Schlange stehen, um eine «Royal Pop» zu kaufen, ist dagegen ein Kinderspiel – wie man den Aufstieg zur «Royal Oak» schafftEin paar Stunden anstehen und dann ein paar Hundert Fränkli auf den Tisch legen? Um die einzig wahre «Royal Oak» von Audemars Piguet zu bekommen, muss man einiges mehr auf sich nehmen.24.05.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenIn dieser Häufung ein seltener Anblick: Die Sängerin Victoria Monet, die Ex-Tennisspielerin Serena Williams und das Model Winnie Harlow (von links) präsentieren an einer Party zum 150. Geburtstag von Audemars Piguet ihre «Royal Oak»-Uhren. Das Fest standesgemäss ausgerichtet hat «Vogue» am 25. Mai 2025 in Los Angeles.Stefanie Keenan / GettyVielleicht haben Sie es ja geschafft und sich tatsächlich eine «Royal Pop» ergattert, die aus der Kooperation von Swatch mit Audemars Piguet (AP) entstanden ist und seit bald zwei Wochen Uhrenfans weltweit in Wallung versetzt. Wenn Sie Ihrer Sammlung nun auch das Original von AP hinzufügen möchten, dann trennen Sie am besten den übernächsten Abschnitt aus der NZZ am Sonntag heraus.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Er ist eine Art Spickzettel. Bewahren Sie ihn auf und studieren Sie ihn regelmässig. Er zählt Fakten und Vermutungen auf, die Ihnen Orientierung und Halt geben, damit Sie dereinst eine «Royal Oak» Ihr eigen nennen dürfen. Am besten, Sie lassen den Zettel laminieren. Denn es wird Jahre dauern, bis es so weit ist. Und Sie werden auf dem langen, steinigen Weg dorthin Tränen vergiessen. Ein paar Stunden Schlange stehen und dann ein paar Hunderter liegen lassen, um eine «Royal Pop» zu erstehen, ist dagegen ein Kinderspiel. Doch zur Sache, hier fünf Sätze, die Sie sich merken sollten:• X Millionen sind grösser als 53 000 sind grösser als 12.• Der Kundenberater ist König.• Hugenotten schätzen kein Bling-Bling.• Mit Gérald Genta kommen Sie nicht weit.• Es könnte schlimmer sein.Uhren für die Happy FewAudemars Piguet ist am äussersten Zipfel der Westschweiz, in Le Brassus, Vallée de Joux, beheimatet. Dort entstehen in der AP-Manufaktur jährlich rund 53 000 Uhren. Diese Zahl sollten Sie sich merken, denn weiss man sie ins Verhältnis zu setzen, wird einiges klar.Erstens dürften weltweit x Millionen Leute an einer Einsteiger-«Royal Oak» interessiert sein, der Drei-Zeiger-Uhr mit blauem Zifferblatt im 41-Millimeter-Gehäuse aus Stahl. Kostenpunkt: derzeit 25 200 Franken.Zweitens produziert AP neben Dutzenden verschiedenen «Royal Oak»-Varianten (verschiedene Grössen, Materialien, Komplikationen und Dekorationen) auch noch andere Kollektionen, etwa die «Royal Oak Offshore», die 2019 lancierte «Code 11.59» (merken Sie sich diesen sperrigen Namen) oder die «Neo Frame», das jüngste Kind des Hauses. Das heisst, dass die Zahl der jährlich verfügbaren Einsteiger-AP dramatisch kleiner ist als 53 000.Diese teilt die Zentrale in Le Brassus, drittens, auf die 84 Verkaufspunkte weltweit zu. Unter dem Strich heisst das viertens, dass zum Beispiel das «AP House» in Zürich jedes Jahr etwa ein Dutzend Kunden mit der begehrten Einsteiger-«Royal Oak» mit blauem Zifferblatt beglücken kann. Im Vergleich dazu gibt es «Royal Pop»-Uhren wie Sand am Meer.Von wegen der Kunde ist KönigMit LeBron James (Basketball), Jay-Z (Hip-Hop) und Juan Carlos I. (Spanien) tragen zwar mehrere selbsternannte und ehemalige Könige Audemars Piguet. Aber der AP-Kunde ist nicht König, im Gegenteil: Er muss die Sales Associates – so heissen die Uhrenverkäufer offiziell – in seiner Boutique pflegen. Anders als beim Porsche-Händler genügt es nicht, ein Mal einen ausgedehnten Termin im Showroom wahrzunehmen und dem Berater sein Kaufinteresse an einer «Royal Oak» in die Kundendatenbank zu diktieren.Es empfiehlt sich, regelmässig vorbeizugehen, jede Einladung wie zum Beispiel die zum Weihnachtsapéro wahrzunehmen und sich bei jedem Gang zwei Dinge in Erinnerung zu rufen: Die Macht liegt beim Sales Associate. Und dieser ist auf genau eine Sache getrimmt: den Kunden auf tausend verschiedene Arten höflich Nein zu sagen.Es gibt denn auch kein Patentrezept, wie man die Bastion der Kundenberater knackt, man muss experimentieren. Gehen Sie auch einmal auf einen Schwatz in die Boutique, und lassen Sie sich die uhrmacherischen Finessen einer «Code 11.59» – bei AP ist man ziemlich stolz auf diese Kollektion – erklären. Sie können noch weiter gehen und gar keine Uhr anschauen. Betteln Sie nie, und käuen Sie auch nicht wie alle anderen das «Ich will eine Royal Oak» wieder. Testen Sie unkonventionelle Zugänge («Meine Patek will ich, wenn ich am Samstag Altglas entsorgen gehe, nicht tragen. Mit einer AP dagegen...»).Ihr Ziel muss sein, aus der Masse der Kaufwilligen herauszustechen und dem König positiv in Erinnerung zu bleiben. Darum gilt auch: Immer bestimmt, aber höflich auftreten. Wenn Sie nicht gerade Jeff Bezos sind, werden Sie mit lautem, protzigem Auftreten verlieren. Das hat mit der DNA von Audemars Piguet zu tun.Bescheidenheit ist eine ZierWer den Aufwand nicht scheut, sollte an den Hof in Le Brassus fahren. Vordergründig kann der Kunde dort auf die Schnelle «credibility»-Punkte für seinen Eintrag in der AP-Datenbank sammeln. Etwa indem er eine Führung durch das «Musée Atelier» mitmacht; an einer «Masterclass» versucht, den Strichschliff (den Begriff bitte merken!) auf der «Royal Oak»-Lünette anzubringen; im Hotel des Horlogers von Audemars Piguet nächtigt.Wenn Sie dort am Morgen früh aus dem Fenster schauen und die karge Schönheit des Vallée de Joux auf sich wirken lassen, werden Sie die Gülle riechen, die der Bauer ausbringt. Nehmen Sie diesen Eindruck bewusst in sich auf, er ist viel wichtiger als Punkte in der Datenbank. Denn er ist Teil der über 150-jährigen Geschichte von Audemars Piguet. Die ersten Uhrmacher im Tal waren gleichzeitig Bauern, so auch die Familie Audemars. Die hugenottischen Vorfahren der Audemars’ waren im 16. Jahrhundert aus dem französischen Grenoble geflüchtet, als Calvin in Genf die Reformation vorantrieb.Im Winter – damals lag viel mehr Schnee als heute – waren die Bauern im Vallée de Joux oft abgeschnitten von der Welt und produzierten in Heimarbeit Uhrwerkteile. 1875 richtete Jules-Louis Audemars im elterlichen Bauernhaus eine Werkstatt zur Herstellung komplizierter Uhrwerke ein. 1881 spannte er mit Edward-Auguste Piguet zusammen – und Audemars Piguet belieferte bald die damals grössten Marken der Welt: unter anderen Tiffany, Cartier, Breguet, Patek Philippe oder Vacheron Constantin.Es droht ob all dem Gold, Platin und den Brillanten, in den «AP Houses» unterzugehen, aber: Bescheidenheit, Fleiss und Handwerkerstolz gehören zum Erbe der Familienfirma. Wer um diese Wurzeln weiss und sie auch respektiert, kann bei den Sales Associates eher Sympathiepunkte gewinnen als mit neureichem Bling-Bling-Auftreten.Die inneren Werte zählenWas alle der Millionen Kaufinteressierten wissen dürften: Der legendäre Uhrendesigner Gérald Genta hat die «Royal Oak» im Auftrag von AP entworfen, und zwar über Nacht. Sie wurde 1972 an der Basler Uhrenmesse vorgestellt und zuerst gehasst. Dann aber begründete sie das Genre der Luxus-Sportuhr aus Stahl. Das alles wird Ihnen im Verkaufsgespräch nichts bringen, Sie brauchen mehr als Commodity-Wissen.Objekt der Begierde: Die «Royal Oak» für Einsteiger.Audemars PiguetBefassen Sie sich mit Mechanik, Handwerk und Geschichte, am besten weit über die Marke Audemars Piguet hinaus. Lernen Sie Jargon, sagen Sie auch einmal «Satinierung» statt «Strichlinien». Verwechseln Sie «Chronograf» nicht mit «Chronometer». Betrachten Sie im «AP House» als Erstes das Uhrwerk der «Royal Oak» und Zifferblatt sowie Gehäuse erst später.Aber aufgepasst, gerade ältere Männer haben die Tendenz, es zu übertreiben, sich zu viel Wissen anzueignen und dieses auch noch bei jeder sich bietenden Gelegenheit weiterzugeben. Betreiben Sie im «AP House» ja kein «Clientsplaining»! Das schätzen die Sales Associates überhaupt nicht, sie werden es gegen Sie verwenden. Denn Sie wissen ja, die Verkäufer sind König.Es könnte schlimmer seinDer Weg zur «Royal Oak» ist lang und steinig. Halten Sie durch, und verzweifeln Sie nicht. Es könnte noch schlimmer sein. Patek Philippe hat seine gesuchteste Uhr, die Drei-Zeiger-«Nautilus» in Stahl, entworfen von einem gewissen Gérald Genta, aus dem Sortiment genommen. Und für die komplizierteren und teureren «Nautilus»-Modelle wird niemand mehr auf die Warteliste genommen.Quellen: Audemars Piguet: «The Watch: Stories and Savoir Faire». Flammarion, Paris, 2025. Daniel Hug, Chanchal Biswas (Hrsg.): «Schweizer Wirtschaftsdynastien». NZZ Libro, Zürich, 2013.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel