Mit Pferdestärken jagen sie das Glück – wie Michael Schumachers Kinder aus dem Schatten des Vaters treten wollenMick Schumacher fährt Indy-Car-Rennen, über seine Schwester Gina, eine Westernreiterin, ist eben eine Dokumentation erschienen. Die beiden gehen unterschiedliche Wege, doch ihr Ziel ist dasselbe: als eigenständige Menschen wahrgenommen zu werden. Das gelingt unterschiedlich gut.Elmar Brümmer24.05.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenHat im Westernreiten ihre Leidenschaft gefunden: Gina Schumacher, im Hintergrund ihr Mann Iain Bethke.PD/ZDFKinder von Prominenten haben oft eines gemeinsam: Sie wollen den grossen Nachnamen kraft der eigenen Leistung vergessen lassen. Das gilt auch für die Sprösslinge des früheren Formel-1-Rekordweltmeisters Michael Schumacher.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der Weg führt Mick Schumacher, den 27-jährigen Sohn, vor dem Pfingstwochenende schnurstracks in einen Stall, um einer Kuh möglichst viel Milch zu entlocken. Es ist ein Ritual, das alle Neulinge bei den 500 Meilen von Indianapolis durchlaufen müssen, denn beim wichtigsten Autorennen auf dem nordamerikanischen Kontinent bekommt der Sieger traditionell eine Flasche Milch. Melken als gutes Omen vor einem nicht ungefährlichen Spektakel mit 700 PS starken Rennwagen und einem Spitzentempo von 390 km/h.Für den Deutschen ist der Start beim Rennklassiker eine Zwischenstation. Nach erfolglosen Anfangsjahren in der Formel 1, wo er am Material, aber auch an der Mentalität scheiterte, und einem Intermezzo auf der Langstrecke sucht er bei den Indy-Cars eine neue Herausforderung, aber auch die Versöhnung mit dem Motorsport. Dafür hat er den Sprung von seinem Wohnort am Lac Léman nach Übersee gewagt.Die Stille um Michael SchumacherEr folgt damit der Reiseroute seiner zwei Jahre älteren Schwester Gina, die schon seit einiger Zeit in den USA heimisch ist und dort erfolgreich ihren sportlichen Ambitionen nachjagt – mit einer Pferdestärke. Sie gilt als eine der besten Westernreiterinnen der Welt, wurde im vergangenen Sommer nach einer kurzen Babypause Weltmeisterin im Einzel und mit der deutschen Mannschaft in der Sportart Reining, einer Art Dressurvariante des Westernreitens, bei der Reiter und Pferd eine Reihe präziser Bewegungen ausführen.Gina Schumacher hat sich früh im Rodeo-Mekka Nordamerika etabliert und wiederholt die Qualifikation für das Profiturnier «Run for a Million» geschafft, bei dem es in Las Vegas um eine Rekordsumme von einer Million Dollar geht. In diesem Fall gilt: wie die Mutter, so die Tochter. Corinna Schumacher unterhält in Givrins (VD) eine Ranch, nicht als Hobby, sondern als Unternehmen. Gina Schumacher züchtet und reitet die Reining-Pferde auf der Ranch im texanischen Gordonville. Auf dem Gelände hat auch der Bruder Mick ein Haus gebaut, das er gerade um ein Fitnessstudio erweitert.Fernab der Aufmerksamkeit, die in Europa immer noch um die Rennfahrer-Legende Michael Schumacher herrscht, finden die beiden Kinder im abgeschiedenen Texas Ruhe. Schumacher ist nach seinem schweren Skiunfall im Dezember 2013 nicht mehr in der Öffentlichkeit aufgetreten, seine Privatsphäre wird konsequent geschützt. Das Schicksal ihres Vaters hat die Karrieren der beiden Kinder tangiert, auch wenn sie sich das selten anmerken lassen. Mick Schumacher, sonst mit einem gelben Helm unterwegs, fährt ihm zu Ehren am Sonntag in Indianapolis mit der in der Formel 1 berühmt gewordenen roten Lackierung seines Dads.Gina Schumacher spricht in der neuen ZDF-Dokumentation «Pferdestärke» darüber, wie sie mit dem Unfall umgegangen sei. Sie sagt, sie habe irgendetwas machen müssen. Deshalb habe sie sich so reingehängt, die Pferde hätten ihr geholfen, «das alles durchzustehen».Das hat sie auch für den Wettbewerb gestählt. Corinna Schumacher erzählt in dem 43-minütigen Film, wie sie von ihrer Tochter bei einem Reitwettbewerb geschlagen wurde und ihr Mann daraufhin gesagt habe: «Sie ist besser als du, weil sie egoistischer ist. So musst du sein, sonst wirst du nichts.» Heute wisse sie, dass er mit dieser Einschätzung recht gehabt habe. Das sieht auch Sabine Kehm, die das Schumacher-Management leitet, so: «Diesen Fokus und diesen Tunnelblick kenne ich auch von Michael. Ich glaube, dass Gina das Wettkampf-Gen von ihm hat.» Die Reiterin hat ihre Identität über den Sport gefunden und mit den Pferden einen Lebensinhalt.Ihr Bruder hat in seinen beiden Jahren beim damaligen Hinterbänkler-Formel-1-Rennstall Haas stark unter dem ewigen Vergleich mit seinem Vater gelitten. Man kann nur spekulieren, welchen Verlauf seine Karriere genommen hätte, wenn Michael Schumacher aktiv an der Rennstrecke dabei gewesen wäre, wie es beispielsweise bei Max Verstappen dessen Vater Jos tat und tut. Der Neustart in dieser Saison bei den Indy-Cars, die eine ganz andere Fahrweise erfordern, ist auch der fortgesetzte Versuch einer Emanzipation.In der Formel 1 gescheitert: Mick Schumacher.Andreas Beil / ImagoMick Schumacher will nicht nur Frieden mit seiner Sportart schliessen, in seiner Debütsaison wäre der wohl wichtigste Erfolg, die Freude am eigenen Tun zurückzugewinnen. Der Teamchef Bobby Rahal sagt über seinen neuen Schützling: «Da kam kein arroganter Rennfahrer, sondern ein bodenständiger, fleissiger Mann, der einfach arbeiten will.»Umgekehrt ist Schumacher angetan von einer ursprünglicheren Rennwelt, als er sie aus der Formel 1 kannte. Im amerikanischen Motorsport werde nicht blind nur den Daten und den Ingenieuren geglaubt, sondern auch auf den Fahrer gehört. Die neue Umgebung und die grössere Gelassenheit änderten aber nichts an seinem Eifer: «Es gibt Leute da draussen, die mir extremen Druck auferlegen wollen. Aber am Ende des Tages wird das nie an jenen Druck heranreichen, den ich mir selbst auferlege.»Die Schumachers sind omnipräsentDas TV-Porträt von Gina Schumacher ist nicht der einzige Fernsehauftritt aus dem Kreis der Familie Schumacher in diesem Jahr. Über Mick Schumacher ist bei Sky eine kurze Dokumentation mit dem Titel «Faszination Indy 500» zu sehen, und bei dem deutschen Sender ist gerade auch ein Vierteiler über die Hochzeit seines Onkels Ralf Schumacher angelaufen («Wir sagen Ja»). Netflix wird später im Jahr die Miniserie «Schumacher ’94» streamen, eine Dokumentation, in der es um Schumachers sportliche Schicksalssaison in der Formel 1 geht.Eine Doku erzählt vom Leben der Tochter: «Pferdestärke – Die Welt der Gina Schumacher».PD / ZDF / Picture Alliance / Gladys ChaiGegenüber dem ZDF hat Gina Schumacher ihren Ehrgeiz auch damit erklärt, «nie nur die Tochter von Michael Schumacher» sein zu wollen. Dieser ständige Kampf um die eigene Persönlichkeit rückt jeweils schnell in den Hintergrund, wenn sich hinter ihr und ihrem deutschen Mann Iain Bethke, einem ehemaligen Springreiter, die Tore der texanischen Ranch schliessen. Gina Schumacher sagt: «Wenn ich bei den Pferden bin, ist alles ruhig.» Eine eigene Welt, in der die Leidenschaft zählt, nicht die Prominenz.Das ist es, was auch Mick Schumacher sucht. Einen Anfang macht er im Cockpit seines Rahal-Honda: «Wenn ich meinen Helm aufsetze und angeschnallt werde, kommt der Moment, wo alles um mich herum, aber auch in mir verstummt.» Dann spüre er die Bereitschaft, alles zu riskieren.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel