Indiens satirische „Kakerlaken-Partei“ versucht den Sprung vom Onlinephänomen zur realen Protestbewegung. Zum ersten Mal haben sich unter dem Symbol der Küchenschabe am Samstag Hunderte junge Leute im Zentrum der Hauptstadt Neu Delhi zu einer Demonstration zusammengefunden. Die Demonstranten forderten den Rücktritt des Erziehungsministers Dharmendra Pradhan. Der Grund dafür sind Unregelmäßigkeiten bei den jüngsten Aufnahmeprüfungen für die Universitäten und eine allgemeine Unzufriedenheit mit dem Bildungssystem.Eigens aus den USA für den Protest angereist war der „Gründer“ der Bewegung, Abhijeet Dipke, der erst vor wenigen Wochen die Homepage der Cockroach Janta Party (CJP) ins Leben gerufen hatte. Die junge Onlinebewegung war entstanden, nachdem Indiens Oberster Richter Surya Kant bei einer Anhörung jugendliche Aktivisten mit „Kakerlaken“ und „Parasiten“ verglichen hatte. Darauf waren zahllose Memes und Parodien entstanden, in denen sich die jungen Menschen mit den Küchenschaben identifizierten.„Es ist an der Zeit, diesen kleinen Scherz in eine Revolution zu verwandeln“, hatte die CJP verkündet. Die lokale Presse berichtete von starken Sicherheitsvorkehrungen im Umfeld der Demonstration. Die Behörden hatten den kurzfristig anberaumten Protest in letzter Minute genehmigt. Befürchtungen, dass der 30 Jahre alte Dipke nach seiner Ankunft in Indien in Haft genommen werden könnte, hatten sich nicht bewahrheitet. Aus Sicherheitsgründen hatte die Polizei am Samstag aber vorübergehend sechs Gegendemonstranten festgenommen.Probleme im Bildungssystem sind ein Kernthema der BewegungAuf Fotos und Videos von der Demonstration waren Protestteilnehmer zu sehen, die Kakerlaken-Masken trugen sowie Poster mit den Bildern der Küchenschabe und den Symbolen der CJP hochhielten. Einige hatten als Zeichen des Protests Schulbücher mitgebracht und Blumen an Polizisten verteilt. Andere trugen die indische Nationalflagge und Bilder des „Vaters der indischen Verfassung“, Bhimrao Ramji Ambedkar, mit sich. Unter Ambedkars Einfluss war das Grundrecht der freien und gleichberechtigten Bildung einst in die Verfassung aufgenommen worden.Für die Protestbewegung, die auf Instagram mit 22 Millionen sogar mehr Follower hat als die regierende Bharatiya Janata Party (BJP), sind die Probleme im Bildungssystem eines ihrer Kernanliegen. So war es insbesondere bei den jüngsten Aufnahmeprüfungen für das Medizinstudium zu Skandalen um durchgestochene Aufgaben, abgesagte Prüfungen und technische Pannen gekommen. Zudem gab es Berichte von Studenten, die dem Prüfungsdruck nicht standhielten und sich das Leben genommen hatten.„Die Regierung sollte die Studierenden schützen und dafür sorgen, dass ihre berufliche Laufbahn nicht durch solche Kontroversen ruiniert wird“, sagte ein Schüler mit dem Namen Advait, der selbst an dem Protest teilnahm, der Agentur PTI. Der Student Saurabh Gurjar, der über mehrere Hundert Kilometer mit dem Bus angereist war, sagte: „Was mit den Studenten geschieht, ist falsch. Diejenigen, die lernen, bleiben auf der Strecke, während diejenigen, die Geld zahlen, durchkommen.“Die Partei stellt der Regierung ein siebentägiges UltimatumDas Thema ist explosiv, da Indien derzeit eine hohe Jugendarbeitslosigkeit gerade auch unter Universitätsabsolventen erlebt. Die Partei hat der Regierung ein siebentägiges Ultimatum gestellt, in dem sie den Bildungsminister entlassen soll. Andernfalls will sie in einer Woche erneut in Neu Delhi protestieren. Die Demonstranten hatten sich am Samstag auch nicht von Temperaturen von mehr als 40 Grad in der Hauptstadt abhalten lassen.Wie sehr die Regierung von Ministerpräsident Narendra Modi die Bewegung fürchtet, zeigt sich unter anderem an der Sperrung des Accounts der fiktiven „Partei“ auf der Plattform X für Nutzer in Indien. Auch andere Internetauftritte der Bewegung waren vorübergehend gesperrt worden.Die Bewegung hatte unter anderem eine in ihren Augen zunehmend autoritär agierende Regierung, Einschränkungen der Redefreiheit und steigende Preise kritisiert. Einige indische Kommentatoren äußern jedoch Zweifel, dass der Sprung der Onlinebewegung in die reale Welt gelingt. Sie rechnen damit, dass sie ähnlich schnell wieder verschwindet, wie sie entstanden ist.
„Kakerlaken-Partei“ protestiert in Indien
Indiens „Küchenschaben“ gehen auf die Straße. Benannt hat sich die Protestbewegung nach der Äußerung eines Richters. Ihr Thema: die Probleme im Bildungssystem.












