Chef der inoffiziellen National-Airline von Kosovo sitzt in U-Haft – an Schweizer Flughäfen droht ein Grounding-ChaosGP Aviation ist die grösste Airline Kosovos – vor allem dank Flugverbindungen in die Schweiz. Vor der Sommersaison ist die Unsicherheit gross.23.05.2026, 21.45 Uhr4 LeseminutenGP Aviation verbindet die Schweiz mit Kosovo.ImagoWenn es um Steuern geht, kennen die deutschen Behörden keinen Spass. Das erfährt ein Schweizer Pilot und Airline-Gründer gerade am eigenen Leib. Er sitzt seit Mitte April in Deutschland in Untersuchungshaft, nachdem er mit einem internationalen Haftbefehl gesucht worden ist.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die zuständige Staatsanwaltschaft Dresden äussert sich nicht zu dem Fall. Bulgarische Medienberichte von Mitte Woche, welche die Verhaftung publik machten, hat die Freundin des Piloten aber mittlerweile im «Blick» bestätigt. Auch, dass es um Steuerschulden geht, welche die Luftfahrtgesellschaft GP Aviation beim deutschen Staat hat. Insgesamt sollen 9 Millionen Euro ausstehen. Der inhaftierte Pilot ist mit seinen Initialen Namensgeber der Airline.Diese fliegt täglich in die Schweiz und hat mit Zürich, Genf und Basel alle drei grossen Flughäfen des Landes im Programm – an manchen Tagen mehrmals. Der Betrieb läuft vorerst weiter. Wenn es nach den Schweizer Behörden geht, hat die Airline trotz dem laufenden Fall nichts zu befürchten.GP Aviation sei im Besitz eines Luftverkehrsbetreiberzeugnisses und einer Betriebsbewilligung des EU-Staates Bulgarien, schreibt das Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl) auf Anfrage. Dies bilde die Grundlage für die Schweizer Bewilligung. «Die Verantwortung liegt bei der bulgarischen Zivilluftfahrtbehörde.»Für Kosovo ist GP Aviation so etwas wie die inoffizielle National-Airline. Sie hat vor zwei Jahren eine Ausschreibung für Flüge in die Schweiz gewonnen. Diese wurde nötig, weil Kosovo keine eigene Airline hat. Der Staatsvertrag zwischen der Schweiz und Kosovo sieht deshalb vor, dass Kosovo dafür eine in der EU lizenzierte Airline für die Flüge nach Zürich und Genf – der Euro-Airport Basel liegt auf französischem Staatsgebiet – nominieren kann.Marktführer in PristinaInsbesondere dieser Zuschlag verschaffte dem jungen Unternehmen einen kräftigen Schub. Denn Zürich und Basel sind die wichtigsten Verbindungen ab dem internationalen Flughafen von Pristina, der Hauptstadt von Kosovo. Dort hat GP Aviation den höchsten Marktanteil – vor Easy Jet und der Schweizer Chair Airlines. 2025 hat die Airline 1,3 Millionen Passagiere transportiert. Das sind 42 Prozent mehr als das Jahr davor.Geschafft hat das die Airline innerhalb von fünf Jahren. Dabei wurden auch lokale Konkurrenten am Flughafen Pristina verdrängt. Nicht nur das schnelle Wachstum sorgt bei Beobachtern für Stirnrunzeln, sondern auch die verschachtelte Struktur des Unternehmens. Im Wesentlichen handelt es sich um eine Schweizer Airline, welche im Besitz einer bulgarischen Fluglizenz ist und damit in Kosovo eine Airline-Basis betreibt.Denn: Gegründet wurde das Unternehmen in der Schweiz. Auf der Website wirbt es mit dem Motto: «Schweizer Präzision in der Aviatik». Die ersten Passagierflüge ab Kosovo bot es 2021 nach Deutschland an. Einen bulgarischen Flughafen fliegt GP Aviation nicht an – trotz der dort ausgestellten Lizenz. Dafür deutet vieles darauf hin, dass die Airline einen wesentlichen Teil des Geschäfts von der Schweiz aus steuert.Die Zielgruppe der Airline ist die kosovarische Diaspora. Anfliegen tut GP Aviation vor allem Städte, in deren Umkreis grössere kosovarische Gemeinden leben. Neben der Schweiz bedient sie auch Destinationen in Deutschland und Skandinavien.Der sogenannte «Ethnic Travel»-Markt – die Reisen bestimmter Bevölkerungsgruppen in ihre Heimat – ist stark umkämpft. Neben GP Aviation wird die Strecke Zürich–Pristina nämlich von nicht weniger als vier weiteren Airlines bedient: Easy Jet, Swiss, Edelweiss und Chair. Entsprechend tief sind die Preise. Tickets gibt es ab 100 Franken retour.GP Aviation setzt im Kampf um Marktanteile auf tiefe Preise und ist in Sachen Gepäck besonders grosszügig: Ein 20-Kilo-Koffer ist im Ticket inbegriffen. Für Kosovaren, die oft viele Mitbringsel für ihre Angehörigen bei sich haben, ist das ein ausschlaggebendes Argument.Dafür darf man als Passagier nicht allzu viel Komfort erwarten. Die Flugzeuge heben eher zu Randzeiten ab. Der Flug von Pristina ins schwedische Växjö-Smaland zum Beispiel startet um 3 Uhr 10 in der Nacht. Kommt hinzu, dass die Flotte mit einem Durchschnittsalter von über 30 Jahren zu den ältesten in Europa gehört.Die Frage ist jetzt, wie es mit GP Aviation weitergeht. Gemäss der Freundin des inhaftierten Piloten steht die Zukunft des Unternehmens auf dem Spiel. Auf Fragen, etwa ob die Airline genügend finanzielle Reserven habe, um dem deutschen Staat die Steuerschulden zurückzuzahlen, reagiert das Unternehmen nicht. Sicher ist, dass es in einem Geschäft operiert, in dem Minimargen die Regel sind.Neuer BesitzerDie Firma ist in ein schwer zu durchschauendes Konstrukt eingebettet. Offensichtlich ist sie eng mit einem Online-Reisebüro namens Holiday Center aus dem deutschen Weil am Rhein verbandelt, das auch unter dem Namen Prishtinaticket auftritt. Diese Plattform verkauft nur Flugtickets von GP Aviation. Gemäss einer bulgarischen Unternehmensplattform ist der Chef des Reisebüros, er heisst Edvin Rramanaj, der neue Eigentümer von GP Aviation. Ob dies daran liegt, dass der Gründer in U-Haft sitzt, lässt sich nicht in Erfahrung bringen. Denn auch Rramanaj reagiert nicht auf Kontaktversuche.Sicher ist, dass ein Grounding der Airline an Schweizer Flughäfen für ein grösseres Chaos sorgen könnte. Die Hochsaison der Heimatreisen steht an. Viele Kosovaren verbringen den Sommer bei Verwandten, wobei GP Aviation einen wesentlichen Teil von ihnen dorthin bringen dürfte. Doch mit dem Chef im Gefängnis und hohen Schulden ist unklar, ob die Airline den Betrieb aufrechterhalten kann. Zumal die Airline kaum öffentlich kommuniziert. Schlimmstenfalls stranden Tausende Passagiere.Das Bazl weist darauf hin, dass die Schweizer Fluggastrechteverordnung bei GP Aviation nicht zur Anwendung kommt, da es sich per Definition nicht um eine Schweizer Airline handelt. Sollte es zu einer Annullierung von Flügen kommen, sollten sich die Passagiere an das Reisebüro wenden, bei welchem sie den Flug gebucht haben, damit dieses eine Umbuchung vornimmt. Bei der engen Verbandelung zwischen der Airline und den Reisebüros ist jedoch fraglich, ob das in diesem Fall helfen würde.Und was ist, wenn man direkt bei der Airline ein Ticket gebucht hat? «Falls eine Kontaktaufnahme, zum Beispiel wegen Insolvenz, nicht möglich ist, müssten die Passagiere selber einen Flug buchen», schreibt das Bazl. Der Start in die Sommerferien könnte turbulent werden.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel