Deutsche Ausweisdokumente sind begehrt wie nie seit Einführung der amtlichen Statistik im Jahr 2000: In der Bundesrepublik zeichnet sich einem Medienbericht zufolge ein neuer Einbürgerungsrekord ab. Nach Recherchen der „Welt am Sonntag“ („WamS“) erhielten im vergangenen Jahr mehr als 309.000 Menschen den deutschen Pass.Damit würde die Zahl über dem bundesweiten Rekordwert von knapp 292.000 Einbürgerungen im Jahr 2024 liegen. Und die Behörden in den Bundesländern erwarten für 2027 einen weiteren Boom.Die Daten stammen der Zeitung zufolge aus 14 Bundesländern, nur Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt fehlen. Aus den Ländern Niedersachsen, dem Saarland und Schleswig-Holstein gibt es keine Gesamtzahlen, allerdings hätten fast alle Städte und Kreise dieser Länder ihre Einbürgerungsdaten auf Anfrage zur Verfügung gestellt. Teilweise handelt es sich noch um vorläufige Werte. In Berlin Zahl der Einbürgerungen verdoppelt Der starke Anstieg ist dem Bericht zufolge nach Einschätzung vieler Behörden auf mehrere Entwicklungen zurückzuführen. Zum einen haben Migranten aus den Zuzugsjahren 2015 und 2016 in den vergangenen Jahren die notwendige Aufenthaltsdauer für eine Einbürgerung erreicht.Zum anderen wirkt die Mitte 2024 in Kraft getretene Reform des Staatsangehörigkeitsrechts nach, mit der die frühere Ampelregierung die Voraussetzungen für den deutschen Pass erleichtert hatte. So sind Einbürgerungen inzwischen bereits nach fünf statt bislang acht Jahren möglich. Außerdem wird die doppelte Staatsbürgerschaft grundsätzlich akzeptiert – vorausgesetzt, die sonstigen Kriterien sind erfüllt, darunter die selbstständige Sicherung des Lebensunterhalts.Berlin hat dem Bericht zufolge mit 39.034 Personen fast doppelt so viele Personen eingebürgert wie im Jahr 2024. In Brandenburg wurden 4695 Ausländer eingebürgert – 25 Prozent mehr als im Vorjahr. Wichtigstes Herkunftsland war in vielen Bundesländern weiterhin Syrien, daneben nahmen vielerorts die Einbürgerungen von türkischen und russischen Staatsangehörigen zu. Allein in Nordrhein-Westfalen wurden 3841 Russen eingebürgert – 67,4 Prozent mehr als im Vorjahr.Es handle sich bei den russischen Einbürgerungswilligen vermutlich um eine „gemischte“ Gruppe, sagte Dmitri Stratievski, Politologe und Leiter des Osteuropa-Zentrums Berlin, dem Blatt. Dazu gehörten Personen, die die für sie „politisch kritische Verbindung zu Russland“ abbrechen und deswegen Deutsche werden wollten.Andere ließen sich einbürgern, weil sie bereits länger in Deutschland lebten, behielten aber ihren russischen Pass, was meist private und nicht politische Gründe habe, etwa vereinfachte Besuchsmöglichkeiten von Angehörigen. Beantragen ab 2027 mehr Ukrainer den deutschen Pass? Mehrere Kommunen berichten demnach, dass sie aktuell rückläufige Antragszahlen feststellen, allerdings bereiten sie sich schon auf den nächsten Einbürgerungsboom vor. Denn im kommenden Jahr dürften nach Einschätzung mehrerer Behörden zunehmend Ukrainer nach dem deutschen Pass streben.„Da die erste große Fluchtwelle mit dem Beginn des Ukraine-Konflikts am 24.02.2022 einsetzte, erreichen die ersten Geflüchteten die notwendige fünfjährige Voraufenthaltszeit im Frühjahr 2027“, sagte ein Sprecher des Landkreises Aurich der Zeitung. Im März 2027 laufe der bislang gewährte kollektive Schutzstatus aus.„Um Rechtssicherheit zu erlangen, nutzen dann vermutlich viele Geflüchtete die verkürzte Fünfjahresfrist zur Einbürgerung, die durch die neue Zulassung der doppelten Staatsbürgerschaft zusätzlich an Attraktivität gewonnen hat.“Im Vergleich zu den Geflüchteten von 2015/2016 profitierten Ukrainer „von erheblichen strukturellen Vorteilen“. Dank des sofortigen Arbeitsmarktzugangs könnten viele die geforderte eigenständige Lebensunterhaltssicherung deutlich schneller vorweisen. Zudem entfielen langwierige Asylverfahren und Identitätsprüfungen. Es werde deswegen „mit einem erneuten sprunghaften Anstieg der Antragszahlen gerechnet“.Andere Kommunen rechnen demnach ebenfalls mit steigenden Antragszahlen, betonen allerdings, dass für Ukrainer aus dem aktuellen Schutzstatus heraus kein Rechtsanspruch auf Einbürgerung bestehe. Wie die Abfrage zeige, bestünden zum Teil unterschiedliche Auffassungen darüber, wie mit ukrainischen Flüchtlingen umzugehen ist, die den deutschen Pass anstreben.