Die meisten Menschen würden sich nur sehr ungern mit einer Küchenschabe identifizieren. Doch in Indien ist der Schädling binnen weniger Tage zum Symbol einer kritischen und selbstironischen Jugend geworden.Der satirischen Kakerlaken-Bewegung, die mit der Cockroach Janta Party (CJP) eine eigene fiktive Partei gegründet hat, haben sich bereits Millionen Menschen angeschlossen. Mit dem Namen, der zu Deutsch „Küchenschaben-Volkspartei“ bedeutet, ist sie leicht als Parodie der regierenden Bharatiya Janata Party (BJP) von Ministerpräsident Narendra Modi zu erkennen. Sie trifft den Nerv einer desillusionierten Jugend, die sich mit einem angespannten Arbeitsmarkt, wachsenden Lebenshaltungskosten und enger werdenden Räumen für Kritik konfrontiert sieht.Das Potential der Bewegung ist gewaltigDie Inspiration für das Kakerlaken-Motiv waren einige Äußerungen des Obersten Richters von Indien, Surya Kant, bei einer Anhörung. Der prominente Jurist hatte Berichten zufolge junge Arbeitslose, die ein Interesse an Journalismus und Aktivismus zeigten, mit „Kakerlaken“ und „Parasiten“ verglichen. Später erklärte er, damit speziell junge Menschen mit gefälschten Abschlüssen gemeint zu haben, nicht die Jugend in ihrer Gesamtheit.Doch der Begriff hatte zu diesem Zeitpunkt bereits ein Eigenleben entwickelt. In den sozialen Medien wurden seither zahllose Memes, Karikaturen und Lieder geteilt, die mit der Kakerlaken-Symbolik spielen. Auch in der realen Welt verkleideten sich junge Menschen in Protestaktionen als die Schädlinge.Entgleisung mit Folgen: Die Cockraoch Janta Party hat schon mehr als 20 Millionen Follower auf InstagramPicture AllianceDas Potential der Bewegung ist bei einer Bevölkerung von mehr als 1,4 Milliarden, die zu rund zwei Dritteln unter 35 Jahre alt ist, gewaltig. In ihrem Zentrum steht die fiktive politische Vereinigung mit dem Wappen einer Küchenschabe, die wie ein Politiker bei einer Rede hinter einem Podest steht. Ihr Instagram-Account hat schon mehr als 22 Millionen Follower, mehr als die BJP mit etwa neun Millionen.Zehntausende Menschen sollen sich auf der kurzerhand eingerichteten Website bei der „Partei“ angemeldet haben, die meisten im Alter von 19 bis 25 Jahren. Um Mitglied zu werden, müssten sie demzufolge nur „arbeitslos“, „faul“ und „chronisch online“ sein sowie die Fähigkeit „zum professionellen Schimpfen“ mitbringen, heißt es ironisch neben dem Anmeldeformular.Die Regierung ließ den X-Account sperrenIn ihren Beiträgen beschränkt sich die Bewegung nicht nur auf humoristische Variationen des Schädlingsmotivs. Sie nimmt politische Themen wie die hohe Jugendarbeitslosigkeit auf, die bei den 15- bis 29-Jährigen auf dem Subkontinent derzeit bei rund zehn Prozent liegt. Es geht um Ungerechtigkeit, Medienunabhängigkeit und eine Frauenquote im Parlament.Manche Beobachter gehen zwar davon aus, dass die Bewegung so schnell wieder verschwindet, wie sie aufgetaucht ist. Doch gegen dieses Argument stellen ihre Anhänger die Eigenschaften der Kakerlake selbst: Sie erscheint in ihrer Interpretation nicht als unerwünschter Schädling, sondern als anpassungsfähiges und robustes Insekt, das den Herausforderungen der Zeit trotzig gegenübertritt.Dass es sich nicht nur um einen humoristischen Zeitvertreib, sondern um eine ernst zu nehmende Bewegung handelt, zeigt sich auch an der Reaktion der Regierung. Der Account der Partei auf der Plattform X ist in Indien auf Betreiben der Regierung hin kurzzeitig gesperrt worden. Die Sicherheitsbehörden hätten „Bedenken hinsichtlich der nationalen Sicherheit“ geäußert, erklärte ein hochrangiger Regierungsbeamter der Zeitung „The Indian Express“. Dasselbe soll auch mit dem Instagram-Account und der Website der CJP passiert sein. Die Bewegung gibt sich ungerührt. Unmittelbar nach der Sperrung tauchte ein neuer X-Account unter dem Namen „Kakerlake ist zurück“ auf. „Ihr dachtet, ihr könntet uns loswerden? Lol“ lautete der erste Post.Der Erfolg der Bewegung lässt sich wohl in erster Linie mit den realen Bedürfnissen und akuten Nöten der „Generation Z“ (Geburtsjahrgänge 1997 bis 2012) in Indien begründen. „Ich denke, die Themen, die wir aufgreifen, sind die Herausforderungen, denen Indien heute gegenübersteht“, sagt der CJP-Gründer Abhijeet Dipke dem Podcast der indischen Zeitung „The Hindu“. Die Wut, die dahinterstehe, sei echt, sagt der 30 Jahre alte Inder, der gerade ein Studium an der Universität Boston beendet hat und sich weiter in den USA aufhält. Die jungen Leute hätten das Gefühl, von der Politik ignoriert worden zu sein. „Nehmen Sie irgendeine Partei: Wer spricht eigentlich über diese Generation Z?“, fragt er.Unter Modi sei Indien immer autokratischer gewordenDabei versichert er, nichts von dem gewaltigen Echo geplant zu haben. „Die Menschen haben die Bewegung selbst in die Hand genommen“, sagt Dipke. „Warum kommen die Kakerlaken nicht zusammen?“, hatte er zu Beginn in den sozialen Medien geschrieben. Ohne es zu ahnen, hatte er damit eine Welle losgetreten. Mittlerweile beschränkt sich die Kritik auch nicht mehr auf einzelne Politikthemen, sondern widmet sich den als autoritär empfundenen Tendenzen der Modi-Regierung, die Indien seit 2014 regiert. Das System sei in den letzten zwölf Jahren von Tag zu Tag autokratischer geworden, sagt Dipke. „Ich habe es satt, zusehen zu müssen, wie Aktivisten festgenommen werden, nur weil sie ihre Kritik äußern“, so der Inder.Äußerungen aus der BJP, die Bewegung werde von feindlichen Kräften im verfeindeten Nachbarland Pakistan oder den vorhandenen indischen Oppositionsparteien gesteuert, weist er entschieden zurück. Zwar war Dipke vor seinem Umzug in die USA ein aktives Mitglied der oppositionellen Aam Aadmi Party (AAP). Die Vorwürfe dienten aber allein der Diffamierung der Bewegung, sagt er. Hinter der harten Reaktion der Behörden und BJP-Anhänger stecke seiner Meinung nach die Angst, dass die Jugend eines Tages auf die Straße gehen könnte. In etwa so wie in den vergangenen Jahren in Sri Lanka, Bangladesch und Nepal.In den Nachbarländern hatten die Gen-Z-Proteste zum Sturz der als korrupt und autoritär empfundenen Regierungen geführt. Dipke versichert, dass die Kakerlaken-Bewegung den Wandel nur durch friedlichen Protest und auf demokratischem Wege erreichen wolle. Ob das auch die Gründung einer echten Partei beinhalten würde, ließ er allerdings offen. In jedem Fall rechnet er mit starkem Gegenwind aus dem politischen Establishment in Neu Delhi. Schon jetzt seien er und seine Familie im Internet Drohungen ausgesetzt. „Ich bin mir ziemlich sicher, dass es in dem Moment, in dem ich in Indien lande, viele rechtliche Probleme für mich geben wird“, sagt Dipke. Darauf habe er sich mental schon vorbereitet.