truger warnt vor einem Zweiklassensystem im deutschen Sozialstaat. Er will Staatsbedienstete in die gesetzliche Krankenversicherung holen – und stellt infrage, ob es überhaupt so viele von ihnen braucht.26.05.2026, 12.45 Uhr3 LeseminutenRund 342 000 Polizisten bei Bund und Ländern sind in Deutschland im Einsatz.Harald Dostal / ImagoDer «Wirtschaftsweise» Achim Truger hat die Finanzierung der gesetzlichen Krankenkassen als ungerecht kritisiert und verlangt eine Einbeziehung von Beamten. «Durch ihr gutes Gehalt könnten sie die Kassenlage der gesetzlichen Krankenversicherung durchaus stärken», sagte Truger der «Neuen Osnabrücker Zeitung» am Montag. Es wäre langfristig ein guter Weg, Staatsbedienstete stärker in die Solidargemeinschaft einzubinden, «sonst hat man irgendwann ein Klassensystem». Die rund zwei Millionen Beamten in Deutschland sind in der Regel privat und nicht gesetzlich krankenversichert.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.«Dass es den Beamten zum Teil so gut geht, hängt auch damit zusammen, dass man das Leben der anderen über die Jahre verschlechtert hat», sagte das Mitglied des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Als Beispiel nannte Truger die Kosten der Gesundheitsversorgung für die Empfänger von Grundsicherung, die zu einem grossen Teil von den Beitragszahlern der gesetzlichen Krankenkassen übernommen werden müssen. «Da macht sich der Bund einen schlanken Fuss», kritisierte Truger, der an der Universität Duisburg-Essen lehrt. Denn Privatversicherte beteiligen sich nicht an der Finanzierung.Konkret überweist der Bund derzeit pro Empfänger der Sozialleistung rund 144 Euro im Monat an die Krankenkassen. Kostendeckend wären aber mehr als 400 Euro. Die Krankenkassen beziffern das so entstandene Defizit auf rund 12 Milliarden Euro pro Jahr. Sie fordern die volle Erstattung der Kosten und hatten Ende vergangenen Jahres Klage gegen den Bund eingereicht. Die Bundesregierung weigert sich bislang, die Differenz zu zahlen, und verweist auf die Finanzlöcher im Bundeshaushalt.In einigen Bundesländern haben Beamte die WahlAuch Nordrhein-Westfalens Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann hatte verlangt, dass die Sparpläne in der gesetzlichen Krankenkasse auch auf die Beamten übertragen werden müssten. Es sollten nur Massnahmen in der gesetzlichen Krankenversicherung beschlossen werden, die auch wirkungsgleich im Beihilferecht umgesetzt werden könnten, hatte der Christlichdemokrat in einem Schreiben an das Bundesgesundheitsministerium gefordert.Beamte erhalten von ihrem Arbeitgeber eine finanzielle Unterstützung, auch Beihilfe genannt. Der Dienstherr, also Bund, Länder oder Kommunen, übernimmt dabei einen bestimmten Prozentsatz der Versicherungskosten. Für den Rest schliessen Beamte eine spezielle private Krankenversicherung ab.Die Forderung, Beamte in die gesetzliche Krankenversicherung einzubeziehen, gibt es schon lange. Einige Bundesländer wie Hamburg, Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Baden-Württemberg ermöglichen den Staatsbediensteten Wahlfreiheit, indem sie den vom Arbeitgeber zu zahlenden Anteil von etwa 50 Prozent des Beitrags in der gesetzlichen Krankenkasse übernehmen. Damit wären Beamte finanziell Arbeitnehmern gleichgestellt. Da das Leistungsspektrum in der privaten Krankenversicherung aber in der Regel höher ist, sind nur vergleichsweise wenige Beamte gesetzlich versichert.Union will Beamte nicht in die Rentenkasse einbeziehenDer Ökonom Truger stellt gleichzeitig infrage, ob Deutschland überhaupt so viele Beamte brauche. Lehrer und Universitätsprofessoren müssten beispielsweise nicht verbeamtet werden, sagte er. Laut dem Statistischen Bundesamt bilden Lehrer mit rund 35 Prozent die grösste Gruppe der Staatsbediensteten.Auch der Steuerzahlerbund plädiert dafür, den Beamtenstatus nur auf die hoheitlichen Aufgaben wie Polizei, Justiz, Bundeswehr und Zoll zu beschränken. Nach Einschätzung des Verbandes könnte die Zahl der Beamten auf die Hälfte und damit auf rund eine Million reduziert werden.Damit verbunden ist auch die Forderung, dass Staatsbedienstete in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlen müssten. Damit soll der Staat von den hohen Pensionsleistungen entlastet werden.Sozialministerin Bärbel Bas hatte kurz nach Amtsantritt solch einen radikalen Wandel im System der Altersvorsorge vorgeschlagen. Allerdings wiesen Union und Wirtschaftsvertreter den Vorstoss umgehend zurück. Christoph Ahlhaus, Vorsitzender des Bundesverbands mittelständische Wirtschaft, sprach von «populistischem Unfug», der kein einziges Problem der Rente langfristig löse. Auch die Union bekräftigte, dass damit die Finanzierungslage der Rentenversicherung nicht verbessert werde.Nach Berechnungen des IW Köln würde eine Einbeziehung von Beamten für die Rentenversicherung langfristig teurer werden. Kurzfristig würden zwar mehr Einnahmen in die Rentenkasse fliessen. Allerdings leben Staatsbedienstete derzeit im Durchschnitt 2,3 Jahre länger als andere Arbeitnehmer und beziehen damit auch länger Leistungen.Passend zum Artikel