Immer dann, wenn sich die Rennfahrer der nordamerikanischen Indycar-Serie für ihren Job rechtfertigen müssen, sagen sie: Was wir tun, ist noch Handwerk. Keine Servolenkung zum Beispiel, das geht in die Arme. Ein paar hundert Runden im Kreis mit vollem Tempo, da dreht sich irgendwann der Kopf mit. Solche Argumente kommen meist, wenn ein Grand Prix in der Formel 1 und die 500 Meilen von Indianapolis mal wieder auf denselben Sonntag fallen. An Pfingsten fallen sie sogar auf einem Kontinent zusammen: Indianapolis, auch „Indy“ genannt, und der Große Preis von Kanada.Auch bemerkenswert: Die Königsklasse verschiebt ihren Rennstart in Montreal nach hinten, um dem größten Eintagesspektakel der Welt aus dem Weg zu gehen. Dass die Boom-Formel freiwillig einen Schritt zurück macht, ist selten. Es ist in Entgegenkommen an die Motorsportfans. Denn den Vergleich mit dem Indycar-Spektakel muss die europäisch geprägte Formel 1 nicht scheuen. Wechselwirkungen zwischen der uralten und der neuen Rennwelt gibt es jedenfalls genügend.Formel 1 in Miami:Das Wunderkind verschiebt die GrenzenAngriffswille, Geschick und ein Auto mit Upgrades: Kimi Antonelli ist nach seinem dritten Sieg in Serie der dominante Fahrer der Formel 1 – und das Selbstbewusstsein des 19-Jährigen wird immer größer.Indy-Debütant Mick Schumacher zum Beispiel legt in diesem Jahr den Link von der einen in die andere Serie. Um im berüchtigten Nudeltopf aus Beton dabei sein zu dürfen, musste Schumacher zunächst einen Tempoführerschein machen, sich gestaffelt an Geschwindigkeiten jenseits der 350 km/h herantasten. Immerhin sind die Steilkurven in Indianapolis nicht mehr mit Backsteinen gepflastert, nur noch ein schmaler Streifen von ihnen dient als Ziellinie. Qualifiziert hat sich der 27-Jährige beim Ausscheidungsfahren auf Startplatz 27, vorletzte Reihe. Das erspart ihm eines der schlimmeren Rituale im Mittleren Westen der USA: Die drei Letzten müssen sich in einer derben Stand-up-Comedy von den Kollegen verspotten lassen. So musste der Neuling lediglich eine Kuh melken. Sie trägt die Startnummer 47 und weist auf den wichtigsten aller Bräuche in Indianapolis hin. Wer nach gut 800 Kilometern siegt, muss einen tiefen Schluck aus einer Milchflasche nehmen.Mick „Milk“ Schumacher schreibt sich aber auch ohne Sieg in die Geschichtsbücher ein: Seit 103 Jahren ist er der erste Deutsche bei den 500 Meilen. Sein Vater Michael Schumacher war im Rahmen des grandios gescheiterten Versuchs, die Faszination Formel 1 nach Indianapolis zu bringen, vor mehr als 20 Jahren nicht sehr diplomatisch gewesen. Als ihm US-Journalisten entlocken wollten, wie viel Gänsehaut er empfinde, durch den heiligen Gral zu rasen, verstand der Rekordweltmeister gar nicht, was sie meinten – und antwortete knapp: keine. Das war nicht der einzige Clash der Kulturen.Da die Formel-1-Autos mit ihrer eigenen Charakteristik nicht für reines Spitzentempo gebaut sind, hatte man den Innenraum des Speedways umgestaltet und nur eine der imposanten überhöhten Kurven einbezogen. Aber schon denen hielten die Michelin-Pneus nicht stand, sodass beim Großen Preis der USA 2005 lediglich sechs Autos mit Bridgestone-Reifen die Farce eines Rennens bestritten. Das Publikum bewarf den Sieger Schumacher mit Bierdosen. Im Jahr davor war Micks Onkel Ralf Schumacher mutmaßlich wegen eines Reifenschadens in Indianapolis lebensgefährlich verunglückt, er zog sich dabei Brüche an der Wirbelsäule zu. Nach sieben Jahren war der Formel-1-Spuk dort wieder vorbei.Heute gehört die Formel 1 dem US-Medienkonzern Liberty Media, und deren Macher waren klug genug, sich nur um Vermarktung und die Show drum herum zu kümmern – was zu Rekordumsätzen im Jahr 2025 von 3,9 Milliarden Dollar führte. Fast alle der 24 Rennen im Jahr sind ausverkauft, dreimal wird in den USA gefahren, je einmal in Mexiko und Kanada. Abgesehen vom 500-Meilen-Spektakel erscheint die Indycar-Meisterschaft da als zweite Liga.Mick Schumacher hat wieder nicht das beste Material – aber wohl die perfekte MentalitätFür Mick Schumacher ist es nach seinem verkorksten Formel-1-Start beim Hinterbänkler-Rennstall Haas ein Neuanfang. Er hat zwar wieder nicht das beste Material, aber wohl die perfekte Mentalität, um jenseits des Atlantiks eine sportliche Heimat zu finden, so wie es seine Schwester Gina als erfolgreiche Westernreiterin schon getan hat. „Da kam kein arroganter Rennfahrer, ganz im Gegenteil. Sondern ein bodenständiger, fleißiger Mann, der einfach arbeiten will“, lobt Mitbesitzer Bobby Rahal vom RLL-Team in einer Sky-Dokumentation. Der Fahrer selbst ist ausgerechnet im Bemühen, sich seinen Spaß am Motorsport nicht verderben lassen, ernster geworden. Er könne in der ganz anderen Rennserie „in sich hineingehen“, sagte er, er schätzt es, dass nicht nur den Daten, sondern auch den Eindrücken des Fahrers gefolgt wird. Will er am Sonntag Erfolg haben, dann benötigt er, so merkwürdig das bei Spitzentempo 390 erscheinen mag, Geduld. Rennen im Oval werden oft erst ganz zum Schluss entschieden.Manchmal führt der Karriereweg auch in die andere Richtung. Als Jacques Villeneuve mit allen Indy-Ehren in die Formel 1 kam, mischte er das Establishment mit seiner Art und Fahrweise auf und bezwang sogar Michael Schumacher im berühmten Crash-Finale 1997 in Jerez. Juan Pablo Montoya wiederum gewann 2000 als Debütant in Indianapolis, wurde dann in der Formel 1 als kommender Weltmeister gehandelt, gewöhnte sich aber nicht an das strikte Regiment bei den Werksrennställen von BMW und Mercedes. Er wechselte in die weniger anspruchsvolle Tourenwagenmeisterschaft Nascar.In den 1950er-Jahren gab es keine scharfe Trennlinie zwischen den beiden Einsitzerserien, wie selbstverständlich gehörte Indianapolis zum Formel-1-Kalender. Die Spezialisierung hatte noch nicht um sich gegriffen, Größen wie Jim Clark, Graham Hill und Jackie Stewart waren hie wie da unterwegs. Von den aktuellen Grand-Prix-Piloten würde nur der Spanier Fernando Alonso am Sonntag lieber im Indycar fahren, statt im hoffnungslosen Aston Martin zu sitzen. Der Branchensenior hat schon mehrfach versucht, sich die sogenannte Triple Crown des Motorsports zu holen; nach Siegen in Monte-Carlo und bei den 24 Stunden von Le Mans fehlt ihm nur der Triumph in Indianapolis.Auf der Pole-Position der diesjährigen 500 Meilen steht übrigens Alonsos Landsmann Alex Palou. Der Vorjahressieger war einst dem Formel-1-Talentspäher Helmut Marko nicht gut genug gewesen. Doch statt sich als gescheitert abstempeln zu lassen, hat er auf den US-Rennstrecken jene Freiheit gewonnen, die Mick Schumacher noch sucht.
Mick Schumacher in der Indycar-Serie: Und dann melkt er eine Kuh
Nach seinen missglückten Formel-1-Versuchen startet Mick Schumacher in der Indycar-Serie – als erster Deutscher seit 103 Jahren.











