PfadnavigationHomePolitikAusland„Cockroach Janta Party“Warum Indiens Jugend rebelliert – und sich ausgerechnet mit Kakerlaken behilftStand: 16.06.2026Lesedauer: 5 MinutenParteigründer Abhijeet Dipke bei einer Veranstaltung der Cockroach Janta Party (CJP) in DelhiQuelle: AFP/ARUN SANKAREin Richter in Indien hat die Jugend als „Parasiten“ beschimpft. Daraufhin formierte sich eine wütende Bewegung, die gegen das skandalumwitterte Bildungssystem aufbegehrt. Wie gefährlich solche Aufstände für Regierungen werden können, zeigte sich in Indiens Nachbarschaft.Die jungen Menschen kamen mit einer Rose und der indischen Verfassung, um ihre friedliche Absicht zu zeigen. Umringt von einem starken Polizeiaufgebot versammelten sich Anfang Juni in Delhi erstmals Anhänger der Cockroach Janta Party zu einem öffentlichen Protest. Was wenige Wochen zuvor als satirischer Einfall im Internet begonnen hatte, hat sich inzwischen zu einer Massenbewegung entwickelt. Ihr Gründer Abhijeet Dipke forderte den Rücktritt von Bildungsminister Dharmendra Pradhan und erklärte, er sei bereit, für die Bewegung seine Freiheit zu opfern. „Aus dem Witz haben wir eine Revolution gemacht“, rief er der Menge zu.Binnen weniger Wochen hat die Cockroach Janta Party (CJP), ein Wortspiel auf Narendra Modis regierende BJP, mehr als 22 Millionen Anhänger auf Instagram gewonnen und damit dessen hindunationalistische Partei überflügelt. Die Bewegung bündelt die Wut einer Generation, die trotz soliden Wirtschaftswachstums kaum Arbeit findet.Bei der Veranstaltung in der Hauptstadt trugen die jungen Menschen ihren Frust erstmals auf die Straße. Modis Regierung wird sehr genau beobachten, ob die Bewegung nur kurzfristig von der Schwäche der etablierten Opposition profitiert, die keine Sprache für die Jugend findet, oder sich zu einer ernstzunehmenden Oppositionsbewegung entwickelt. Beobachter stellen sie in eine Reihe mit den von jungen Menschen getragenen Massenprotesten in Nepal im vergangenen Jahr und in Sri Lanka 2022, die die Regierungen zu Fall brachten.Begonnen hatte alles mit einer Demütigung. Bei einer Anhörung sprach der Oberste Richter Indiens von Jugendlichen, die „wie Kakerlaken“ seien, keine Anstellung fänden und als „Parasiten“ der Gesellschaft lebten. Dipke, ein indischstämmiger Absolvent der Boston University, der in den USA lebt, fragte daraufhin sarkastisch auf der Plattform X, was wohl geschehe, „wenn sich alle Kakerlaken zusammentun“. Die Resonanz war überwältigend, Dipke hatte einen Nerv getroffen. Aus dem Spott wurde binnen Tagen eine Bewegung mit eigener Website und einem bissigen Manifest. Ihr Name: Eine Anspielung auf die Beleidigung des Richters. Cockroach ist das englische Wort für Kakerlake, Janta kommt aus dem Hindi und bedeutet „Volk“. Cockroach Janta Party bedeutet also etwa „Kakerlaken-Volkspartei“. Studenten unter DruckDie für ihre Intoleranz gegenüber Kritik bekannte Modi-Regierung versuchte, den Account der Gruppe auf X unter Verweis auf die nationale Sicherheit sperren zu lassen, was die Aufmerksamkeit nur weiter anheizte. Die Gründe für die Wut vieler junger Inder lassen sich nicht wegzensieren. Lesen Sie auchNach einer aktuellen Erhebung sind fast 40 Prozent der indischen Hochschulabsolventen unter 25 Jahren ohne Arbeit. Dazu kommt ein nationales Prüfungswesen, das die Jugend zermürbt und immer wieder wegen Leaks in die Schlagzeilen gerät. Bei der diesjährigen Medizineraufnahmeprüfung, bei der mehr als zwei Millionen Bewerber um rund 130.000 Plätze konkurrieren, sickerten die Aufgaben an den Meistbietenden durch, sodass der Test annulliert und wiederholt werden musste. Darunter leidet das Vertrauen in das staatliche Bildungswesen. In Indien wird inzwischen eine Summe für private Nachhilfe ausgegeben, die höher ist als der staatliche Hochschuletat. Laut einer umfassenden Bildungsstudie besucht mehr als ein Drittel der Schüler Privatschulen. Viele Eltern nehmen hohe Schulden auf, um ihren Kindern die begehrten Studienplätze in Medizin, Ingenieurwesen oder im Staatsdienst zu sichern. Der Druck wird auch mit einer wachsenden Zahl von Suiziden in Verbindung gebracht. Laut einem Bericht des National Crime Records Bureau aus dem vergangenen Jahr verübten 2022 rund 13.000 Studenten Selbstmord, das entsprach 7,6 Prozent aller registrierten Suizide im Land.„Die Jugend wird kämpfen“Diesen Zuständen wollen sich viele junge Inder offenbar nicht mehr widerstandslos ausliefern. „Die Jugend dieses Landes wird sich nicht mehr fürchten, sie wird kämpfen“, rief Dipke, der für die Proteste aus den USA nach Indien kam und nach eigenen Angaben bereit ist, für seinen Widerstand ins Gefängnis zu gehen. Viele seiner Anhänger wissen wohl, dass sie einen Kampf von David gegen Goliath führen. Menschenrechtsorganisationen werfen Modis Regierung unter anderem vor, Oppositionspolitiker, Aktivisten und kritische Medien unter Druck zu setzen.Die Lücke zwischen dem selbstbewussten Auftreten und der tatsächlichen Präsenz der Bewegung war bei der Veranstaltung in Delhi sichtbar. Den Millionen, die der CJP folgen, standen auf der Straße nur einige Tausend Menschen gegenüber. Die einen sahen darin womöglich einen ermutigenden Anfang, andere dürften enttäuscht gewesen sein.Die Optimisten finden Vorbilder für erfolgreiche Bewegungen in der unmittelbaren Nachbarschaft: In Sri Lanka stürmten 2022 überwiegend junge Demonstranten den Präsidentenpalast und zwangen das Staatsoberhaupt zur Flucht, als das Land in einer schweren Wirtschaftskrise versank. In Bangladesch trieb im Sommer 2024 ein studentisch getragener Aufstand die langjährige Premierministerin Sheikh Hasina aus dem Amt und ins Exil, obwohl sie mit zunehmend autoritärer Hand regiert hatte. In Nepal trat der Regierungschef im September 2025 zurück, nachdem die Regierung versucht hatte, soziale Netzwerke zu sperren, und sich der angestaute Zorn über Korruption und Vetternwirtschaft auf der Straße entlud.Was diese Aufstände bisher von der Cockroach Janta Party in Indien unterscheidet, ist der Umstand, dass aus der digitalen Empörung eine Bewegung mit Organisation und Führung erwuchs. So weit ist die indische Partei CJP noch nicht, die erst noch beweisen muss, ob aus dem Netzphänomen eine wirkmächtige politische Kraft wird. Dipke versuchte, seine Anhänger zu ermutigen: „Für die Regierung sind wir vielleicht Insekten“, sagte er, „aber wir leben und können für unsere Rechte kämpfen.“Christina zur Nedden berichtet im Auftrag von WELT seit 2022 aus Asien.