PfadnavigationHomeIconWatchesHaute HorlogerieJenseits der „Royal Oak“: Wie Audemars Piguet sein Portfolio erweitertVeröffentlicht am 27.02.2026Lesedauer: 6 MinutenHohe Kunst: Die Taschenuhr, die Audemars Piguet präsentierte, hat einen Mechanismus, der hohe Feiertage für Christen und Muslime sowie den chinesischen Neujahrstag anzeigtQuelle: PRLange war das Haus vor allem für seine Sportuhr „Royal Oak“ bekannt. Nun versuchen die Schweizer, Uhren neben dem Klassiker zu etablieren. Die Vorstellung der neuen Modelle zeigte: Es geht voran, aber es bleibt noch Arbeit.Wenn es etwas gibt, über das sich die Schweizer Uhrenindustrie neben der Liebe zum Kunsthandwerk definiert, dann ist es ihre Diskretion. Die Modelle mögen inzwischen gewagter designt sein denn je, aber im Umgang mit der Klientel herrscht Zurückhaltung. Mit besten Gründen: Wer viel Geld für mechanische Zeitmesser ausgibt, will vielleicht, dass die Umwelt das Teil bemerkt – beim Kauf aber braucht niemand fremde Zuschauer.Doch auch viele Manufakturen lassen Besuche eher spärlich zu, obwohl sie schon vermehrt stattfinden. Uhren umgibt ein Mythos. Er wurzelt in der Frage, wie es möglich ist, die Kräfte der Natur in ein Räderwerk zu übersetzen, das über Jahrzehnte mit höchster Präzision arbeitet. Dieses Geheimnis zu wahren, liegt nur im Interesse der Hersteller; es macht einen Großteil der kulturellen Strahlkraft von Mechanik am Handgelenk aus. Den Mut, an dieser Strategie zu rütteln, haben nur Wenige. Zu ihnen zählt Ilaria Resta: Als CEO von Audemars Piguet steht sie einem Unternehmen in Familienhand vor, das gemeinsam mit Patek Philippe und Vacheron Constantin die Spitze der Feinuhrmacherei in industriellem Stil bildet. Bei der Präsentation der Neuheiten in Andermatt ruft die gebürtige Italienerin eine Ära radikaler Offenheit ihrer Manufaktur aus.2025 feierte die Firma aus Le Brassus im Vallée de Joux 150 Jahre ihres Bestehens. Resta zufolge lassen sich die nächsten 150 Jahre nur bestreiten, wenn man jedem Interessierten möglichst viel von dem zeigt, was in den Werkshallen und Ateliers vor sich geht. Dieses Programm drehe sich nicht allein um Audemars Piguet, erläutert Resta, sondern um die Uhrmacherei allgemein. Zwei Probleme habe das Handwerk zu meistern: Erstens müsse die junge Generation davon überzeugt werden, dass mechanische Uhren hohe Investments wert seien. Zweitens brauche die Industrie stets Nachwuchs, damit die Qualität stimme. Dafür müssen die Schweizer die Tatsache ernst nehmen, dass die heutige Generation mit einem besseren Zugang zu Information und Desinformation aufwächst als alle Jugendlichen zuvor. Offenheit dürfte die beste Methode sein, um diesem Phänomen Rechnung zu tragen. Bei der Veranstaltung in Andermatt gibt das Unternehmen Journalisten und Topkunden eine klare Vorstellung davon mit, was sie sich unter Restas Konzept vorstellen können.Lesen Sie auchDer Ort, den sich die Manufaktur ausgesucht hat, zeigt ihren Anspruch: Das Hotel „Chedi“ entpuppt sich als ein Palast, in dem sich dunkles Holz mit gelbem Sandstein und warmen Lichtarrangements mischt; die Suiten mit ihren zwei Schlafzimmern, Küche und einem langen Konferenztisch bieten locker Platz für eine Familie. Selbst bei Kollegen, die seit Jahrzehnten in dieser Art von Luxus schwimmen, herrscht Erstaunen. Am ersten Abend hätte es auf eine Hütte gehen sollen, aber Schnee und Wind verhindern die Exkursion. Also steigt der Cocktail spontan im Restaurant – doch alles wirkt so mühelos, als habe sich das Team über Monate auf diesen Fall vorbereitet.Journalisten aus allen Teilen der Welt haben sich eingefunden. Länder und Kontinente nehmen Kontakt miteinander auf und zeigen, wie es um ihre Fähigkeit zum Smalltalk bestellt ist. Zum Glück gibt es das Uhrenthema, so muss man weniger über das Wetter, das Essen oder die Bekleidung der Anwesenden reden. Die vorab geteilten Fotos der neuen Uhren lassen viel erwarten.Am Morgen des zweiten Tags erkennen die Besucher, dass hier mehr im Gange ist als die Vorstellung von Zeitmessern. Die Manufaktur hat Teile ihrer Ateliers mit nach Andermatt gebracht, die Presseleute sind eingeladen, sich an Arbeitsschritten zu probieren. Doch zuerst sind Roboter aus dem Labor zu besichtigen, die Uhren harten Tests unterziehen. Ohne durch computergesteuerte Maschinen wären heute weder die Teile sauber genug noch ihre Überprüfung; die menschliche Hand kommt zwischendurch ins Spiel.Jede Neuheit wird einzeln inszeniert. Audemars Piguet hatte unter Ilaria Restas Vorgänger François-Henry Bennahmias einen Boom erlebt. Die Strategie dahinter war riskant: Dem Franzosen war es gelungen, einen beispiellosen Hype um die 1972 vorgestellte Sportuhr „Royal Oak“ und ihre Ableitungen zu entfachen. Dafür band er Basketballstars, Boxer und Rapper an sein Haus. Daneben hatte die „Code 11.59“-Serie kaum Platz, die Bennahmias 2019 auf den Markt brachte. Nun ist die größte Hysterie um den Klassiker mit der achteckigen Lünette verflogen. Für das Unternehmen bedeutet das: Es muss beweisen, dass mehr in ihm steckt, als die Nachfrage nach einem Modell auf die Spitze zu treiben. Das Fundament dafür ist gegeben – vor der „Royal Oak“ war die Firma für feine, dünne Dresswatches bekannt, die es mit Komplikationen wie Ewigen Kalendern oder Klangmechanismen höchster Güte ausstattete. Daran knüpfen vor allem zwei Novitäten an: Ein rechteckiges Modell, das statt eines Zifferblatts nur digitale Nummern zeigt, und bei dem die Stundenanzeige alle 60 Minuten eine volle Stunde vorrückt, oder, wie es im Fachjargon heißt: springt. Die Vorlage für das Teil stammt aus den 1920er-Jahren, daher die Art-Déco-Anmutung. Das Prunkstück aber ist eine Taschenuhr, die sich Ilaria Resta direkt nach ihrem Eintritt von dem Konstrukteur Giulio Papi gewünscht hatte. Dieser Mann gehört zur absoluten Techniker-Elite. Er hat schon eine Armbanduhr mit mehr als 40 Funktionen für Audemars Piguet gebaut und auch diesmal Exzellentes geliefert: Das Ergebnis ist so klein, dass es in die kleine Seitentasche einer Jeans passt – dafür war diese Tasche nämlich ursprünglich gedacht. Dazu ermöglicht das Teil etwas, das noch nie mechanisch gelöst wurde: Die Uhr zeigt ihrem Besitzer Jahr für Jahr die höchsten Feiertage verschiedener Kulturkreise an: das christliche Osterfest, den Beginn des islamischen Ramadans und das chinesische Neujahrsfest. Die Mathematik, die dahintersteckt, sorgt bei Papis Zuhörern für einen Brummschädel. Der Gregorianische Kalender basiert auf dem Zyklus, in dem die Erde um die Sonne kreist, der islamische Kalender richtet sich nach Mondzyklen, die Chinesen vermischen die beiden Systeme. Das zu synchronisieren, erfordert ein Hirn mit einer ganz speziellen Beschaffenheit. Aber Papi bleibt in seinem Plauderton – Englisch mit minimalem italienischem Einschlag – und tut, als ob das alles nichts Besonderes gewesen wäre. Lesen Sie auchVor zwölf Jahren habe er sich erstmals mit dem Teil beschäftigt, sagt der Konstrukteur, deshalb habe er ein Fundament zur Verfügung gehabt, als Ilaria Resta fragte; und dass auch er nicht alle Mechanismen auf einmal erdacht habe, sondern jede Funktion für sich, beruhigt sein Publikum, wenn auch nur ein bisschen. Ein Kollege Papis hat den komplexen Mechanismus als vergrößertes Modell aus Plastik mitgebracht – aber auch bei dieser Demonstration bleibt das Räderwerk Alchemie. Und alles ist so aufwendig, dass nur eine niedrige einstellige Zahl an Taschenuhren pro Jahr gebaut werden. Zu diesen Meilensteinen interpretiert die Manufaktur auch ihre „Royal Oak“ und „Code 11.59“-Serie mit neuen Durchmessern, Materialien und Looks. Die Kollektion ist am Abend das große Thema. Audemars Piguet hat in einen Bunker eingeladen, der in einen Berg eingelassen ist. Bei den Eidgenossen im Raum weckt das Erinnerungen an ihren Wehrdienst, oft müssen sie wochenweise in derlei Anlagen ausharren. Die meisten anderen kommen sich ein Stück cooler vor, und das war wohl auch das Kalkül. Zum Menü des Drei-Sterne-Kochs Sven Wassmer mit lokalem Lachs und Rind von Berggestein umgeben zu sein, das gibt es vermutlich nur einmal im Leben. Auf jeden Fall hat die Manufaktur ein Zeichen gesetzt: Ganz egal, wie der Markt performt, wir werden alles daransetzen, Uhrmacherei auf höchstem Niveau zu bringen. Und das ist in Zeiten, in denen der größte Hype vorbei ist, sicher eine gute Strategie. Wenn es nicht sogar die einzige Strategie ist, die bleibt.