InterviewDer oberste Arbeitgeber über «Lifestyle-Teilzeit» und Frühpensionierung: «Das ist wohl eher eine Neid-Diskussion»Der Arbeitgeberpräsident Severin Moser erklärt, wie er die Schweizer wieder zu mehr Fleiss motivieren will. Und warnt davor, dass wir in einer 10-Millionen-Schweiz alle noch viel länger arbeiten müssten.23.05.2026, 22.01 Uhr6 LeseminutenSeverin Moser, Präsident des Schweizer Arbeitgeberverbandes.Christian Beutler / KeystoneOptimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Herr Moser, provozieren Sie einfach gerne, oder wollen Sie wirklich die Abstimmung zur 10-Millionen-Schweiz verlieren?Wie meinen Sie das?Sie kritisieren das Phänomen der «Lifestyle-Teilzeit», also die Tatsache, dass vor allem gut ausgebildete, über 50-Jährige nicht mehr Vollzeit arbeiten. Und damit verärgern Sie doch genau jene Kreise, die Sie mit Ihrer Kampagne für ein Nein am 14. Juni gewinnen wollen.Wir sind überhaupt nicht gegen Teilzeit, im Gegenteil. Wir befürworten Teilzeitarbeit, und wir akzeptieren auch «Lifestyle-Teilzeit». Es ist das gute Recht der Leute, sich dafür zu entscheiden, wenn sie das wollen. Diese Kritik, insbesondere jene, wir hätten bewusst eine ganze Generation «diffamieren» wollen, wurde uns von den Medien angedichtet.Ihr Verband hat das Thema ja selber lanciert.Wir haben nüchtern analysiert, welche Altersgruppe aus welchen Gründen Teilzeit arbeitet. Den Skandal haben dann andere daraus gemacht. Der springende Punkt ist: Wenn weniger gearbeitet wird, als möglich wäre, verschärft dies unseren Fachkräftemangel. Wir versuchen darum, Massnahmen zu finden, um das vorhandene inländische Arbeitspotenzial besser zu nutzen – das sind primär Frauen, ältere Arbeitnehmer, Asylsuchende oder eben Teilzeitangestellte. Unsere Frage ist: Was muss man ändern am System, damit diese Leute mehr arbeiten?Trotzdem hat der Begriff Lifestyle-Teilzeit viel Unmut ausgelöst.Gemeint ist der bewusste Entscheid für Teilzeit, nicht wegen Kindern, Krankheit oder Ausbildung, sondern weil man schlicht keine Lust hat auf ein 100-Prozent-Pensum. Das ist auf individueller Ebene völlig okay, die Firmen bieten solche Stellen ja gerne an. Aber aus volkswirtschaftlicher Perspektive muss die Frage erlaubt sein, wo wir im Inland Arbeitskräftepotenzial quasi verschenken. Und was man im System ändern muss, damit sich diese Menschen vielleicht entscheiden, wieder mehr zu arbeiten beziehungsweise ihr Pensum gar nicht erst zu reduzieren.Ihr Verband bezeichnet diese Teilzeit als «Wohlstandskonsum».Ja, man muss sich Teilzeit aus freien Stücken natürlich leisten können. Aber wie gesagt: Uns geht es um die systemische Frage.Ist es denn der richtige Zeitpunkt für diese Debatte? Wer Abstimmungen gewinnen will, muss die Ü55-Generation auf seine Seite bringen, das sagt auch der Politologe Michael Hermann. Sie tun das Gegenteil.Erstens bilden diese freiwilligen Teilzeitangestellten ja immer noch nur eine kleine Minderheit. Und zweitens kritisieren wir nicht eine Generation oder gar die einzelnen Angestellten, sondern das System dahinter. Brauchen wir wirklich eine so hohe Steuerprogression, dass ein grosser Teil des Zusatzeinkommens wieder an den Staat geht? Müssen die Kita-Tarife mit dem Einkommen so stark steigen? Wir finden, man sollte diese Belastungen anpassen, damit sich das Arbeiten wieder mehr lohnt.Derzeit wird auch über ein weiteres Thema debattiert, durch das Arbeitskräfte verlorengehen: die Frühpensionierungen. Der Bundesrat will darum das Mindestrentenalter bei den Pensionskassen von 58 auf 63 erhöhen. Doch dagegen opponieren Sie. Das ist doch ein Widerspruch.Nein, gar nicht. Die AHV hat ein grundlegendes Finanzierungsproblem, das es zu lösen gilt. Dazu trägt ein Stopp von Frühpensionierungen in der Pensionskasse so gut wie nichts bei, das ist wohl eher eine Neid-Diskussion. Zudem finden wir es falsch, die Probleme in der ersten Säule mit Verboten in der zweiten Säule zu lösen. Das Pensionskassen-System basiert auf sozialpartnerschaftlichen Vereinbarungen in den einzelnen Betrieben, da entscheiden die jeweiligen Stiftungsräte, wie sie dieses Thema handhaben wollen.Sie sagen Neid-Diskussion. Man könnte auch sagen, Sie lobbyieren für die Gutverdienenden, denn nur sie können sich ja eine Frühpensionierung leisten. Das ist doch unsozial.Ich finde nicht. Der soziale Ausgleich findet hauptsächlich über die AHV statt. In der zweiten Säule spart jede und jeder für sich selber. Und die Leistungen hängen davon ab, wie lange und – apropos Teilzeit – wie viel man arbeitet und einzahlt. Also sollte dort auch der Einzelne entscheiden können, wie er seine Laufbahn gestaltet.Aber Sie sagen ja, wir sollten alle grundsätzlich länger arbeiten.Ja, natürlich. Wir als Gesellschaft. Doch um dieses Problem zu lösen, bringt dieses Verbot nichts. Da braucht es eine systemische Lösung in der AHV – und die kann angesichts unserer steigenden Lebenserwartung eigentlich nur sein, dass wir das Referenzalter erhöhen.Was das Volk aber nicht will.Das Volk hat 2024 über ein Modell abgestimmt, das einen Automatismus vorsah, und nicht über die Frage, ob wir grundsätzlich länger arbeiten sollten. Natürlich, diese Diskussion ist schwierig. Aber wenn man das Thema gut erklärt, breit diskutiert und sorgfältig umsetzt, das Referenzalter in kleinen Schritten erhöht oder branchenweise regelt, könnte man das Volk sicher mitnehmen. Leider haben es die zuständigen Bundesräte in den letzten zehn Jahren verpasst, diese Debatte vorzubereiten. Die Reform, die der Bundesrat diese Woche präsentiert hat, ist mutlos. Man hat den Weg des geringsten Widerstandes gewählt. Nachhaltig ist das nicht.Sie werden nächstes Jahr 65. Wie sieht es mit Ihrer Pensionierung aus?Der Arbeitgeberverband wählt den Präsidenten jeweils für eine Amtsperiode von drei Jahren – und ich stelle mich dieses Jahr gerne wieder zur Wahl.Wer wie viel arbeitet, darüber diskutieren wir auch im Abstimmungskampf um die 10-Millionen-Initiative. Nun könnte man sagen, die Zuwanderung bringt uns den Wohlstand, der uns erlaubt, Teilzeit zu arbeiten oder früher in Rente zu gehen. Warum also sollten wir darauf verzichten?Ja, die Zuwanderung ist ein Hauptgrund für den hierzulande sehr hohen und breit verteilten Wohlstand. Aber vor allem sind wir angewiesen auf diese Arbeitskräfte. Viele Branchen würden gar nicht mehr funktionieren ohne ausländische Arbeitskräfte. In welcher Form der zusätzliche Wohlstand konsumiert wird, ist ein individueller Entscheid. Wer es sich leisten kann, geht vielleicht früher in Pension oder reduziert sein Pensum.Darf sich über die Zuwanderung beschweren, wer Teilzeit arbeitet?Alle, ob sie nun Teilzeit arbeiten oder Vollzeit, die den bisherigen Wohlstand halten wollen, sollten sich sehr gut überlegen, was sie am 14. Juni abstimmen. Denn die Demografie ist klar: Der Anteil der arbeitstätigen Bevölkerung fällt massiv, aber die Gesamtbevölkerung bleibt hoch. Diese Diskrepanz adressiert die Initiative überhaupt nicht.Wer Ja stimmt, sollte also bereit sein, länger und mehr zu arbeiten?Das ist so. Bei einem Ja müssten wir mehr arbeiten. Sonst sinkt unser Wohlstand.Verstehen Sie die Leute, die sich fragen, ob das Wachstum einfach immer so weitergehen kann?Ich kann die Sorgen nachvollziehen. Aber die Folgen des Wachstums sind einfacher zu bewältigen als die Folgen einer schrumpfenden Volkswirtschaft. Keiner in der Schweiz hat eine Ahnung davon, was sinkende Steuereinnahmen und sinkende Sozialbeiträge bei demografisch bedingten höheren Ausgaben für die Sozialwerke bedeuten würden. Da sind mir ein paar Leute mehr im Land lieber. Das kann man organisieren.Und dennoch wird die Abstimmung zur Zitterpartie. Wie wollen Sie das Blatt noch wenden?Ich zähle auf den gesunden Menschenverstand und glaube, dass wir diese Abstimmung gewinnen. Aber es wird knapp. Es besteht die Gefahr, dass eine Gruppe diese Abstimmung nutzen will, um der Politik einen Denkzettel zu verpassen. Wir versuchen aufzuzeigen, wie gravierend die Konsequenzen wären. Das werden wir bis zum letzten Tag des Abstimmungskampfes tun.Offenbar hat die Wirtschaft wieder einmal Mühe, beim Volk Gehör zu finden. Wie erklären Sie sich das?Wir müssen uns an der eigenen Nase nehmen. Viel zu wenige Wirtschaftsvertreter bekleiden heute ein politisches Amt, ob beim Bund oder in den Gemeinden. So sitzt die Wirtschaft oft nicht mit am Tisch, wenn debattiert und entschieden wird. Ein Problem dabei ist, dass der Aufwand für ein politisches Amt stark zugenommen hat. Die meisten nationalen Parlamentarier sind nur noch auf dem Papier Milizpolitiker. Und den wenigen, die daneben noch ein Unternehmen führen, merkt man die Doppelbelastung an. Wir überlegen uns, wie sich das verbessern liesse, leider haben wir auch noch keine Patentlösung.Zur PersonDer 63-jährige Zürcher präsidiert seit 2023 den Arbeitgeberverband, zuvor war er an diversen leitenden Stellen in der Versicherungsbranche tätig, unter anderem als Vorstandsvorsitzender der Allianz. Moser war früher erfolgreicher Leichtathlet und Olympionike, heute fiebert er mit Tochter Angelica mit, der Europameisterin im Stabhochsprung.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel