Das Wort, mit dem er nach seinen ersten Runden im Training und in der Qualifikation die Rennstrecke charakterisierte, klang respektvoll. Der Motor Speedway von Indianapolis, obwohl ein simples Layout mit zwei Geraden und vier überhöhten Kurven, sagte Mick Schumacher vor ein paar Tagen in der Sprache der Amerikaner, sei „iconic“.Das Adjektiv, das im Alltag der Menschen in den Vereinigten Staaten zwischen legendär, einzigartig, klassisch und herausragend changiert, wirkte deshalb gleichzeitig reichlich vielsagend.Mick Schumacher fährt erstmals das Indianapolis 500 auf dem Indianapolis Motor Speedway.dpaVielleicht hatte die Wortwahl damit zu tun, dass sich der 27-jährige Indycar-Rookie zu diesem Zeitpunkt zwar einen Startplatz im Feld des größten Motorsportspektakels der Vereinigten Staaten gesichert hatte, des Indy 500, das am Sonntag zum 110. Mal auf der 4,023 Kilometer langen Asphaltpiste ausgetragen wird. Aber dass er gleichzeitig bis dahin allenfalls mit 50 Prozent der Herausforderungen Bekanntschaft gemacht hatte, die einem das Rennen in den Weg stellt. Gesamtdistanz? Etwas mehr als 800 Kilometer. Durchschnittsgeschwindigkeit? Bis zu 300 Kilometer pro Stunde.Nervenkitzel als AttraktionStatt einer ständigen Jagd um Positionen im Feld, oft Rad an Rad oder im Windschatten, hatte er in der Qualifikation und in den meisten Trainingsessions seine Runden mit dem Dallara-Honda Nummer 47 allein auf weiter Flur gezogen. Ein Rennen gegen die Uhr, ohne taktische Überlegungen zu Tank- und Reifenstopps. Und ein Leistungstest ohne den mentalen Druck des Rennens. Im Rennen fährt die Sorge mit, weil gefährliche Karambolagen nicht selten sind. Sie führen mitunter ohne eigenes Verschulden zu heftigen Einschlägen in die rund ein Meter hohe Betonmauer am Rande der Strecke, zum Abflug in die Fangnetze, die seit ein paar Jahrzehnten die Zuschauer schützen.Dieser Nervenkitzel ist die eigentliche Attraktion dieses berühmt-berüchtigten Rennens, das jedes Jahr bis zu 350.000 Neugierige an die Strecke lockt. Und nicht nur die Überholmanöver und die ständigen Wechsel an der Spitze. Der Rekord steht bei 68 im Jahr 2013. Mick Schumachers Prioritäten in Indianapolis, wo er am Sonntag von Platz 27 in der drittletzten Reihe zu seinem siebten Indycar-Rennen antritt, sind andere. Der Speedway ist nämlich für wichtige Erfahrungen gut, sagte er vor ein paar Tagen: „Je mehr Runden, desto besser für mich.“Der Teufel steckt in zahlreichen Details. Zum Beispiel ist beim Indy 500 der Wind ein gewöhnungsbedürftiges Element auch für den ehemaligen Formel-1-Piloten: „Der wechselt da draußen ständig. Und das fühlt sich manchmal etwas schwummrig an. Wir fahren so schnell. Und diese Wagen haben kleine Flügel. Jedes Detail kann einen Einfluss haben.“ Ein Grund, weshalb niemand der Verantwortlichen in Schumachers Rahal Letterman Lanigan Racing Team dem Deutschen zusätzlichen Druck macht. „Der beste Ratschlag war einfach“, verriet Schumacher, „egal, ob du dich wohlfühlst oder nicht, versuche nicht, etwas zu erzwingen.“ Trotzdem bleibt die Aufgabe: „Schneller werden.“ Zumindest sukzessive.Schumacher trifft im Feld der mit 33 äthanolgetriebenen Boliden auf eine Reihe von ehemaligen Formel-1-Piloten. Darunter auf den Spanier Alex Palou, einen ehemaligen McLaren-Ersatzmann, der am Wochenende in der mehrstufigen Qualifikation zur Poleposition raste.Ebenfalls dabei: der zweimalige Indianapolis-Gewinner Takuma Sato, ein Teamgefährte von Schumacher bei Rahal Letterman Lanigan Racing. Sato kreiste vor zwanzig Jahren im Auto von drei Formel-1-Teams. Der Japaner ist mit seinen 49 Jahren nicht mal der älteste Fahrer im Feld. Diese Liste führt der Brasilianer Hélio Castroneves (Meyer Shank Racing) mit 51 an, mit vier Indy-500-Erfolgen der erfolgreichste Teilnehmer.Außerdem fährt wieder der Amerikaner Alexander Rossi mit, der Sieger von 2016, der beim Training am Montag in der zweiten Kurve mit seinem Chevrolet ins Schleudern kam, in die Mauer prallte und von Pato O’Ward gerammt wurde. Er zog sich bei dem spektakulären Unfall leichtere Verletzungen am kleinen Finger der linken Hand und am rechten Knöchel zu. Solche Blessuren halten ihn nicht ab, den zweiten Indianapolis-Sieg in seiner Karriere anzupeilen: „Wir sehen uns alle am Sonntag“, kündigte er an.