Analyse
Tech-Giganten wie SpaceX oder OpenAI streben an die Börse. Aufgeweichte Regeln der Indexanbieter können dazu führen, dass sich die grossen Börsenneulinge überraschend schnell auch in den ETF von Anlegern wiederfinden. Zwar gibt es einen Ausweg. Doch der will wohlüberlegt sein. Ob es ihn wurmt, ist nicht überliefert. Burton Malkiel, geistiger Vater der populären Exchange Traded Funds (ETF), wird das Zitat zugeschrieben, nicht die Aktienkurse seien kapriziös, sondern die Nachrichten. Für einige Schlagzeilen sorgt derzeit SpaceX. Vergangene Woche hat Gründer und CEO Elon Musk angekündigt, dass er das Raumfahrtsunternehmen bereits Mitte Juni an die Börse bringen will, wohl auch um OpenAI und Anthropic zuvorzukommen.Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen
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Bitte passen Sie die Einstellungen an.Genau das dürfte die Kernidee der ETF strapazieren. Anleger sollten darüber nachdenken, ob sie das mitgehen oder einen anderen Weg beschreiten wollen.Grosse Börsengänge schlagen grosse WellenSpaceX peilt eine Bewertung von 1750 Mrd. $ an, was einem raketengleichen Start in die Liga der zehn wertvollsten Konzerne entsprechen würde. Auch andere grosse Tech-Unternehmen wie Claude-Erfinder Anthropic oder OpenAI, das hinter ChatGPT steckt, machen sich für den Börsengang bereit, ebenso das Softwareunternehmen Databricks. Es bietet unter anderem eine Datenanalyseplattform, die für die Anwendung künstlicher Intelligenz (KI) wichtig ist.Von einer «Sintflut» schreiben die Analysten von Bank of America in einer kürzlich erschienenen Studie («Active managers’ holdings update»).Das dürfte erst der Anfang sein. Die Anzahl grosser IPO (Initial Public Offering) könnte weiter zunehmen, sagt Jan Tachtler, Leiter der Fonds- und Managerselektion bei HQ Trust. Die Logik dahinter: Weil Unternehmen längere Zeit in privater Hand bleiben, kommen sie im historischen Vergleich deutlich später an die Börse. In dieser Zeit können sie wachsen.Eine Untersuchung des Beratungshauses EY stützt diese Prognose. Im ersten Quartal 2026 gab es weltweit 232 IPO. Das sind weniger Transaktionen als im ersten Quartal 2025 (300). Dafür aber haben die Börsengänge ein grösseres Volumen. In den ersten drei Monaten des Jahres lag das Gesamtvolumen bei 41 Mrd. $ (im ersten Quartal 2025 bei 30 Mrd.).Nach dem Börsengang ist vor der IndexanpassungWenn ein Unternehmen an die Börse geht, wird es in der Regel nach einer Weile in Indizes aufgenommen. Immerhin sollen diese ein realistisches Abbild des jeweiligen Marktes liefern. Welche Bedingungen die kotierten Unternehmen dazu erfüllen müssen, bestimmen die Indexanbieter. Bislang lagen zwischen IPO und Indexanpassung drei bis zwölf Monate.Das deutsche Marinerüstungsunternehmen TKMS beispielsweise kam im Oktober 2025 an die Börse und wurde im Januar 2026 in den MDax aufgenommen. Bei den grossen US-Indizes galten bisher härtere Kriterien. Bei Tesla etwa lagen zwischen Börsengang und Aufnahme in den S&P 500 rund zehn Jahre.Die regulatorische Logik war bisher klar: Jeder Neuling soll sich an der Börse erst einmal beweisen.Im Fall von SpaceX soll das anders sein. Der Indexanbieter und Börsenbetreiber Nasdaq hat zum 1. Mai seine Regeln geändert. Nun kann die Firma von Elon Musk auf der «Fast Track», der Überholspur, schon nach fünfzehn Handelstagen in den Nasdaq 100 aufgenommen werden. Zuvor musste ein Unternehmen dafür mindestens drei Monate an der Börse gehandelt worden sein.Darüber hinaus gibt es eine weitere Veränderung, die den Weg in die Indizes vereinfacht. Börsenneulinge mussten bislang einen Streubesitz von mindestens 10% aufweisen. So sollte sichergestellt werden, dass die Aktien jederzeit handelbar sind. Auch diese Regelung ist seit dem 1. Mai Geschichte. An deren Stelle tritt eine Rechnung: Liegt der Free Float eines Unternehmens unter 20%, wird er für die Indexberechnung verdreifacht. Ein Unternehmen mit einem Free Float von 5% erhielte also ein Gewicht, wie es einem Free Float von 15% entspräche.«Die Regelwerksänderungen zeigen, dass der Nasdaq 100 kein neutrales Marktbarometer, sondern ein Börsenbetreiberindex im Wettbewerb um neue Listings ist», sagt Christian W. Röhl, Chief Economist von Scalable Capital. Der Wettbewerbsdruck im Indexgeschäft sei intensiv, und grosse Börsengänge liessen sich kaum ein Jahr lang ignorieren, ergänzt Tachtler von HQ Trust.Auch andere Index-Provider denken darüber nach, die Zügel beim Börsengang zu lockern. Bei S&P Dow Jones Indices sinnt man zum Beispiel darüber nach, die Zeit zwischen Gross-IPO und Indexaufnahme von zwölf auf sechs Monate zu verkürzen. Ähnliche Überlegungen gibt es bei FTSE Russell. Mit der potenziell schnelleren Aufnahme einer Aktie in einen Index müsse sich jeder Indexanbieter beschäftigen, so Tachtler. Baki Irmak, Fondsmanager vom Digital Leaders Fund, urteilt. «Die Welt wird heute in Echtzeit neu verteilt, und die Indizes versuchen, mit dieser Geschwindigkeit Schritt zu halten.»Veränderter Index, veränderte ETFDas wiederum hat Folgen für Exchange Traded Funds (ETF), die den Index abbilden. Ändert sich dessen Zusammensetzung, muss auch der ETF angepasst werden. Das wiederum betrifft deren Anleger. Und das sind viele: allein in den USA stecken in ETF auf den Nasdaq 100 rund 576 Mrd. $, rechnet der Morningstar-Analyst Zachary Evens vor.In den USA werden fast 60% des Vermögens passiv verwaltet Verhältnis zwischen aktiv (dunkelblau) und passiv investiertem Vermögen in den USA seit 2009 Quelle. BofA Auch in Europa sind ETF ein Wachstumsmarkt. 2024 steckten in zugelassenen Aktien-ETF 1565 Mrd. €. 2025 waren es dann schon 1969 Mrd. €, notiert das European ETF Industry Yearbook. Gerade ETF auf Technologieindizes, die derzeit besonders gut laufen, sind beliebt.Durch die neuen Regeln dürfte es zu Verschiebungen kommen. Zum einen sorgt eine schnelle Aufnahme dafür, dass Unternehmen ohne Börsenhistorie in einem ETF landen. Und dies unabhängig davon, ob die Bewertung gerechtfertigt ist oder nicht, kritisiert Ortay Gelen, Wealth Manager beim Vermögensverwalter AXIA Asset Management, der auch ETF verwendet. «Die Bewertung, mit denen SpaceX, OpenAI und Anthropic an die Börse streben, liegt teilweise bei einem Kurs-Umsatz-Verhältnis von weit über 100. Das ist historisch einmalig.» SpaceX ist sogar hochdefizitär, so dass sich kein KGV errechnen lässt.Zudem wird die ETF-Kernidee der breiten Diversifikation durch das hohe sektorale und regionale Gewicht weiter untergraben. Und auch die Zahl der sehr grossen Unternehmen würde nochmals deutlich steigen, nachdem die Konzentration bereits in den letzten Jahren zugenommen hat.Immer mehr sehr grosse Unternehmen im US-Index Gewicht grosser und kleiner Unternehmen im Benchmark: gross, mehr als 50 Mrd. $ Marktwert (grün), klein, weniger als 50 Mrd. $ (blau) Quelle: Berechnungen von T. Rowe Price unter Verwendung von Daten von FactSet Research Systems Inc. Aussitzen oder aktiv werden?Welche Optionen haben Anleger angesichts dieser Entwicklung?Aussitzen wäre die nächstliegende Möglichkeit. Immerhin spiegelt ein nach Marktkapitalisierung der Unternehmen gewichteter Index nun einmal den Markt, so wie es der Kernidee von Malkiel entspricht. Tatsächlich gibt es Studien wie jene von Mark Kritzman und David Turkington («The Fallacy of Concentration» , der Irrtum der Konzentration), die das nahelegen. Die Wissenschaftler fassen zusammen, dass der untersuchte US-Markt durch das Gewicht der grossen Tech-Aktien zwar konzentrierter geworden sei, nicht aber riskanter.Allerdings ist Big Tech in den letzten Jahren in Summe gut gelaufen. Wenn die Party vorbei ist, «wird die hohe Gewichtung dieser Unternehmen zu einem Verlustbeschleuniger in zahlreichen marktgewichteten ETF mutieren», warnt Torsten Tiedt, Gründer der Finanzplattform Aktienfinder.net.Das gilt besonders für Anleger mit einem Portfolio mit verschiedenen ETF. Es könnte zu Klumpenrisiken kommen, also einer Häufung von Aktien zum Beispiel aus einer Region oder aus einem Sektor wie Technologie. Im schlimmsten Fall landen Anleger damit bei einer «naiven Diversifikation» – einem Portfolio, das zwar viele Werte umfasst, die aber ganz ähnlichen Risiken unterliegen und damit nur scheinbar gestreut sind. Daher sollten Anleger in einem ersten Schritt ihr gesamtes Portfolio durchleuchten.Fundamentale Kriterien als AlternativeEin zweiter Schritt wäre es, über Alternativen nachzudenken. Detlef Glow, Leiter des Lipper ETF Research beim Finanzdienstleister LSEG D&A, sagt: «Um eine Investition in neue Indexkomponenten mit einer schwachen Bilanz oder fehlender Profitabilität zu vermeiden, bietet es sich an, einen Index mit strengeren Aufnahmekriterien zu wählen.»Quality-ETF zählen dazu. Diese Produktkategorie filtert den Markt anhand bestimmter Kriterien wie Eigenkapitalrendite, Bilanzstärke oder Profitabilität. «Da viele Mega-Börsengänge der aktuellen Welle keine Gewinne ausweisen, würden sie entsprechende Quality-Filter kurzfristig nicht passieren», sagt Gelen von AXIA Asset Management. Der Wisdom Tree Global Quality Dividend Growth hat zusätzlich zur Bedingung, dass im Vorjahr eine Dividende gezahlt wurde. Beim Xtrackers MSCI World Value wiederum filtert der zu Grunde liegende Index seine Mitglieder nach der Bewertung zum Buchwert, Gewinn und Cashflow.In der vergangenen Dekade gelang es allerdings keinem der nach fundamentalen Kriterien gewichteten Rivalen, die Standardversion des MSCI World zu schlagen. Beim Xtrackers MSCI World Value hinkten Anleger seit 2020 sehr weit hinter dem Standardindex hinterher. Die Aufholjagd des Value-ETF seit Anfang 2025 gelang nicht zuletzt durch die hohe Gewichtung der Chiphersteller Micron und Intel, die inzwischen zusammen mehr als 15% des Kapitals auf sich vereinen.Ausserdem stellt sich die Frage, wie prinzipienfest manche ETF-Anbieter und die Indexbetreiber, an denen sie sich orientieren, bei einer langjährigen Underperformance sind. «Wenn Indexanbieter bereit sind, ihre Aufnahmeregeln für grosse Emittenten zu lockern – wie wir es gerade erleben –, dann können auch Qualitätsdefinitionen weichen», bangt Gelen. S&P Dow Jones Indices beispielsweise erwägt, Mega-Cap-Unternehmen von den Profitabilitätsanforderungen auszunehmen. «Was heute als Qualitätskriterium gilt, ist also kein unveränderliches Schutzschild.»Eine weitere Alternative bieten ETF, die auf gleichgewichteten Indizes beruhen. So wird die Dominanz einzelner Mega-Caps automatisch begrenzt. Bei der gleichgewichteten Variante des MSCI World von Invesco hat der Chiphersteller Intel auch nach dem jüngsten Kursanstieg nur ein Gewicht von 0,2%.Allerdings läuft der MSCI Equal Weight Index dem herkömmlichen Börsenbarometer hinterher – unter anderem, weil Technologie deutlich geringer vertreten ist.Gleichgewichtete ETF bieten eine Möglichkeit, darauf zu setzen, dass der Rest des Markts den weit vorausgepreschten Chipaktien nacheilen wird. Hedgefondsmanager Stanley Druckenmiller zum Beispiel hielt im ersten Quartal Call-Optionen auf eine Equal-Weight-Variante des S&P 500 von Invesco.Eine andere Lehre aus der jüngsten Entwicklung lautet: «Passive Anleger sollten sich bewusst sein, dass passiv nicht neutral bedeutet», sagt Vermögensverwalter Gelen. «Wenn Indexbetreiber ihre Methodik auf Druck einzelner Emittenten anpassen, trägt die passive Hülle aktive und kaum kommunizierte Risiken in sich.» Wer das nicht wolle, muss den Index bewusst wählen und nicht einfach dem bekanntesten Namen folgen.Ein aktiver Entscheid, wie er vielleicht nicht ganz der Vision von Malkiel entspräche. Doch die Entwicklung sollte zumindest Anlass sein, das eigene Portfolio zu überprüfen und die Frage zu stellen, ob es auch künftig den eigenen Vorstellungen entspricht.











